Harte Muskel-Jungs vom Bayerwald: Ein Weltrekord, Blut und ziemlich skurrile Marotten

Power Lifting ist nichts für Schwächlinge und schwache Nerven. Bei der Eisenhart Black Competition auf der Höllhöhe bei Neukirchen b. Hl. Blut im Landkreis Cham am Wochenende wurde das mit viel Schweiß und Blut unter Beweis gestellt. Aber auch richtig skurrile Rituale und exzentrische Schuhe der Athleten machten das Event zu etwas ganz Besonderem.
Hier ein paar ziemlich schräge Randnotizen des Mega-Events über Ammoniak, Crocs, Captain America, Kompressionsstrümpfe und Löcher in Muskeln.
Menschliche Muskelmasse, gewaltige Gewichte und Rekorde sind bei dem Zusammentreffen der Weltelite im Power Lifting das eine – Verletzungen, die nicht nur Fans zusammenzucken lassen, ganz persönliche Marotten und abergläubische Gewohnheiten sind aber ebenso zu beobachten.
Adrenalin kommt nicht von ungefähr, sondern aus der Flasche
A wie Ammoniak oder Adrenalin: Beim Dead Lift, der Königsdisziplin im Power Lifting, wo nur noch die besten der Besten antreten, ist keiner der Athleten mehr „ohne“ dabei – kleine Fläschchen, an denen sie Sekunden vor dem Heben schnüffeln. Manche lassen sie sich von ihren Betreuern unter die Nase halten, einige von der Freundin, die Coolen wie Hafthor „Thor“ Björnsson machen es selber und schmeißen es lässig zur Seite: Riechsalz ist in Kraftsportarten weit verbreitet und sorgt mit Ammoniak für eine schnelle hohe Adrenalinausschüttung im Körper. Zusätzliche Power, auf die keiner der Athleten verzichten will.

Zum Thema: „Der Berg“ von Game of Thrones im Video: Hier holt Hafthor Björnsson den Weltrekord
B wie Blut: Wer am meisten Schweiß gelassen hat am Samstag bei der Eisenhart Competition, ist nicht zu belegen. Das meiste Blut aber hat sicherlich Mikhail Shyvlyakov vergossen. Der Russe tritt zweimal bei weit über 400 Kilo an – und blutet beide Male extrem aus der Nase, so dass das Blut bis auf sein T-Shirt hinuntertropft. Organisator Sepp Maurer stört sich nicht, gibt dem enttäuschten Athleten nach den gescheiterten Versuchen einen festen Bro-Hug und schmiert Shyvlyakov gaudihalber sein eigenes Blut ins Gesicht zurück.
Starke Jungs tragen schräge Schuhmode
C wie Crocs: Was haben Crocs mit Benchpressing und Power Lifting zu tun? Etliche Athleten aus der internationalen Besetzung tragen die Plastik-Schlappen bei ihrem Einmarsch auf die Bühne – wohl, weil sie schnell und einfach aus- und wieder angezogen sind. Andere tragen simple Sportschlappen oder ziiiiiemlich alt anmutende Stoff-Turnschühchen. Den inoffiziellen Preis für die interessanteste Schuhwahl gewinnt aber: Rauno Heinla. Der 1,83 Meter große und rund 135 Kilo schwere estnische Kraftsportler tritt mit schwarzen dehnbaren Gymnastikschühchen mit Glitzer an.

C wie Captain America: John Haack oder Captain America, wie er auch genannt wird, gilt in der Szene als inoffizieller GOAT (Greatest of all time). So stellt auch Sepp Maurer ihn am Samstag vor. Der studierte Chemiker (!) zieht nicht so viel Gewicht wie Björnsson oder Dimitrov. Denn: Der US-Athlet tritt ohne Griffschlaufen an, liftet aus dem klassischen Stand und trägt auch keinen Heberanzug. Ohne Sperenzchen wie manche Kontrahenten tritt er auf die Bühne, schnurstracks zur Hantel, beugt sich und hebt an. Allerdings war diesmal bei 415 Kilo für ihn Schluss. Der 32-Jährige hält den Rekord im Raw-Powerlifting.

