Martina Schierer im Interview: „Größte Herausforderung war, Trauer und Führung zu vereinen“

Von Franziska Mahler · 10. August 2025 um 18:57

Die Chamer Unternehmerin Martina Schierer hat privat und an der Spitze der Firmengruppe Max Schierer herausfordernde Zeiten überstanden. Heuer wurde sie als erste Frau mit dem Opal Award ausgezeichnet. Mit der Mediengruppe Bayern hat sie darüber gesprochen.

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Nachdem ihr Mann bei einem Helikopterunfall ums Leben gekommen war, trat Martina Schierer in die Geschäftsführung der Max Schierer GmbH ein – und musste sich von heute auf morgen durch Geschäftszahlen und Bilanzen kämpfen. Mit Erfolg: Heuer wurde die 56-Jährige für ihre unternehmerische Leistung ausgezeichnet – und erhielt als erste Frau den Opal Award. Im Interview mit der Mediengruppe Bayern blickt sie auf herausfordernde Jahre zurück – erklärt aber auch, warum sie Koch Lucki Maurer mit Wein versorgt.

Frau Schierer, nach dem Tod Ihres Mannes hatten Sie von heute auf morgen Verantwortung für Hunderte Mitarbeiter. Warum war für Sie aber direkt klar, dass Sie in die Geschäftsführung einsteigen?

Martina Schierer: Der plötzliche Tod meines Mannes war ein tiefer Einschnitt für uns alle – für mich persönlich, für unsere Familie, für das Unternehmen. Mein Schwiegervater, der bis heute Teil der Geschäftsführung ist, hatte sich damals schon teilweise zurückgezogen. In dieser emotionalen und belastenden Zeit rasch die Verantwortung zu übernehmen, Stabilität zu bewahren und gleichzeitig auch an die Zukunft des Unternehmens zu denken und sie zu gestalten – das war mir wichtig. Für mich war klar, es muss irgendwie weitergehen. Die größte Herausforderung war, Trauer und Führung zu vereinen – als Mutter, als Geschäftsführerin, als Frau. Aber mir war wichtig, das Vertrauen der Mitarbeiter, der Geschäftspartner und Kunden zu erhalten und zu zeigen, dass es mit der Max Schierer Holding weitergeht – als Familienunternehmen.

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Schierer: In die Firmenprozesse war ich zuvor gar nicht wirklich involviert – vor allem nicht in die Geschäftsführung. Das war eine große Umstellung. Ganz am Anfang hat man einfach nur funktioniert. Aber das Beschäftigtsein war sehr gut, damit man nicht völlig zusammenbricht. Ich musste mich mit Zahlen, Bilanzen befassen und mich auch zusammenreißen. Ich habe gelernt, dass man in Krisenzeiten funktionieren kann.

Auf diese persönliche Krise folgten viele herausfordernde Zeiten für das Unternehmen: Corona, Energiekrise etc. Wie erging es der Firma und wie geht es der Baubranche aktuell?

Schierer: Unser Hauptbereich sind die Baustoffe – das soll auch so bleiben. Aber es ist ein Preiskampf geworden. Es wird weniger verkauft, die Margen schrumpfen und der Markt wird kleiner. Aber die ganze Baubranche steht unter Druck. Die letzten Jahre haben uns total gefordert. Langsam nimmt die Konjunktur wieder Fahrt auf. Wir rechnen dieses und nächstes Jahr noch nicht mit dem Rekordjahr, aber die Tendenz geht nach oben.

Was würde die Branche im Moment denn noch brauchen?

Schierer: Politische Signale: Planbarkeit, Vertrauen in den Standort Deutschland. Es hilft wenig, wenn Förderprogramme angekündigt und kurz darauf wieder gestrichen werden. Auch ein Bekenntnis zum Wohnungsbau wäre wichtig. Genauso würde ich mir mehr Austausch zwischen Politik und dem Mittelstand wünschen – nicht nur mit den großen Konzernen. Die vielen familiengeführten Unternehmen im Bau- und Baustoffsektor sind das Rückgrat der Branche.

Sie setzen für die Zukunft auf Nachhaltigkeit. Warum?

Schierer: Mir ist das Thema wichtig, weil ich glaube, dass es kein Trend ist, sondern eine Notwendigkeit. Und ich sehe es auch als Verpflichtung der Unternehmer, dass man da etwas tun muss. Wir verkaufen Material zum Hausbau – und in diesem Bereich steckt ganz viel CO2 drin. Heute gibt es tolle Alternativen.

