„Ein Platz der Möglichkeiten“: Nachbar der Kaufhof-Ruine sieht nicht nur Probleme

Von Philip Hell · 27. August 2025 um 15:00

Florian Rottkes Leben spielt sich am Neupfarrplatz ab. Hier betreibt der Brücke-Stadtrat eine Designagentur und einen Kiosk. Der 40-Jährige ist mithin einer der engsten Beobachter eines Platzes, der vielen Regensburgern Sorgen macht – und das nicht erst, seit der Kaufhof geschlossen hat.

Video ansehen

Herr Rottke, Sie sind ein kreativer Mensch. Juckt es Sie nicht in den Fingern, wenn Sie aus Ihrer Agentur zum Kaufhof hinüber schauen?

Florian Rottke: Doch, natürlich. Im Prinzip war das mit dem Kiosk damals ähnlich. Wir haben draufgeschaut und da war ein Leerstand. Das wollten wir ändern. Natürlich ist der Kaufhof ein riesen Rad, das man dreht. Da etwas Sinnvolles rein zu machen, geht nicht über Nacht. Es braucht ein Konzept mit Hand und Fuß. Aber natürlich: Die Räumlichkeiten sind imposant und bieten Spielraum. Zum Beispiel die Büroetagen im Kaufhof in Richtung Kiosk. Da haben wir vor einigen Jahren schon überlegt, einen Co-Working-Space rein zu machen. Oder das Erdgeschoss. Da könnte man kleine lokale Shops und größere Marken mischen.

Eine Art Altstadt-DEZ?

Rottke: Genau, ein kleines Einkaufszentrum. Bei all diesen Ideen darf man aber nicht vergessen: Das Gebäude gehört einer Privatperson. Die entscheidet am Ende darüber, was damit passiert.

Wäre es dann nicht besser gewesen, das Gebäude zu kaufen?

Rottke: Ich glaub nicht, dass man dafür alles Geld der Welt zahlen muss. Der geforderte Preis war nach dem, was unsere Experten gesagt haben, deutlich überteuert. Das ist ein Erbe für das zukünftige Projekt. Wenn man 50 Millionen Euro zahlt, muss da eine andere Wertschöpfung rein, als wenn man beispielsweise zehn Millionen Euro zahlt.

In der Debatte wird immer wieder betont, wie schlecht es um den Neupfarrplatz bestellt ist – unter anderem von der CSU. Kürzlich sagten Sie, dass es um den Platz gar nicht so schlecht steht. Wie meinen Sie das?

Rottke: Ich bin seit 15 Jahren hier. Es war mal die A-Plus-Lage, was mit hohen Mietpreisen einhergegangen ist. Das hat dazu geführt, dass sich hier große Marken angesiedelt haben. Diese Marken gehen aus den Zentren in die Einkaufszentren. Das ist eine bundesweite Tendenz. Deshalb haben die großen Marken den Platz verlassen - die Mieten haben aber noch nicht nachgelassen. Deshalb haben wir hier viel Leerstand. Das heißt aber nicht, dass der Platz vor die Hunde geht. Es gibt natürlich viel Platz, um Dinge zu verbessern. Das heißt aber auch, dass es ein Platz der vielen Möglichkeiten ist.

Am Neupfarrplatz sollen städtische Sofortmaßnahmen für mehr Qualität sorgen. Zum Beispiel ein Spielbrunnen in den Sommerferien oder Platanen. Reicht das?

Rottke: Auf keinen Fall. Natürlich ist es nett, aber es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir müssten viel mehr tun. Wir als Brücke haben vorgeschlagen, den Viktualienmarkt wirklich ernsthaft umzusetzen. Oder eine Stelle bei der Stadt zu schaffen, die sich gezielt um das Bespielen von Leerständen kümmert. Das wurde alles abgelehnt. Stattdessen werden positive Initiativen für den Aufenthalt, wie das Programm Nachtschicht, in dem junge Menschen nachts auf Feiernde zugehen, abgeschafft. Das ist schade für die Anwohner.

Die soziale Situation am Neu-pfarrplatz ist Stadtgespräch. Obdachlose sorgen für Schlagzeilen.

Rottke: Ich finde es nicht schlimmer als vor drei, vier Jahren. Nun sitzen die Obdachlosen an der Kaufhof-Ruine, früher saßen sie in den Banken. Das Problem haben wir seit Jahren – und das nicht nur am Neupfarrplatz. Die Leute, die sich hier aufhalten, sind teilweise massiv alkoholkrank oder haben massive psychische Probleme. Die kann man im Moment nirgendwo unterbringen, weil man die anderen Obdachlosen vor ihnen schützt. Natürlich suchen sie sich Plätze, die Ruhe bieten. Und natürlich bietet der Kaufhof Möglichkeiten, deshalb konzentrieren sich hier Probleme.

Zum Mango-Leerstand in der Pfauengasse: Die CSU sieht einen Zusammenhang mit der Kaufhof-Brache, Sie nicht. Warum?

Rottke: Wir als Brücke weisen seit 2020 darauf hin, dass die Gassen hinter dem Kaufhof Schwierigkeiten haben. Schon damals haben angestammte Läden wie Vinzenz Murr oder Photo Porst die Gasse verlassen. Das hat natürlich zu weniger Frequenz und Attraktivität geführt. Damals hat die Stadt zu wenig getan und das Problem negiert – auch die CSU, die damals in der Koalition auch in der Verantwortung war. Es wäre schön, wenn das von der CSU heute Selbstkritik wäre. Es ist nicht nur ein Problem des Kaufhofs. Die Tendenz gab es schon viel früher, das zeigt auch das Beispiel Zara, die weit vor dem Kaufhof-Aus den Neupfarrplatz verlassen haben.

Und wie retten wir jetzt den Platz?

Rottke: Es wäre ein Fehler, es den Modeketten in allem recht zu machen. Wir müssen fünf oder zehn Jahre nach vorne schauen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir arbeiten, leben und einkaufen wollen.

Wo sehen Sie den Neupfarrplatz in fünf Jahren?

Rottke: Eben ein Platz zum Arbeiten, Leben und Einkaufen. Natürlich verändert sich das Shopping. Wir kaufen alle mehr online. Das verändert natürlich die Nachfrage. Deshalb muss hier mehr Mix hin. Es müssen auch Geschäfte für die Leute hin, die hier wohnen – der Edeka-Markt ist ein gutes Beispiel.