D wie (Möchtegern-)Dieb: Fast hätte Ventsislav Dimitrov Hafthor Björnsson den gerade erst gewonnenen Titel wieder abgenommen. Nach der Sieges-Zelebration ließ er der zweimalige Eisenhart-Gewinner noch einmal 507,5 Kilo auflegen, um womöglich gleich noch einen, genauer: zweieinhalb, draufzusetzen. Nicht unbedingt allzu arrogant: Es heißt, Dimitrov habe inoffiziell bereits 520 Kilo geschafft. An diesem Abend war aber nichts für ihn zu reißen – äh, heben: Der Rekord blieb bei Thor.
Bunte Gewichtsscheiben werden gewogen
E wie Eleiko: Eine Firma, die Gewichte herstellt, und deren hochwertige Gewichtscheiben als wettbewerbstauglich gelten. Bunt wie ein Regenbogen: Rote Scheiben wiegen 25 Kilo, blaue 20, gelbe 15, schwarze 10. Alles darunter glänzt silbern., kam aber nur einmal zum Einsatz: Beim Weltrekordversuch von Ventsislav Dimitrov, der 507,5 Kilo auflegen ließ – aber scheiterte. Die genormten Gewichtsscheiben wurden übrigens vor dem Wettbewerb – ehrlich! – noch einmal schiedsrichterlich gewogen und abgesegnet.
G wie Griff: Ziemlich unterschiedlich greifen die Athleten die Hantelstange. Einige halten die Stange mit beiden Händen nach unten, andere greifen mit einer Hand um 180 Grad rotiert, im so genannten Wechselgriff. Der soll verhindern, dass die Hantel aus den Händen rollen kann. Erlaubt ist beides. Manche benutzten Griffschlaufen, die bei der Black Competition im Dead Lift erlaubt sind.
J wie Joska: Die Glaskünstler aus Bodenmais, die weltweit die hochkarätigsten Sportevents mit Siegertrophäen beliefern, haben den Weltrekord-Pokale gefertigt, den Hafthor Björnsson überreicht bekommt. Dabei ist der Juniorchef eigentlich eher in der Bodybuilding-Szene zuhause, outet in Sepp Maurer vor 3500 Zuschauern. Dafür sei die Eisenhart Competition sicher unerreicht, rettet sich Lennart Kagerbauer aus der Schlinge.

Alte-Oma-Socken, aber immerhin bunt
K wie Kompressionsstrümpfe: Tragen fast alle der Dead Lifter. Manche versuchen den Alte-Oma-Effekt mit bunten Mustern oder verschiedenfarbigen Strümpfen entgegenzuwirken. Die Kompression fördert den Bluttransport nach oben, das in der Lunge schnell wieder mit Sauerstoff angereichert wird und zu den Muskeln zurückgepumpt wird, die es benötigen. Stoffwechselprodukte werden angeblich schneller abtransportiert. Auch Studien deuten darauf hin, dass die Strümpfe zu Leistungssteigerungen führen können.
M wie Muskelriss: Pechvogel des Abends ist am Samstag Giorgi Gogolidze, der sich gleich bei seinem ersten Versuch im Fel der besten Powerlifter den Hamstring reißt – was Experte Sepp Maurer sofort erkennt und dem entsetzten Publikum mitteilt. „Das heißt, der Wettbewerb ist für ihn leider vorbei“. Maurer weiß auch gleich, was das für den Georgier weiter bedeutet: „Da ist jetzt hinten gleich ein richtiges Loch im Oberschenkel zu sehen. So ein Muskelriss wird üblicherweise genäht und bedeutet ein halbes Jahr Reha und Aufbau. Eine häufige Verletzung im Kraftsport.“
So manchem Athleten wird schwindelig vor Glück...
N wie zum Niederknien: Krystof Wierzbicki schafft normalerweise 490 Kilo locker, und das, weltweit als einziger, zweimal hintereinander. „Man muss überlegen, ob das nicht fast mehr wert ist, als noch mehr Gewicht zu stemmen, aber nur einmal“, sagt sogar Sepp Maurer. Am Ende seines Lifts geht Wierzbicki am Samstag aber in die Knie – Schwindel! Nicht ganz ungefährlich aber nach einer kurzen Pause geht Wierzbicki alleine von der Bühne.

