Arm und Reich in Regensburg: „Ich glaube, die fetten Jahre sind vorbei“

Von Marion Koller · 4. August 2025 um 05:00

Die Mittelschicht kann sich kein Haus in Regensburg leisten – Zugleich leben hier immer mehr Millionäre. „Inzwischen haben auch akademische Familien Existenzängste wegen der Jobs“, sagt der Informatiker Phuc Huyn, der mit einer Zahnärztin verheiratet ist und sich der Mittelschicht zurechnet - zwischen Arm und Reich. Wie geht es in der Stadt mit ihren hohen Lebenshaltungskosten erst den Armen?

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103 Regensburger verdienen im Jahr brutto mindestens eine Million Euro. Das sind 27 mehr als vor zwei Jahren, meldet das Bayerische Statistische Landesamt. Der Großteil betreibt ein Gewerbe. Natürlich leben in der Stadt auch Vermögensmillionäre, die Unternehmen oder Immobilien besitzen. Rechnet man Zahlen der Statistiker hoch, dürften es mehr als 3.000 sein.

Viele andere sind weniger betucht: Weil sie Bürgergeld beziehen, psychisch krank sind und nicht arbeiten können oder einen Niedriglohn erhalten. Im Regensburger Armutsbericht 2025 heißt es, dass 16,5 Prozent der Bevölkerung an der Armutsschwelle leben. Diese Regensburger haben weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung. Bei einem Single sind das monatlich 1.189 Euro netto, bei einem Paar 1.783 und bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren 2.496 Euro.

Nicht so oft ins Restaurant

Der 1980 mit seinen Eltern aus Vietnam geflüchtete Phuc Huyn, der hier eine Softwarefirma gegründet hat, verortet sich zwischen Arm und Reich: in der Mittelschicht. Seine Frau ist Zahnärztin, er verdient sein Geld nach dem Verkauf der eigenen Firma bei einem Neutraublinger Software-Unternehmen. Arm und Reich habe es immer gegeben, sagt der 48-Jährige. „Dass die Mittelschicht schmilzt, macht mir Sorgen.“

Für einige Freunde hat Geld kaum eine Rolle gespielt. „Jetzt drehen sie jeden Euro um.“ Sie gehen nicht mehr so oft zum Essen und es muss kein neues Auto sein.

Die Sparquote bei jungen Leuten muss sich erhöhen und für den Erwerb selbstgenutzter Immobilien staatlich gefördert werden.

Thomas Zeilhofer, Mittelstands-Union

„Inzwischen haben auch akademische Familien Existenzängste wegen der Jobs“, beobachtet Huyn. Besonders Mitarbeiter der Automobil- und Zulieferindustrie treibt das um. Auch das teure Bauen und Wohnen in Regensburg belastet die Mittelschicht. „Es ist früher nie um die Nebenkosten der Wohnung gegangen“, sagt er. Heute dominiert das oft die Tischgespräche. Huyn und seine Frau, die Vollzeit arbeiten, hätten gerne ein Haus in der Stadt gekauft, doch unter 800.000 Euro werde kaum etwas Ordentliches angeboten. „Wer soll das bezahlen?“, fragt sich der Informatiker. Die vierköpfige Familie ist in der Mietwohnung geblieben. Bekannte weichen bis nach Wörth aus, weil auch im Speckgürtel die Preise zulegen.

Wenn schon die Mittelschicht klagt, wie geht es dann den Armen? Im Juli 2025 haben 7.383 Menschen in Regensburg Bürgergeld bezogen, darunter 1.720 nicht Erwerbsfähige, zum Beispiel Kinder. Beinahe 2.900 Städter erhalten Sozialhilfeleistungen wie Grundsicherung im Alter. Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra beziffert diese auf durchschnittlich 2.234 Euro im Monat. Die Betroffenen-Zahlen im Bereich der Sozialhilfe (SGB XII) sind etwas gestiegen. Professor Wolfram Backert von der OTH, Mitautor des Armutsberichts, sagt: „Jeder Achte der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten in Regensburg verdient im Niedriglohnsektor, muss also mit weniger als 13,79 Euro brutto pro Stunde auskommen.“

Im Regensburg-Plan 2040 schreibt die Stadt, die Zahl der arbeitenden Armen nehme zu. Das sind Berufstätige, die ihren Lebensunterhalt kaum selbst bestreiten können, besonders, wenn sie Kinder versorgen. Einen Niedriglohn erhalten oft Friseure, Bäckerei-Verkäuferinnen, Gebäudereiniger oder Paketfahrer. Hohe Lebenshaltungskosten setzen ihnen ungleich stärker zu.

Bei Gesprächen ist es früher nie um die Nebenkosten der Wohnung gegangen.

Phuc Huyn, Software-Spezialist

Gleichzeitig nimmt die Arbeitslosenquote zu: Ende Juli hat sie in der Stadt 4,9 Prozent erreicht. Besonders Industrie-Jobs gehen verloren. Gründe dafür sind Transformationsprozesse, hohe Energiekosten und Bürokratie.

Dass zugleich die Einkommensmillionäre mehr werden, ist für Thomas Zeilhofer, den Kreisvorsitzenden der CSU-Mittelstands-Union, in erster Linie eine erfreuliche Entwicklung, weil diese Einkommen vor allem von Unternehmern erzielt würden, die ihre Firmen im Rahmen einer Personengesellschaft betreiben. Die Gewinne würden anders als bei einer GmbH direkt den Gesellschaftern zugerechnet. Gerade Mittelständler ließen die Gewinne im Unternehmen – für Investitionen und zur Stärkung des Eigenkapitals – und schafften so die Basis für Jobs, sagt der Wirtschaftsprüfer.

Staatliche Umverteilung

Er beruft sich auf das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft, wenn er sagt, die Schere zwischen Arm und Reiche gehe erfreulicherweise nicht weiter auf. „Durch staatliche Umverteilung in einer bisher nicht dagewesenen Größenordnung und die Sozialsysteme relativiert sich der Unterschied.“ Zeilhofer fordert, die Unternehmen bei den Energiekosten zu entlasten, was der Bund bereits plant. Bürokratie müsse abgebaut werden.

„Bauen, bauen, bauen“, appelliert Phuc Huyn an die Politik. Das Wohnen müsse bezahlbar werden. Er hofft auf niedrigere Energiepreise für Verbraucher und eine Lösung für den Ukraine-Krieg, auch wegen der Folgekosten.