Diese Alternativen kann man sich im Stilhaus in Straubing und Cham entlang eines grünen Pfads ansehen. Die Idee dazu stammt aber eigentlich vom Nachwuchs, richtig?

Schierer: Genau, sie stammt aus unserem Young-Talents-Programm. Das ist für junge Menschen gedacht, von denen wir denken, dass sie später einmal Führungsaufgaben im Haus übernehmen können und wollen.

Welches Signal wollen Sie damit setzen?

Schierer: Wir wollen junge Talente fördern und Nachwuchs aus dem eigenen Haus hochziehen. Wir sind ein sehr traditionelles, familiengeführtes Unternehmen. Bei uns gibt es Mitarbeiter, die seit 40 Jahren dabei sind. Die gehen aber irgendwann in Rente und dann brauchen wir gute Leute, die die Aufgaben übernehmen. Der Baustoffhandel ist sehr männerdominiert. Was ich mir wünschen würde, wären noch mehr Frauen in Führungspositionen. Denn die Vielfalt macht es.

Sie haben kürzlich als erste Frau den Opal Award der Best Business Association verliehen bekommen. Er geht an herausragende Unternehmerpersönlichkeiten aus der Dreiländerregion Donau-Moldau. Welche Maßstäbe setzten Sie als Unternehmerin?

Schierer: Das war für mich eine ganz besondere Auszeichnung. Mein Anspruch als Unternehmerin ist, Verantwortung in einem umfassenden Sinne zu übernehmen: für die Menschen im Unternehmen, die Region, aber eben auch für eine nachhaltige Zukunft. Ich setze auf eine werteorientierte Führung, auf langfristiges Denken und auf Verlässlichkeit, gerade in diesen herausfordernden Zeiten.

Bleibt die Max Schierer GmbH auch in Zukunft in Familienhand?

Schierer: Ich bin da guter Dinge. Mein 20-jähriger Sohn hat gerade angefangen, zu studieren und würde gerne ins Unternehmen einsteigen. Ich finde es aber ganz wichtig, dass er noch etwas anderes sieht. Mein jüngerer Sohn geht noch zur Schule und macht in zwei Jahren sein Abitur. Dann schaut er, was er machen will.

Früher haben sie viele Jahre als Redakteurin für Axel Springer geschrieben. Sie haben aber noch ein anderes Talent: Sie kennen sich sehr gut mit Wein aus – sind Sommelier und Weinfachhändlerin.

Schierer: (lacht) Ich esse gerne gut und dazu gehört auch ein Glas Wein. Irgendwann habe ich mich gefragt: Wo kommt der her? Und dann habe ich studiert und eine Ausbildung mit Schwerpunkt Handel gemacht, nachdem ich bei Springer aufgehört habe. Heute habe ich einen Weinhandel (Weinkontor Cham) und verkaufe an die Gastronomie oder auch Privatweine – zum Beispiel an Lucki Maurer. Das macht Spaß, nur leider habe ich gar nicht mehr so viel Zeit dafür.

Was ist denn ihr Lieblingswein?

Schierer: Ich trinke sehr gerne deutsche Rieslinge. Dafür sind wir international bekannt.

Weitere Infos zur Firmengruppe

• Geschichte: 1898 gründete Josef Winkler das Unternehmen und handelte mit Kunstdünger, Kalk, Zement, Dachziegeln und Kohlen. 1926 heiratete Ludwig Schierer sen. die jüngste Tochter Maria Winkler. 1969 übernahmen die Söhne Ludwig und Max Schierer die Führung und teilten die Firma 1993 in die Ludwig Schierer GmbH und die Max Schierer GmbH auf. 2019 ist Max Schierer jun., der die Firma übernehmen sollte, ums Leben gekommen.

• Führung: Neben Martina Schierer gehört nach wie vor ihr Schwiegervater Max Schierer sen., der erst kürzlich den Bayerischen Verdienstorden verliehen bekommen hat, und der operative Leiter Josef Schmidberger zur Geschäftsführung.

• Standorte: Die Max Schierer GmbH hat Standorte in Cham, Straubing, Bad Kötzting, Nittenau, Roding, Viechtach, Regen sowie Pilsen.

• Zahlen: Im vergangenen Jahr erzielte die Unternehmensgruppe mit knapp 400 Beschäftigten einen Umsatz von 126 Millionen Euro.