Radler erobern die Fußwege: Auf Burglengenfelds Bürgersteigen wächst die Verunsicherung

„Semper idem“ – immer dasselbe, hätte der alte Lateiner gesagt: Wenn das Wetter schön ist, steigen auch in Burglengenfeld im Landkreis Schwandorf viele Leute gern aufs Rad. Doch was sich zunächst erfreulich anhört, weil Radeln nicht nur gesund, sondern klimaschonend ist, hat auch Schattenseiten. Konflikte zwischen Bikern und Fußgängern mehren sich.
Eine typische Situation: Der Kallmünzer Andreas W. (Name geändert) hat sich am Freitagmittag in einer Metzgerei eine Schnitzelsemmel gekauft. Auf dem Rückweg kommen ihm am Eck des ehemaligen Foto-Wach-Hauses plötzlich zwei Teenager entgegen. Mit ihren Mountainbikes hatten sie sich den Marktplatz hochgearbeitet. Im letzten Augenblick können sie bremsen, so dass die Schnitzelsemmel nicht zu Boden fällt und Andreas W. heil bleibt.
Kopfschüttelnd versucht der 60-Jährige, die Radlerinnen darauf hinzuweisen, dass sie ihn fast über den Haufen gefahren hätten – an einer Stelle, wo Drahtesel nichts verloren haben. Ob es gefruchtet hat, ist nicht bekannt.

Zweites Beispiel: Am Mittwoch vergangener Woche will sich der Angestellte Werner Z. (Name der Redaktion bekannt) Gutes tun. In einer Pause marschiert er bei 30 Grad im Schatten zur Eisdiele Europa. Doch der Weg gerät zum Hindernislauf. Auf einer Strecke von vielleicht 100 Metern klingeln ihn erst zwei Radfahrer zur Seite, die sich von hinten lautlos genähert haben. Dann kommen zwei jugendliche E-Scooter-Fahrer frontal auf ihn zu – geschickt, aber in Z.s Augen viel zu schnell. Nur mit Mühe kann er eine Kollision vermeiden.
Lage kann auch schnell eskalieren
Der Fußgänger ist sauer. Die Jugendlichen düsen weiter, ohne sich umzusehen. Ein Passant, der Zeuge des Beinahe-Unfalls geworden ist, versucht Z. zu beruhigen. Solche Szenen seien „normal“. Auch er sei wiederholt in ähnliche Situationen geraten, berichtet er. Ein paar Mal habe er die Radler angesprochen – nie sei er jedoch mit seiner Kritik auf Verständnis gestoßen, im Gegenteil. Einmal habe er die Flucht ergreifen müssen. Drei Burschen hätten ihm Schläge angedroht.
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Das Thema ist für die Redaktion nicht neu, scheint sich aber von Jahr zu Jahr zuzuspitzen. Immer wieder lässt sich beobachten: Nicht nur Rad-Rüpel und sportliche Mountainbiker sind es, die wie selbstverständlich Bürgersteige für sich beanspruchen. Auch viele Senioren, die mit dem Drahtesel eher gemütlich unterwegs sind, tun dies – offensichtlich ohne schlechtes Gewissen. „Sie fühlen sich am Trottoir einfach sicherer als auf der Fahrbahn, wo sie permanent von Autos überholt werden“, bringt es ein Zeitgenosse auf den Punkt.

Was ist los in Burglengenfelds Innenstadt? Herrscht auf den Gehwegen Willkür? Legt jeder die Regeln aus, wie es ihm gefällt? Einmal mehr hat die MZ die Polizeiinspektion um eine Einschätzung gebeten.
Hauptkommissar Stefan Hannig verweist zunächst auf die gestiegene Zahl von Elektrokleinfahrzeugen, zu denen auch E-Scooter gehören. Allein 2023 habe es 30 Prozent mehr Zulassungen gegeben. Für 2024 liegen laut Hannig noch keine Zahlen vor, aber die Entwicklung dürfte sich fortgesetzt haben. Somit sei es nur logisch, dass mit solchen Gefährten auch immer mehr Verkehrsordnungswidrigkeiten begangen würden.
Was die StVO alles zulässt
Hinzu kommt, dass Radler bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr ganz offiziell den Bürgersteig benutzen dürfen, gibt Hannig zu bedenken. Einer Person über 16 sei es darüber hinaus laut Straßenverkehrsordnung (StVO) erlaubt, den Nachwuchs mit dem Fahrrad am Gehsteig zu begleiten.
Diese Dinge würden überall gelten und seien überall zu beachten. Sie seien also kein „Burglengenfelder Phänomen“, betont Hannig. Von bestimmten Konfliktzonen könne schon gar keine Rede sein, davon sei man „weit entfernt“.

Überhaupt, versichert der Verkehrsexperte, habe die Polizei die Situation im Griff. Der Darstellung eines Bürgers, Funkstreifen würden Radler am Gehweg ignorieren, widerspricht er entschieden. Zwar könne es sein, dass sich Kollegen gerade auf dem Weg zu einem Unfallort befänden, so dass sie nicht sofort einschreiten könnten. Aber wann immer es möglich sei, würden sich die Beamten nicht scheuen, Radler oder Scooter-Fahrer, die die Regeln missachteten, anzuhalten und anzusprechen, um auf sie einzuwirken. Häufig stelle sich dabei heraus, dass der Falschfahrer keine Ahnung von den Vorschriften der StVO habe.
Wir beleuchten die von uns zu erledigenden Aufgaben umfassend und passen unsere taktischen Maßnahmen gegebenenfalls an. Die Durchführung von Fahrradstreifen ist aktuell nicht geplant.
Stefan Hannig, Polizeihauptkommissar
Um das Engagement der Polizei zu unterstreichen, verweist Hannig auf sogenannte Schwerpunktaktionen, die man wiederholt durchgeführt habe, um Radler und Scooter-Fahrer sowie deren fahrbaren Untersatz zu überprüfen. Unterm Strich sei das wohl nicht völlig umsonst, denn in der Unfallstatistik spielten die genannten Gruppen seit Jahren nur eine „sehr geringe Rolle“.
Gleichwohl mahnt der Hauptkommissar, sich an das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme zu erinnern. Dieses gelte für jedermann. So sei nicht nur das Nutzen das Gehwegs mit dem Fahrrad unzulässig. Auch Fußgänger, die sich einbildeten, einen Weg blockieren zu dürfen, begingen eine Ordnungswidrigkeit – oder machten sich unter Umständen sogar strafbar.