Vor 100 Jahren starb Lovis Corinth – Regensburg widmet ihm eine Ausstellung

Ab 24. Oktober gibt das Kunstforum unter dem Titel „Lovis Corinth – Bildrausch“ einen Einblick in Corinths Schaffensprozess. Besucherinnen und Besucher können erstmals in virtuellen Skizzenbüchern blättern.
Als der Maler und Grafiker Lovis Corinth vor 100 Jahren, am 17. Juli 1925, in Zandvoort bei Amsterdam an den Folgen einer Lungenentzündung starb, hatte er sich zu einer letzten großen Reise aufgemacht: In Amsterdam wollte er die Werke von Frans Hals und Rembrandt noch einmal sehen. Corinth selbst gilt als Schlüsselfigur der Moderne: als bedeutender Vertreter des deutschen Impressionismus und Vorreiter des Expressionismus. Exakten Zuordnungen entzieht sich der Künstler, der in seinen Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Grafiken eine Fülle von Motiven aufgriff: Mythologische und religiöse Darstellungen, Aktmalerei, Porträts, Landschaften.
Eng verbunden mit diesem Künstler ist das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg: Alle zwei Jahre vergibt es eine Auszeichnung, die seinen Namen trägt. Zudem ist Corinth einer der bedeutendsten unter den biographisch mit dem östlichen Europa verbundenen Künstlerinnen und Künstlern, denen sich das Museum widmet. Von ihm, der am 21. Juli 1858 im damals ostpreußischen Tapiau (heute Gwardejsk in der russischen Oblast Kaliningrad) geboren wurde, verwahrt das Kunstforum eine in der deutschen Museumslandschaft außergewöhnliche Sammlung: Laut Mitteilung sind es 14 Gemälde aus allen Schaffensphasen, in der Grafischen Sammlung befinden sich zudem rund 700 Zeichnungen und Druckgrafiken, darunter zwölf Skizzenbücher und ein Album mit eingeklebten Skizzen, die bisher großteils unpubliziert sind.
Skizzenbücher geben biographische Einblicke
Aus Anlass des 100. Todestags und 167. Geburtstags gibt es im Herbst eine neue Ausstellung: „Lovis Corinth – Bildrausch“. Dabei gehe es nicht darum, möglichst viele Corinth-Motive zu zeigen, sagt Sebastian Schmidt, zusammen mit Mona Stocker Kurator und Leiter der Grafischen Sammlung. „Unsere Idee war, von dem Material auszugehen, das nur wir haben.“ Erstmals werde dieses vollständig digitalisiert präsentiert – die Besucher können per Touchscreen durch die virtuellen Skizzenbücher blättern. Aus diesen ergeben sich vielfältige neue Erkenntnisse, wie Schmidt erklärt: Während Corinth in größeren Skizzenbüchern die Kompositionen aufwendiger Arbeiten vorbereitete, vermittelten die kleinen Formate eine Art gezeichneten Tagebucheintrag. Eines der Bücher dokumentiere zum Beispiel eine Reise durch Süddeutschland: „Hier kann man die verschiedenen Reisestationen nachvollziehen und sehen: Was hat ihn interessiert? Wo hat er übernachtet? Mit welcher Bahnverbindung ist er gefahren?“ Gerade aus den frühen Studien lasse sich der Lernprozess des Künstlers nachvollziehen: „Es ist ja nicht so, dass man die Zeichnungen, die man nicht für gelungen hält, in den Papierkorb schmeißt.“ Weil Besucher der Ausstellung das ganze Skizzenbuch betrachten können, erhielten sie einen vollständigen Eindruck, anstatt nur zwei, drei Highlights daraus aufgeblättert zu sehen.
Wesentlich für Corinths heutige Bedeutung sei seine Ausbildung, wie Schmidt erklärt: Er begann sein Studium in Königsberg, setzte es aber in den Kunstzentren der damaligen Zeit fort: Die Aufenthalte in Paris, München und Antwerpen eröffneten ihm neue Perspektiven, die es ihm erlaubten, als Künstler einen „durchaus eigenständigen und selbstständigen Weg“ zu gehen.
Corinth fertigte viele Selbstporträts an – sie zeigen ihn oft mit Pinsel in der Hand oder mit Skelett im Hintergrund. Schmidt sieht darin eine kritische Auseinandersetzung des von Zweifeln und Depressionen geplagten Künstlers mit sich selbst und seiner Arbeit. Zudem trug Corinth 1911 von einem schweren Schlaganfall eine anhaltende Lähmung seiner linken Körperhälfte davon.
Von Krankheit gezeichnet
Er selbst schrieb, „ein ungeheures Zittern der rechten Hand“ behindere ihn. Schmid sagt, die zeitgenössische Kunstkritik habe seien Arbeiten als „virtuos“ bezeichnet. Angesichts seiner Selbstbeschreibung sei anzunehmen, dass „sich seine künstlerische Schaffenskraft kaum von der körperlichen und psychischen Verfassung trennen lässt.“
Dennoch war Corinth bis zu seinem Tod produktiv. Mit seiner Familie verbrachte er viel Zeit am Walchensee. Diese zahlreichen Landschaftsbilder nehmen in seinem Werk einen wichtigen Stellenwert ein, wie Schmidt sagt. Dort füllte Corinth auch ein Skizzenbuch, das seine Tochter Wilhelmine ihm schenkte – sie hatte es eigenhändig gebunden. Heute gehört es zur Sammlung des Kunstforums. Die Familie habe nach Corinths Tod großes Interesse daran gehabt, sein Werk gut unterzubringen, sagt Schmid. Mit Sohn und Tochter habe das Kunstforum in gutem Kontakt gestanden: „Es war ihre Entscheidung, die Werke an das Kunstforum zu geben.“
Die Ausstellung:
Projekt: Ab 24. Oktober gibt das Kunstforum unter dem Titel „Lovis Corinth – Bildrausch“ einen Einblick in Corinths Schaffensprozess. Wie das Kunstforum mitteilt, fragt die Ausstellung, welche Motive den Künstler faszinierten und wie er seine Bildkompositionen entwickelte. Das Projekt verbindet die Sammlungsbereiche Malerei und Grafik und entsteht in Zusammenarbeit von Dr. Mona Stocker und Dr. Sebastian Schmidt, den jeweiligen Sammlungsleitern. Verstärkt werden sie von Restauratorin Christiane Adolf, die die maltechnischen und kunsttechnologischen Untersuchungen durchführt und aufbereitet.
Eine Filmanimation mit mikroskopischen Aufnahmen von Corinths Malerei lasse das Publikum in das Erlebnis des farbigen „Bildrauschs“ eintauchen. Die Ergebnisse der Forschungen zu Corinth erscheinen in zwei Bänden: als Ausstellungskatalog und Bestandkatalog zu den Skizzenbüchern.
