Neuer Weg gegen Personalmangel an Kitas: Wie ein Ihrlersteiner Institut Quereinsteiger ausbildet

Von Martina Hutzler · 21. Juli 2025 um 11:00

Personalmangel bei Kitas und Co. im Landkreis Kelheim: Knapp ein Fünftel von 84 befragten Einrichtungen hat voriges Jahr angegeben, Plätze nicht belegen zu können, weil dafür Personal fehlt. Der Freistaat beschreitet deshalb neue Wege in der Fachkraft-Ausbildung. Ein Bildungsinstitut in Ihrlerstein hat sich darauf spezialisiert.

Video ansehen

Neben der „klassischen“ Ausbildung zur Erzieherin, zum Erzieher gibt es seit 2022 in Bayern ein „Gesamtkonzept für die berufliche Weiterbildung“: Es definiert, auf welchem berufsbegleitenden Weg Quereinsteiger in Kinder-Tageseinrichtungen kommen und sich pädagogische Kräfte weiterbilden können. Dabei zu unterstützen, ist ein Ziel von Michaela Schmitz und Marvin Materna. Nachdem beide zuvor schon als freiberufliche Dozenten tätig waren, haben sie sich vor einem Jahr unternehmerisch zusammengetan und ihr „Bildungsinstitut für Pädagogikfortbildungen und Beratung“ gegründet, mit Sitz in Ihrlerstein.

Abschlüsse bayernweit anerkannt

Sie sind damit laut Landratsamt einer von mehreren Anbietern im Landkreis Kelheim für die aufeinander aufbauenden Weiterbildungsmodule, die das Gesamtkonzept vorgibt. Die Abschlüsse, mit denen die Module enden, sind laut Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (ifp) in allen bayerischen Kitas anerkannt: Je nach absolvierten Modul-Gruppen („Blöcke“) kann man als Assistenzkraft, Ergänzungs- oder sogar Fachkraft arbeiten.

Gelernt wird in Online-Workshops, in Präsenz sowie eigenverantwortlich für sich selbst – und jeweils angeleitet sowie am Ende zertifiziert von sogenannten „Multiplikatoren“, die sich für ihre Tätigkeit ebenfalls zertifizieren lassen müssen.

Marvin Materna (36) ist Multiplikator für Block A, mit dem man Assistenzkraft wird; Michaela Schmitz (45) begleitet in Block C Ergänzungskräfte auf dem Weg zur Fachkraft. Beide haben selbst langjährige Berufserfahrung und leiten hauptberuflich jeweils ein kommunales Kinderhaus in Regensburg.

Viele Frauen dabei, die nach Kinder-Pause wieder ins Berufsleben einsteigen

Vor allem bei Block A gibt es eine typische „Klientel“, schildert der Ihrlersteiner Marvin Materna: Frauen ab 40, die nach der Kinder-Pause zwar zurück ins Berufsleben, aber in einen anderen Beruf gehen wollen. Knapp die Hälfte, schätzt er, ackert sich letztlich durch die Module bis zur Fachkraft. Oft unterstützt von den Einrichtungen, in denen die meisten dann schon arbeiten.

„Ab Block B beteiligen sich bei den allermeisten Teilnehmenden die Träger an den Kosten“, die je Block zwischen zweitausend und knapp 4000 Euro betragen, schildert Materna: Den Trägern ist daran gelegen, angehende Fachkräfte zu halten; außerdem dürfen diese während der Module schon in den Personalschlüssel eingerechnet werden.

Am Landratsamt, das als Aufsichtsbehörde über die Kindertagesstätten fungiert, sieht man Angebote wie das von Materna und Schmitz positiv, wie auch das Konzept des Sozialministeriums für die modulare Weiterbildung insgesamt. Es sei „keine Konkurrenz, sondern eine förderliche Ergänzung der Angebote von Berufsfachschulen für Kinderpflege und Fachakademie für Sozialpädagogik“, die es am Kelheimer Beruflichen Schulzentrum gibt, schreibt Vize-Pressesprecherin Sonja Endl auf Anfrage.

