Konkurrenz aus Erfurt: Verliert die Regensburger Wurstkuchl ihren Rekord?

Es geht mal wieder um die Wurst: Forscher aus Erfurt wollen herausgefunden haben, dass die älteste Bratwurststube der Welt in Thüringen stand. Der Wirt der Regensburger Wurstkuchl zeigt sich indes unbeeindruckt – und will nichts anbrennen lassen.
Die Bratwurst-Bombe platzte am Montagmorgen: Die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtet darüber, dass die Herren aus Erfurt den ältesten Hinweis auf einen Bratwurststand gefunden haben wollen. Dieser habe sich auf der Krämerbrücke in der thüringischen Landeshauptstadt befunden. In einer Urkunde von 1269 sei von einem Bräter auf eben jener Flussquerung die Rede. Bislang schmückt sich die Wurstkuchl unweit der Steinernen Brücke mit dem Titel der ältesten Bratwurstbude der Welt. Die erste urkundliche Erwähnung eines Kochs an der Stelle stammt von 1378. Mithin rund ein Jahrhundert später als in Erfurt.
Thüringen, Nürnberg, Regensburg: Dreier-Zoff um die Bratwurst
Die Sache ist allerdings noch ein bisschen komplizierter. Die dpa berichtet nämlich auch über Thomas Mäuer vom Deutschen Bratwurstmuseum, das freilich ebenfalls in Thüringen liegt. Er spricht davon, dass in Arnstadt – was natürlich auch inThüringen liegt – schon 1404 Bratwürste urkundlich erwähnt wurden. Und, weil ja alles nicht schon kompliziert genug, ist auch noch belegt, dass 1313 in Nürnberg schon ein Verhackung von Lendenfleisch zu Würsten stattfand.

Die Gegenwart der Bratwurst ist dagegen etwas simpler. Montagmittag, die Sonne brennt vom Himmel. Aus dem Schornstein dringt unaufhörlich der Rauch. Vor der Wurstkuchl hat sich eine Schlange gebildet. Ein Touristen-Ehepaar, zu erkennen am Strohhut, hat sich eingereiht. Ob sie hier seien, weil die Wurstkuchl die älteste Bratwurstbude der Welt ist? Die Frau muss lachen. „Nein, wir haben sie nur von Weitem schon gerochen.“ Geruch sticht Geschichte – so einfach ist das manchmal. „Aber“, wirft die Frau ein. „Wir haben im Radio gehört, dass sie den Titel vielleicht verliert.“
Nach Medienberichten: Wurstkuchl-Wirt lädt zu spontaner Pressekonferenz
Blick nach links. Ein Fernsehkameramann filmt einen Gast beim genüsslichen Biss in die Bratwurst. Ein Redakteur befragt einen anderen Touristen. Der dpa-Bericht hat ein gewisses Medienecho ausgelöst. Wurstkuchl-Wirt Andreas Meier hat kurzerhand eine Art Pressekonferenz einberufen. Ob er mit so einem Auflauf heute Morgen beim Aufstehen gerechnet hat? Meier blinzelt in die Sonne und muss lachen. „Nein.“ Er sei morgens ganz normal ins Büro gekommen, da habe ihm seine Frau von der Sache in Thüringen erzählt. „Irgendwas mit Würstlbraten und einem Forscher. Da wusste ich schon, um was es geht.“
Natürlich sei er stolz auf diesen Titel, sagt Meier. „Aber er ist nicht so wahnsinnig wichtig für mich.“ Ihm sei eine gute gastronomische Leistung wichtig. „Gute Küche, gscheide Würschtl, selbstgemachtes Kraut und Senf“ – und ein schönes Ambiente, sagt Meier. Für ihn sei der springende Punkt, dass die Wurstkuchl seit 1378 durchgängig gastronomisch genutzt wird. „Wenn man irgendwo auf der Welt gräbt, wird man vielleicht etwas finden, was älter ist, als das hier, aber es ist dort nicht dauerhaft gearbeitet worden.“
Im Bratwurststreit gegen Nürnberg gewann Regensburg
Meiers Familie ist seit 1736 an Ort und Stelle. Liegt die Last der Geschichte auf seinen Schultern? Meier überlegt kurz. „Nein. Ich bin nur ein kleiner Abschnitt in dem Verlauf. Ich schau, dass ich meine Sache gut mache,.“ Bei schwierigeren Entscheidungen denke er manchmal schon darüber nach, was seine Vorfahren wohl getan hätten. „Das ist schon eine Stütze.“

Apropos Vergangenheit: Schon vor rund 25 Jahren gab es Streit um die Wurst. Damals behauptete Nürnberg, die älteste Bratwurstbude zu haben – doch die Frankenmetropole zog letztlich den Kürzeren. Darauf angesprochen, muss Meier lachen. „Das war auch so ein Sommerlochthema.“ In Erfurt hat bislang noch kein Bratwurstbetrieb Anspruch auf den Rekord angemeldet. Meiers Botschaft an potenzielle Bratwurst-Rekord-Diebe: „Gebt Gas. Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich schau dann mal vorbei.“
Apropos Konkurrenz. Ein paar Straßen und einen Domblick entfernt brät die Wurstbraterei Reisinger Würste. Inhaber Wilhelm Reisinger wirbt damit, dass seine Familie die Rengschburger mit Allem erfunden hat – also eine Regensburger Wurst in der Semmel mit süßem Senf, Meerrettich und Essiggurken. Die Wurstspezialität wird auf Weihnachtsmärkten verkauft und hat es sogar zur Rubrik in der Mittelbayerischen Zeitung gebracht. Heuer feiert sie 70. Geburtstag. Solche Eigenheiten seien natürlich gute Werbeträger, sagt Reisinger. Aber: „Wenn die Wurscht nicht schmeckt, hilft dir kein Rekord der Welt.“ Das findet im Übrigen auch sein Wurstkuchl-Kollege Meier.
Und so bleibt abschließend festzustellen: Alles im Leben hat ein Ende – nur der Streit um die Wurst anscheinend keines.