Beim Festival Junge Regie zeigt der Nachwuchs seine eigene Handschrift

In einem viel versprechenden Programm schürfen Studierende in Franz Grillparzers Diamantenmine „Das Goldene Vlies“, sezieren eine zerbröselnde Beziehung und fragen: „Liebst Du Absurdität“?
Wer alle drei Teile von „Das goldene Vlies“ sehen will, braucht etwas Sitzfleisch – was fast nach Bayreuther Festspielen klingt. Doch nach Bayreuth muss man deshalb nicht: Die Stücktrilogie nach Franz Grillparzer ist ab 18. Juli in Regensburg bei der Akademie für Darstellende Kunst Bayern (ADK) zu sehen, beim diesjährigen Festival Junge Regie. Wer alle drei Teile (jeweils etwa 60 Minuten) sieht, habe „den höchsten Genuss“, sagt Sebastian Martin, Studiengangsleiter Regie an der ADK. Natürlich könne man die Inszenierungen auch einzeln ansehen: Es gebe jeweils eine Einführung und im Anschluss ein Nachgespräch: „Die Studierenden wollen wissen, was ihre Arbeit in den Leuten auslöst“.
Medeas Konflikte sind hoch aktuell
Im antiken Mythos aus „Das goldene Vlies“ (in dem die Priesterin Medea der unglücklichen Liebe zum Griechen Jason alles opfert), sehen die Regiestudierenden Anknüpfungspunkte an die Gegenwart: Es geht um eine Familien- und Liebesgeschichte, Vertreibung, kulturelle Konflikte, um Krieg und den Zusammenbruch der vertrauten Welt. Martin nennt Grillparzers Text eine „Diamantenmine“, durch die sich Christine la Renade, Sebastian Goditsch und Meike Groeneveld gegraben haben, um „in drei Arbeiten mit je individuellem Zugriff das Herz der alten Geschichte“ freizulegen.
Zwei weitere Inszenierungen zeigt das Festival: Senya Romin, Regiestudent im dritten Jahr, bringt „Der Mann aus Podolsk“ von Dimitri Danilow auf die Bühne. Der Protagonist, Durchschnittsmensch aus einer Kleinstadt, wird ohne Angabe von Gründen zur Polizeiwache gebracht. Anstatt eines Verhörs beginnen die Polizisten ein Gespräch über zeitgenössische Kunst, Literatur und Musik. Romin zeigt damit einen Hang zum Absurden, Surrealen. Er ist auch außerhalb der ADK aktiv, gründete mit anderen das Kunstkollektiv „Most“, mit dem er in Regensburg und München Stücke aufführt, die sich gegen Krieg und Autoritarismus wenden, oft von postsowjetischen Autoren. Martin nennt den Studenten einen „engagierten Künstler“, der versuche, Fragen zu stellen und es sich keineswegs im geschützten Kokon der ADK bequem mache. Martin findet das ideal: In der Regie-Ausbildung sei es wichtig, früh rauszugehen und Kontakte zu knüpfen.
Auch Ole Heimerdinger (4. Ausbildungsjahr) stand bereits außerhalb der Akademie auf der Bühne: Erfolgreich inszenierte er „Der Hässliche“ beim internationalen Theaterfestival „Nonstop Europa“ im Mai in Chemnitz. Für das Regensburger Festival wählte er „Die Frau von früher“ nach Roland Schimmelpfennig. Darin will Romy eine 20 Jahre alte Liebeserklärung bei Frank einlösen. Doch der ist seit Ewigkeiten mit Claudia verheiratet. Romy erinnert Frank daran, wer er früher war und wer er heute ist. So komme „die vermeintliche Sicherheit ins Wanken, alles bröckelt, unaufgearbeitete Konflikte kommen hoch. Wie ich Ole kenne, wird er den Stoff mit großer Leichtigkeit erzählen“, sagt Martin.
„So viel Freiraum wie möglich“
In allen Inszenierungen spielen Schauspielstudierende des ersten und zweiten Studienjahres. Martin begleitete die Arbeiten das ganze Jahr über – von der Stückauswahl über das Textverständnis bis zur szenischen Umsetzung. Sein Motto: „So viel Freiraum wie möglich, soviel Unterstützung wie nötig“. Regieführende „sollen keine Diktatoren sein, sondern Spielanleiter, bei denen Schauspieler Ideen einbringen können.“ Auch den Umgang mit Kritik lernten sie, indem sie ihre Konzepte und Ideen immer wieder überprüfen müssten. Offenbar mit Erfolg: Martin sieht „großen Einsatz, einen fairen und konstruktiven Umgang mit dem Ensemble, gute Stimmung und fünf unterschiedliche, von starker Handschrift geprägte Arbeiten“.
Termine und Infos: www.adk-bayern.com/akademietheater. Am 8. August zeigt die Fachrichtung Schauspiel der ADK ihre Abschlussinszenierung „Der Drache“ von Jewgeni Lwowitsch Schwarz.
Am 8. August zeigt die Fachrichtung Schauspiel der ADK zudem ihre Abschlussinszenierung „Der Drache“ von Jewgeni Lwowitsch Schwarz.