Im Turmtheater: Ein absurd komisches Stück über das Erben

Ab Samstag inszeniert das Turmtheater Regensburg Nora Abdel-Maksouds Erfolgskomödie „Jeeps“. Die bringt nicht nur Extreme zusammen, sondern bietet nichts weniger auf als die „schwarze Schaumkrone des Spätkapitalismus“.
Eine Erbschaftsreform steht an. Nein – nicht bei der Regierung, sondern im Regensburger Turmtheater. Das packt mit seiner neuen Eigenproduktion „Jeeps“ ein gesellschaftspolitisch heißes Eisen an: Das Erben. Autorin des Stücks ist die 1983 in München geborene Dramatikerin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud, bekannt für ihre scharfzüngigen Komödien. „Jeeps“ schrieb sie als Auftragsarbeit für die Münchner Kammerspiele. Im Stück geht es um große, grundsätzliche Fragen: Ist es gerecht, dass die einen nur Schulden erben und andere Millionenwerte? Wie verhält sich „leistungsloses Vermögen“ zur Idee einer gesellschaftlichen „Leistungsgerechtigkeit“? Warum wird Erben nicht hinterfragt, während Empfänger von staatlicher Unterstützung immer wieder aufs Neue ihren Leistungswillen beweisen müssen?
Das Jobcenter soll umverteilen
„Pointiert und tiefgründig“ treibe das Stück gesellschaftliche Zustände auf die Spitze, sagt Markus Bartl, der künstlerische Leiter des Turmtheaters. In seiner Regie ist es ab Samstag als Regensburger Erstaufführung zu sehen. Nora Abdel-Maksoud bringt in ihrer Komödie Extreme zusammen: Arbeitslosengeld und Vermögenssteuer. Hintersinnig sucht sie sich ausgerechnet das Jobcenter für die Umsetzung ihrer fiktiven Erbschaftsreform aus, die tatsächlich ein Sozialexperiment ist: Jährlich sollen bis zu 400 Milliarden Euro per Losverfahren vergeben werden – nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft ist das exakt die Summe, die in Deutschland pro Jahr vererbt wird. „Eierstocklotterie“ nennt das eine Figur im Stück.
Doch die enteignete Start-up-Gründerin Silke (Barbara Trottmann), die von der Umverteilungsaktion betroffen ist, tickt aus: Sie bildet mit der langjährigen Bürgergeldempfängerin und Amtskennerin Maude (Heike Ternes) ein erpresserisches Duo. Gemeinsam drohen sie dem überkorrekten Job-Center-Mitarbeiter Gabor (Pascal Averibou), seinen geliebten Geländewagen in die Luft zu jagen, sollte er nicht für „Gerechtigkeit“ sorgen. Auch Armin (Ernst Matthias Friedrich) gerät zwischen die Fronten, wie es in der Ankündigung des Turmtheaters heißt: Ein „Zyniker, der nach Jahren als Beamter alle beruflichen und sozialen Ideale aufgegeben hat“.
„Eierstocklotterie reloaded“
In dieser Komödie, die Besitzstandswahrung und die sogenannte Neiddebatte aufgreift, sei der Gedanke des Losverfahrens folgerichtig, sagt Bartl. Viele Menschen würden auf die ererbten Sicherheiten bauen: „Das wird nicht als Geschenk gewertet, sondern als selbstverständlich.“ Die fiktive Setzung in „Jeeps“ nennt Bartl „Eierstocklotterie reloaded“: Das Erbe wird nicht nach Testament verteilt, sondern per Lotterieverfahren an alle. „Jeeps“ leuchte die gegensätzlichen Positionen einer Erbin und einer Hartz-IV-Empfängerin aus. Ein superkorrekter Typ werde zu einer illegalen Amtshandlung gebracht, das Los der Erbin rauszurücken. Den Jeep, bitterböse „schwarze Schaumkrone des Spätkapitalismus“ genannt, gibt es im Turmtheater tatsächlich, dank einer Spende des Regensburger Stern-Centers. Sein Modell steht im Maßstab 1:24 auf der Bühne – dass das Stück irgendwann in eine recht apokalyptische Richtung abbiegt, wie Bartl ankündigt, geht nicht spurlos an ihm vorbei. „Jeeps“ sei eine „sehr aktuelle und zeitgemäße Form des Boulevardtheaters mit hohem literarischen Anspruch“ und unterschiedlichen Zeitebenen. Bartl arbeitet mit verschiedenen Lichtstimmungen und drei Schranktüren als dynamischem Bühnenelement. Die komplexe Geschichte habe auch etwas von Kabarett, sagt Bartl – sie durchbricht die „vierte Wand“ zum Publikum, das gewiss eine eigene Meinung zu dem gesellschaftsrelevanten Thema habe. Mit tiefgründigen Gedanken bei guter Unterhaltung will der Regisseur Diskussionen anregen.
Premiere am 19. Juli, 19.30 Uhr, im Turmtheater. Karten: www.okticket.de oder info@regensburgerturmtheater.de