Magische Tage am Adlersberg: Singer Pur feiert drei Meister

Pérotin, Palestrina und Pärt standen im Zentrum des Festivals - eine Auswahl, die überaus stimmig wirkte. Und vor der künstlerischen Qualität des Ensembles kann man nur den Hut ziehen.
Der Idee des Sängers und Klangkünstlers Alois Späth ist es im Grunde zu verdanken, dass es seit fast 20 Jahren dieses kleine, feine Festival vor den Toren der Stadt, oben auf dem auratischen Adlersberg und seiner uralten Klosterkirche überhaupt gibt.
Im August 2005 traf sich Alois Späth erstmals mit begeisterten Sängerfreunden, um an vier aufeinander folgenden Tagen die Vokalmusik des flämischen Renaissance-Komponisten Jakob Obrecht „Prima vista“ anzuproben und in abendlichen Sessions aus großen Notenstapeln zur Aufführung zu bringen. Das war die Geburtsstunde der legendären Stimmwercktage, die später in den heutigen Singer Pur Tagen aufgingen.
Vieles wurde professionalisiert, aber der hohe Anspruch blieb
Vieles ist über die Jahre professionalisiert worden. Die erfrischende Hemdsärmlichkeit gegenüber einem Kraftort, wie es der Adlersberg mit seiner Brauerei, dem rustikalen Wirtshaus mit dem Zehentstadel und den Klosterruinen nun mal ist, blieb genauso wie der hohe Anspruch an die Aufführungsqualität und an ein wechselndes exquisites Programm.
Die Auswahl der Werke konzentrierte sich 2025 auf die Vokalmusik dreier Jubilare verschiedenster Epochen: Pérotins Todesjahr dürfte sich – nach neuestem musikhistorischem Stand – in diesem Jahr zum 800. Mal jähren. Der 500. Geburtstag von Giovanni Pierluigi da Palestrina ist 2025 in aller Munde. Und der große, noch lebende estnische Komponist Arvo Pärt wird im September seinen 90. Geburtstag feiern dürfen.
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Diese enorme Spreizung über fast ein Jahrtausend abendländischer Musik sorgte auch für den besonderen Zauber der bestens besuchten Singer Pur Tage. Vokalmusik aus der Frühzeit der Mehrstimmigkeit, ihre scheinbare Vollendung in der Renaissance und ihre Fortführung im 20. Jahrhundert schien sich bei dem Festival fast zu bedingen und fand in den drei abendlichen Konzerten zu einem fast in sich geschlossenen Resonanzraum zusammen – ohne Brüche oder Divergenzen. Die strahlende, nobel aufblühende Musik Palestrinas erwies sich in diesem epochenübergreifenden Dreiklang als Dreh- und Angelpunkt, als Höhepunkt und Beginn in Einem. Und alles zog gleichermaßen in den Bann, weil Singer Pur mit einer außergewöhnlichen und zu jeder Zeit spürbaren Konzentration die Motetten und Messen zu den Hochfesten des Kirchenjahres ineinander verschmolz, mit sensibler Klangausdeutung und Stilsouveränität über das ganze Repertoire. Archaisch und lebendig zugleich die Quintenführung der Notre-Dame-Schule, hell leuchtend die Musik Palestrinas und kontemplativ die hochsensible Zelebration des filigranen Pärt-Universums.

Die drei Abende waren mehr Gebet als Konzert, verinnerlichten sich in ihrer enormen sängerischen Kunstfertigkeit zu Hochämtern der geistlichen Vokalmusik. Kunstvolle und höchst gelungene Uraufführungen aus der Feder von Eva Kuhn (geboren 1994) als Composer in Residence und von Peter Wittrich (geboren 1959) griffen die Klanglichkeit der drei Meister stilistisch auf oder kontrastierten sie teils in humoristischen Textcollagen im Bezug auf das Thema des Abends.
„Von Vätern und Rettern der Kirchenmusik“
In verschiedenster Weise war der Würzburger Domkantor Julian Beutmiller zu hören. Wie schon beim Festival im Vorjahr erwies er sich nicht nur in den jeweiligen Konzerten als sensibler Instrumentalpartner an der Schädler-Orgel (erbaut 2004), sondern setzte mit der eigenen Orgel-Matinee am Sonntag auch einen gewichtigen Akzent zu den drei Vokalkonzerten. Er bewies den geschickten Umgang mit dem 22 Register umfassenden Instrument der Klosterkirche und zeigte seine ganze Kunstfertigkeit in der Interpretation von Buxtehude, Bach und Pärt.
Wer am Samstag die Zeit fand, die musikwissenschaftliche Tagesakademie unter dem Titel „Von Vätern und Rettern der Kirchenmusik“ im Zehentstadel zu besuchen, konnte vollends eintauchen in die Faszination der Musik der drei Komponisten. Und wer am Sonntagabend nach dem letzten Konzert einmal mehr vor Begeisterung stehend applaudierte, konnte gedanklich zu Recht seinen Hut ziehen vor einer enormen künstlerischen Leistung von Singer Pur. Das Ensemble hat seinen europäischen Rang als eine führende Vokalformation in den drei Tagen auf beeindruckende Weise unterstrichen. Die Singer Pur Tage sind weiter in voller Blüte. Die Freude auf das Festival 2026 ist groß. Auf dem Adlersberg. Immer im August.
Das Ensemble Singer Pur
Die international gefeierte und vielfach geehrte Formation holte drei Echo Klassik und gastierte in gut 60 Ländern. Das Ensemble bilden aktuell Cordula Kraetzl, Christian Meister, Marcel Hubner, Manuel Warwitz, Jakob Steiner und Silas Bredemeier.