Er hätte fast alles verloren – Nun erfindet sich Karl Biller aus Saal als Speaker neu

Karl Josef Biller aus Saal im Landkreis Kelheim, Unternehmensberater und Rekordhalter für die größte Wäscheklammer der Welt, erlebte einen tiefen persönlichen Absturz. Heute tritt der 43-Jährige als Speaker auf und spricht offen über Themen wie Gewicht, Scham und Krisen. Mit seiner Lebensgeschichte begeisterte er kürzlich beim Internationalen Speaker Slam.
Herr Biller, Sie halten den Weltrekord für die größte Wäscheklammer der Welt. Wie kommt man auf so eine schräge Idee?
Karl Josef Biller: Ursprünglich war es nur ein Marketing-Gag. Ich habe schon als Jugendlicher auf Volksfesten Luftballons verkauft, später T-Shirts auf dem Oktoberfest. Irgendwann kam ein Kumpel mit der Idee, Glupperl – also Holzklammern mit Sprüchen, Namen oder Logos – zu machen. Das wurde ein richtiger Hit. Und dann dachten wir: Wenn schon Klammern, warum nicht gleich die größte? Sie wurde dann dreieinhalb Meter lang, mehr als 850 Kilo schwer und ist komplett aus Buchenholz. Und: Sie funktioniert wirklich. Alles wurde offiziell vermessen, notariell beglaubigt. Der Weltrekord steht seit 13 Jahren.
Wenn man heute auf einem Volksfest Glupperl kauft, stecken Sie da noch dahinter?
Biller: Durchaus. Ich mache das heute natürlich professioneller mit eigenem Onlineshop, über 500 Motiven. Kunden wie BMW oder SAP bestellen. Meine neueste Idee sind Klammern mit QR-Codes, als digitale Visitenkarte für Messen und Netzwerkveranstaltungen. Dafür habe ich sogar eine eigene Software entwickelt. So lassen sich personalisierte Glupperl direkt vor Ort bei einer Veranstaltung erzeugen. Aus dem Gag wurde also ein gutes Geschäftsmodell.

Was haben Sie eigentlich ursprünglich gelernt?
Biller: Ganz klassisch, bin ich gelernter Speditionskaufmann. Danach habe ich BWL studiert und mich recht früh selbstständig gemacht: unter anderem mit Softwarelösungen, Lasertechnik und Immobilien. Ich war immer einer der Ideen einfach ausprobiert hat, bevor er lang nachgedacht hat. Bis vor kurzem habe ich über zehn Jahre als Berater in der Chemiebranche gearbeitet.
Und doch kam Ihr persönlicher Absturz. Wie ist das passiert?
Biller: Es war kein einzelner Auslöser, eher eine Abwärtsspirale. Ich kaufte ein Haus und verschuldetet mich hoch. Dann kam ein Bruch mit einem der wichtigsten Geschäftspartner und mit Corona brachen dann Einnahmen weg bei den Volksfesten. Hinzu kam eine schwere Verletzung und mitten in diesem Chaos bekam meine Lebensgefährtin die Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Ab da war ich wie betäubt, funktionierte nur noch und ja, flüchtete mich ins Essen.
Wie sehr hat sich das bemerkbar gemacht?
Biller: Ich habe in drei Jahren fast 30 Kilo zugenommen. Am Ende wog ich 139,8 Kilo. Ich schlief kaum noch, hatte Atemaussetzer, war ständig erschöpft. Ich erkannte mich selbst nicht mehr, weder im Spiegel noch im Leben.
Und trotzdem stehen Sie heute auf Bühnen vor hunderten Leuten und sprechen über genau diese Krise. Was hat den Wendepunkt ausgelöst?
Biller: Der kam an einem Frühstückstisch. Ich saß allein und hatte zwei Semmeln vor mir. Ich war bei einem Seminar angemeldet, wollte dort eigentlich ein neues Produkt vorstellen. Und plötzlich war da dieses Gefühl: So geht es nicht weiter. Am Nachbartisch saß – Zufall oder Schicksal – ein Ernährungsexperte. Der erzählte mir Dinge, die ich noch nie gehört hatte: über Insulin, Cortisol, Stress, Ess-Reihenfolgen.
Und dann standen Sie auf der Bühne mit einer ganz anderen Geschichte als ursprünglich geplant.
Biller: Genau. Statt mein Produkt zu pitchen, sprach ich über mich. Ich ging auf die Bühne und sagte: Ich bin nicht hochgegangen, ich bin hochgerollt. Und: Meine Waage hat gesagt, ich soll mich bitte einzeln wiegen. Das Publikum lachte. Das war befreiend. Dann wurde ich ernst. Ich sprach über meine Krise, mein Gewicht, die Scham. Alles war still. Am Ende gab es Standing Ovations. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.
Was hat dieser Moment mit Ihnen gemacht?
Biller: Er hat mir gezeigt: Ich bin nicht allein. Viele kämpfen mit sich, mit ihrem Körper, mit ihrer Vergangenheit. Und es kann unglaublich stark sein, offen zu sagen: Ja, ich bin ganz unten. Aber ich stehe wieder auf. Ich will Mutmacher sein und zeigen: Veränderung ist möglich.
War es schwer, sich so zu öffnen?
Biller: Unglaublich schwer. Ich hatte mein Leben lang Angst vor öffentlichen Auftritten. Schon im Studium. Ich war studentischer Sprecherrat, aber Begrüßungsreden? Hätte ich nie geschafft. Ich hatte immer Panik.
Und heute zeigen Sie sich neuerdings auf Social Media.
Biller: Ich traf beim Seminar Uwe, ein Typ wie ich, gleich schwer, gleicher Wille zur Veränderung. Wir sagten: Lass uns das öffentlich machen. Unser Instagram-Kanal heißt dickefreunde24. Jeden Sonntag ist bei uns „Judgement Weight Day“. Da zeigen wir die Waage. Ohne Filter, ohne Ausreden.
Warum tun Sie sich das an?
Biller: Weil der digitale Spiegel nicht lügt. Ich kann anderen was vormachen, aber nicht der Kamera. Wenn ich da mein Gewicht poste, mein Essen, mein Training, dann bin ich mir selbst Rechenschaft schuldig. Und anderen auch. Unser Motto: Gewichtsverlust statt Gesichtsverlust. Wer öffentlich verspricht, sich zu verändern, der gibt nicht so schnell auf. Weil er nicht nur sich enttäuschen würde, sondern auch die, die zuschauen.
Was ist ihr Ziel?
Biller: Ich will auf 90 Kilo runter. Fünf Kilo habe ich in zwei Wochen schon geschafft. Ich will mich wieder bewegen können. Und ich will ein Coaching-Programm entwickeln. Für Menschen, die da stehen, wo ich stand. Mit einfachen Tools und alltagstauglich.
Wenn Sie heute Ihrem früheren Ich begegnen könnten – was würden Sie ihm sagen?
Biller: Du schaffst das. Der Schmerz wird dich stärker machen. Triff aber deine Entscheidungen schneller. Wenn etwas nicht mehr passt, dann geh und änder es sofort. Nicht nach Monaten, sondern jetzt.
Was geben Sie Menschen mit, die gerade selbst in einer Krise stecken?
Biller: Redet, sprecht es aus. Nennt die Wahrheit beim Namen. Das ist der erste Schritt. Und dann: Mit scheinbar kleine Dinge anfangen, wie spazieren gehen. Erwartet nicht, alles auf einmal zu ändern. Geht Schritt für Schritt. Mit Beharrlichkeit wird sich vieles wandeln.