Modul-Konzept zielt auf Quereinsteiger ab

Denn während am BSZ in der Regel Jugendliche nach dem Schulabschluss starten, zielt das berufsbegleitende Modul-Konzept eher auf Quereinsteiger ab. Damit „können zusätzliche Personenkreise für das Tätigkeitsfeld der Kindertagesbetreuung erschlossen werden“.

Neben diesen Quereinsteigern bieten Marvin Materna und Michaela Schmitz aber auch Weiterbildungen für das bestehende Kita-Personal an. Wichtig seien praxisorientierte Tipps: „Wir wollen die Lücke zwischen Wissenschaft und pädagogischer Praxis schließen“. Denn „vieles, was man liest, hilft im Berufsalltag nicht weiter“, sagen die beiden aus Erfahrung, und obwohl sie als gelernte Erzieher/in beide auch die wissenschaftliche Qualifizierung schätzen.

Michaela Schmitz und Marvin Materna bei einer Fortbildung zum Thema „Partizipation und Bedürfnisorientierung“, die sie in Mallersdorf angeboten haben. - Foto: Materna /Schmitz

Während Materna derzeit ein Masterstudium in Kindheits- und Sozialwissenschaft absolviert, hat Schmitz neben den Berufsabschlüssen als Erzieherin und Heilpädagogin einen Master in Erwachsenenbildung; beide haben zudem diverse Fortbildungen absolviert wie etwa Montessori-, Erlebnis- und Kinderschutz-Pädagogik.

Fortbildungen für Kitas

Das gesammelte Wissen geben sie unter anderem bei Tagesfortbildungen an Kitas im ostbayerischen Raum weiter, wollen dafür auch noch einen Pool an weiteren Fachleuten aufbauen. Die Fortbildungen sind jeweils einem Thema gewidmet, wie zum Beispiel „Bedürfnisorientierte Eingewöhnung“, „Situativ gut führen“ oder „Beschwerdemanagement“. Am meisten gebucht sei der „Umgang mit herausfordernden Kindern“, schildert Michaela Schmitz. Auch bei den mittlerweile vorgeschriebenen Schutzkonzepten gegen Gewalt unterstützen sie Einrichtungen.

Dass in ihrem Beruf immer wieder „Updates“ nötig sind, wissen sie aus eigener Erfahrung nur zu gut. Beispielsweise würden Kinder und auch Eltern tendenziell anspruchsvoller – zumindest aus Sicht des Personals. Für die Betreuungskräfte wiederum sei es eine stete Herausforderung, innerhalb der Gruppe jedem Kind seinen individuellen Freiraum zu geben. Vor dem Hintergrund wäre es dringend nötig, dass regelmäßige Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher verpflichtend wären, sind die beiden überzeugt.

Zahlen und Prognosen

■ Ist-Stand: Im Landkreis Kelheim gibt es 87 Einrichtungen, davon 69 Kindergärten, 14 Kinderkrippen und 4 Horte. Dort waren 482 pädagogische Fachkräfte und 383 pädagogische Ergänzungskräfte beschäftigt; dazu 49 Assistenzkräfte (gemäß modularer Weiterbildung). Diese Zahlen nennt das Landratsamt Kelheim auf Basis des online-gestützten Abrechnungsverfahrens baykibig.web.

■ Prognose: Laut Bedarfsplanung 2024 des Institut „Sags“ wird im Landkreis Kelheim bis zum Jahr 2036 die Zahl der zu betreuenden Kita-Kinder (Alter von drei Jahren bis Schulbeginn) signifikant sinken; die der Unter-Dreijährigen sinkt demnach leicht. Beides vorausgesetzt, dass sich die Betreuungsquote (Stand März 2023) bis dahin nicht ändert. Zugleich prognostiziert Sags aber, dass von 2023 bis 2042 im Kreis Kelheim die Zahl der Renteneintritte von Betreuungskräften um rund 8000 höher sein wird als die Zahl der Berufs- und Studienanfängerinnen und -anfänger.