Notruf Kuhstall: Im Einsatz mit den Chamer Landtierärzten

Von Nils Mayer · 19. August 2025 um 05:00

Die Landtierärzte im Landkreis Cham sind 24 Stunden am Tag das ganze Jahr über im Einsatz – auch an Feiertagen. Der Tierarzt, der sich hauptsächlich um Rinder kümmert, gibt einen Einblick in seinen Arbeitsalltag. Dabei kommt es zu einem Notfall mit einer Kuh kurz nach der Geburt, Ultraschall-Untersuchungen und zwei Kastrationen.

Video ansehen

Der Arbeitstag startet für Bruno Sigmund um kurz vor acht Uhr morgens in der Praxis der Landtierärzte in Cham. Diese teilt er sich mit 17 anderen Tierärzten. Aber das war nicht immer so: „Früher war ich ein Einzelkämpfer mit eigener Praxis“, erzählt der 47-Jährige. Aber irgendwann seien der Stress und die vielen Aufträge nicht mehr machbar gewesen. „Das unterschätzen viele, aber das ist alleine echt ein Knochenjob.“ Deshalb habe er sich mit anderen Tierärzten aus der Region zu einer gemeinsamen Praxis zusammengeschlossen.

Koordiniert wird alles von einer gemeinsamen Einsatzzentrale und die Aufträge werden dann an die Tierärzte per Handy-Nachricht verteilt.

Notfall nach der Geburt

Und dann kommt auch schon der erste Notfall bei Tierarzt Sigmund an. Also ab ins Auto und zu einem Hof bei Furth im Wald. Sigmund kommt an und seine Kollegin Anna Wensauer ist bereits vor Ort. Dort leidet eine Kuh, die erst vor einer halben Stunde ein Kalb auf die Welt gebracht hat, an akutem Calciummangel. Was harmlos klingt kann schnell gefährlich werden: „Wird das nicht sofort behandelt kann das lebensbedrohlich werden“, sagt Sigmund. Die Kuh, die auch an Kreislaufproblemen leidet, kämpft laut dem Tierarzt gerade um ihr Leben.

Und aus diesem Grund gibt es dann eine Infusion, um der völlig erschöpften Kuh wieder auf die Beine zu helfen. „Die Anna hat das hier im Griff“, so Sigmund. Ohnehin gibt es laut ihm immer mehr junge Tierärztinnen, „die alle einen tollen Job machen“.

Bruno Sigmund kümmert sich hauptsächlich um Rinder. - Foto: Nils Mayer

Während sich die Kuh erholt muss Tierarzt Sigmund direkt weiter zum nächsten Einsatz. Diesmal kein Notfall sondern Routine. Bei einem anderen Hof in Furth steht die Trächtigkeitsüberprüfung an. Einfach gesagt: der Schwangerschaftstest. Sigmund darf jetzt nacheinander bei 30 Kühen mit dem Ultraschall nachschauen, ob die Kühe Nachwuchs erwarten oder nicht. Leider gibt es da einen Haken bei der Sache: „Bei Kühen kann man nicht einfach den Ultraschall an den Bauch ansetzen und dann alles sehen, sondern man muss hinten ein Stück weit rein“, erklärt der Tierarzt. Und mit einem Stück weit, meint er fast eine ganze Armlänge.

Dann heißt es entweder Plus oder Minus. Schwanger oder nicht. Für den Landwirt eine zentrale Frage denn nur eine Kuh, die auch ein Kalb auf die Welt gebracht hat, gibt später auch Milch, die im Supermarkt verkauft werden kann. „Das ist wirtschaftlich wirklich wichtig zu wissen“, sagt der Landwirt.

Dementsprechend erfreut ist er nach eigenen Worten über die „exzellente Quote heute“. Von 30 Kühen tragen 27 ein Kälbchen. Und was passiert mit den anderen? Bei einer Kuh, bei der es zum wiederholten Male nicht geklappt hat, sagt der Landwirt: „Dann geht sie spazieren.“ Tierarzt Sigmund erklärt später, dass damit der Schlachthof gemeint ist. „Das ist auch Teil des Berufs, dass darf man nicht zu nah an sich ranlassen“, erklärt er bei der Autofahrt zum letzten Hof in Neukirchen beim Heiligen Blut.

Eine Frage des Geldes

Die finale Entscheidung liege laut ihm bei den Landwirten. „Und die müssen auch immer den finanziellen Aspekt im Hinterkopf haben. So eine Kuh kostet viel und wenn sie dann keine Milch gibt, rechnet sich das einfach nicht.“

Jetzt steht noch eine Kastration von zwei jungen Bullen an. Und es fällt auf, auch Tierarzt Sigmund ist ein bisschen angespannt. „Die richtige Narkosemenge ist verdammt wichtig“, so Sigmund. Ist sie zu niedrig, könnten die Bullen während des kurzen Eingriffs aufwachen und um sich schlagen. Aber ist die Dosis zu hoch, wachen die Bullen vielleicht überhaupt nicht mehr auf, erklärt er.

Es geht um Leben und Tod: Beim Abschätzen der Narkose wird nichts dem Zufall überlassen. - Foto: Nils Mayer

Deshalb gibt es wieder Unterstützung von der 25-jährigen Tierärztin Wensauer, die beim Spritzen und fixieren hilft. Zusammen mit dem Landwirt, der auch sichtlich nervös ist, wird gewartet, bis die Bullen tief und fest eingeschlafen sind. Dann geht es ganz ohne Blut, nur mit einer Zange an die Arbeit. Nach rund 20 Minuten sind beide Bullen zu kastrierten Stieren geworden, ganz ohne Zwischenfälle.

Die Stiere dann noch in eine geeignete Schlafposition zu legen, ist noch einmal eine Kraftanstrengung, bei der Teamarbeit gefragt ist. Also packen beide Tierärzte mit der Hilfe vom Landwirt mit an.

Zwei Prozent der Menschen produzieren und 98 Prozent wissen wie es geht.

Bruno Sigmund, Landtierarzt

Dann ist es geschafft und alle können kurz einmal durchschnaufen. Das waren jetzt drei Höfe. Pro Tag schaut Sigmund nach eigener Aussage bei bis zu 15 Höfen vorbei. „Die Leute wissen gar nicht wie viel Arbeit das ist“, meint Sigmund.

Viele würde nur der Preis der Milch im Supermarktregal interessieren und nicht, ob die Kuh gesund sei. Außerdem gibt es laut dem Tierarzt noch immer zu viele Vorurteile mit Blick auf die Nutzwirtschaft: „Zwei Prozent der Menschen produzieren und 98 Prozent wissen wie es geht. Wir Landtierärzte produzieren zwar nicht, aber ohne uns geht auch nix.“