Elli's Volksfestgschichten: Zu Besuch bei den sanften Riesen in Hausheim

Ach du dicke Wurst! Sind die riiiesig! Das hatte ich mir ja doch ein bissl anders vorgestellt, als mein Herrchen mich nach Hausheim kutschiert hat. Autofahren ist cool: vorne neben Herrchen (ans Steuer lässt er mich noch nicht), Rundumblick inklusive. Dann raus auf den Hof der Familie Marx und die Nase rein in alles, was gut riecht – Heu und Stroh und ‘n bisschen animalisch.
Am liebsten wäre ich gleich auf die Wiese galoppiert, da waren so Erdkuhlen, in denen könnte man sich dufte wälzen. Wenn da nicht lauter braune Pfosten gestanden wären. Haarige Pfosten. Gerade noch rechtzeitig habe ich geschaut, wo die oben aufhören ... Von wegen Pfosten! Riiiesige Pferde!

Da hab ich erst mal gebellt, weil ich mich fast erschrocken hab‘. Nachbars Katze nimmt dann gewöhnlich Reißaus – die Pferde hat das nicht gejuckt. Die haben nicht mal mit den Ohren gewackelt. Im Gegenteil: Ein Kerl ist sogar auf mich zugetapst, wollte mich beschnüffeln – zum Glück war da ein Zaun. Neee, so schnell lass ich mich nicht einwickeln!
Elli lassen die Kaltblüter aus Hausheim gar nicht kalt
Das sei der „Loisl“, hat der Chef von dem Hof gesagt. Und der sei erst vier Jahre alt. Kann gar nicht sein! Ich bin drei und in einem Jahr wachse ich bestimmt nicht mehr so viel.

Kaltblüter wird diese Rasse genannt, weil sie im Gegensatz zu Winnetous Iltschi ruhig, gelassen und ausgeglichen sind. Kalt haben sie trotzdem nicht gewirkt, eher neugierig und verschmust – wie ich mit meinem Herrchen. Trotzdem halt’ ich lieber Abstand – man weiß ja nie.
Sie müssen aber auch groß und stark sein, denn beim Volksfestzug spannt die Neumarkter Lammsbräu sie vor ihren Karren. Also dann ziehen sechs von ihnen den Brauereiwagen. Die Fässer drauf sind zwar gar nicht voll, wie ich rausgefunden habe. Aber der Wagen wiegt trotzdem 3,6 Tonnen. Das ist fast noch mal eine Tonne mehr als das E-Mobil von meinem Herrchen wiegt. Wie viele Würstchen das wären ...? Da könnte ich sicher alle Hunde aus ganz Neumarkt zum Futtern einladen.
800 bis 1000 Kilo bringt so ein „Loisl“ auf die Waage, sagt Thomas Marx, so heißt der Chef auf dem Hof. Die Waage habe ich aber nirgends gesehen, die muss ja mächtig groß sein.
Vielleicht war der „Loisl“ so neugierig, weil er zum ersten Mal aufs Volksfest darf. Zum Glück sind fünf seiner erfahrenen Kumpels dabei, die wissen wie‘s läuft. Um die Pferde zu lenken, hält der Kutscher sechs Zügel in den Händen. „Dazu braucht es schon Erfahrung“, hat der Herr Marx gesagt. Das glaub‘ ich gern! Mein Herrchen hat schon mit einer Leine oft alle Hände voll zu tun!

Besonders die Kurve von der Bahnhofstraße in die Ringstraße ist tricky, denn die Pferde wissen zwar, dass sie vor den Zuschauern abbiegen müssen. Aber sie können nicht einschätzen, wie lang der Wagen hintendran ist.
Dann muss der Kutscher die Zügel in der richtigen Reihenfolge anziehen, sonst wird’s eng. Dass selbst ein Zweibeiner wie der Herr Marx das irgendwo lernen muss, ist klar. Einen Führerschein hat er dafür sogar abgelegt. Und alle fünf Jahre kontrolliert das Ordnungsamt, ob er‘s richtig macht.

Mein Herrchen ist da fein raus: Sein Führerschein wird nicht alle fünf Jahre kontrolliert. So ein Kontrolleur würde dann feststellen, dass er manchmal ganz schön flott unterwegs ist.
Viele Übungsstunden für die kaltblüter der Familie Marx
Damit der „Flori“ beim Volksfestzug ebenfalls alles richtig macht, haben der Herr Marx und seine Helfer vorher geübt. Beim Ausreiten zum Beispiel hat er gelernt, dass fremde Geräusche nicht schlimm sind und dass sich immer irgendwo irgendwas oder irgendwer schnell bewegen kann. Außerdem durfte er vorher auf kleine Umzüge wie Lauterhofen und Freystadt. Wenn er dann mal mehr Erfahrung hat, wird er vielleicht Schauspieler wie sein Kumpel „Max“. Der ist nämlich bei den Wallenstein-Festspielen in Altdorf aufgetreten.

So wie der „Loisl“ hat auch der Herr Marx tolle Kumpel. Denn alleine könnte er sich gar nicht um alles kümmern, hat er erzählt. Schließlich hat er eine Frau und vor drei Wochen ist er das zweite Mal Papa geworden. Und ein Wirtshaus haben die auch. Ratet mal, wie das heißt! „Zum Ross“ – wie denn auch sonst!
Aber ich schweife ab: Ohne die anderen Zweibeinerinnen und Zweibeiner könnten der „Loisl“ und die anderen gar nicht zum Volksfest. Denn auf dem Kutschbock sitzt nicht nur der Kutscher. Einen Bremser gibt es auch noch und Bodenpersonal. In echt! Die sind gar nicht von der Lufthansa, sagt der Herr Marx, sondern die laufen neben den Pferden her. Damit den sanften Riesen niemand was tut – und damit die sich sicher fühlen. Zehn Leute sind da mit unterwegs. Na, mir reicht ja mein Herrchen.
Von den Zehnen sind auch welche schon Tage vorher damit beschäftigt, den Festwagen und die Geschirre samt Pferde auf Hochglanz zu polieren. Ob die dann auch einschamponiert werden wie ich, wenn ich zu meiner Saukuhle ausgebüxt bin?

Wie ich sind die Pferde von der Familie Marx richtige Volksfestprofis: Die treten nicht nur in Neumarkt auf, sondern auch in Fürth, Kulmbach, Parsberg, Beratzhausen und Abensberg. Aber Neumarkt ist natürlich das tollste Volksfest, eh klar.
Wenn mal kein Volksfest ist, ziehen sie Hochzeitskutschen, Planwagen oder die Elfriede, das ist ein Treidl-Schiff. Dafür kann man sie sogar buchen. Ich überlege, ob ich das nicht auch machen soll – für einen Haxn-Knochen mit richtig was dran würde ich auch mal den Rasenmäher meines Herrchens ziehen.