O wie Oben ohne: Trotz der frostigen Temperaturen und des anhaltenden Regens tritt der US Amerikaner Shane Hunt immer oben ohne an. Das ist im Dea Lift zumindest bei den Männern erlaubt, aber trotzdem: Brrrr.
EIn Putzdienst fürs Powerlifting
P wie Putzdienst: Penibelst sauber gehalten werden Hantelstange und der Platz darunter. Putztuch und Staubsauger sind daher am Samstag die meistgenutzten Utensilien. Ohne Spaß.
R wie Rituale: Powerlifter, das wird am Samstag deutlich, sind abergläubisch und Routiniers – im Sinne von: Sie halten ihre Rituale in Ehren. Während Makarov erst einmal eine Runde um den Block tigert (siehe „T“), lassen sich andere, wie Amateur Moritz Mader erst einmal kräftig das Kreuz verkloppen oder schlagen sich selbst kräftig auf die Brust. Derek Thislethwaite macht eine etwas seltsam anmutende Geste mit den Zeigefingern zur Hantelstange, ehe er sie anfässt., ein anderer sammelt sich erst einmal eine halbe Minute mit betenden Händen.
R wie Ruckeln: Während im Amateurbereich das Gewicht in einem einzigen sauberen Zug hochgehievt werden muss, ist im Dead Lift etwas Ruckeln und Ziehen erlaubt. Schaut manchmal lustig aus, ist aber todernst gemeint.
S wie Senioren: Mit 70 Jahren tritt Arthur Hirmer an, um den Weltrekord in seiner Altersklasse zu brechen. Der liegt bei 230 Kilo! Hirmer lässt 232 Kilo auflegen, scheitert am Ende aber knapp.
Ivan Makarov ist der König der Tiger
T wie Tiger(n): Der Titel König des Tigerns geht an: Ivan Makarov. Vor jedem Lift tigert er ein paarmal angespannt hin und her, ehe er entschlossen an die Hantelstange tritt.
V wie Verzögerung: Zu kleinen Verzögerungen kommt es am Samstag immer dann, wenn Athleten und der Zeitplan minimal kollidieren. Denn es kommt auf die genaueste Zeitdauer an, die zwischen dem letzten Aufwärmlift und dem geltenden Versuch liegen darf, um die optimale Kraft auf den Punkt abzuliefern. Hinkt der Zeitplan hinterher, beginnen die folgenden Athleten noch einmal hinter den Kulissen mit ihrem exakt getakteten Aufwärmritual.
V wie Verwechslung: Moderator Bernd Schmelzer, der hinter den Kulissen einen kurzen Rundgang macht und mit Athleten diskutiert, verwechselt Bodybuilder Tim Budesheim mit Hafthor „Thor“ Björnsson. Kann ja mal passieren, bullig ist Budesheim ja auch – selbst wenn ihm auf den „Berg“ 30 Zentimeter fehlen.
W wie weiße Beine: Ziemlich blass schauen fast alle Athleten am Samstag aus – vor allem um die Beine herum. Sie haben Kalk/Magnesium, wie es beispielsweise auch beim Klettern benutzt wird, sehr großzügig auf die Oberschenkel (und Hände) aufgebracht, um den Schweiß aufzusaugen. Beim Liften wird die Hantelstange oft über die Schenkel geführt, sie könnte sonst rutschig werden.
Z wie Zehen: Kraft in den Zehen brauchen viele der Athleten, die aus dem Sumostand die Beine gerade hin zur Mitte ruckeln. Lustig anzuschauen, wie sich die Hundert-Plus-Kilo-Männer millimeterweise zu ihrem Ausgangsstand hinfüßeln.