Nach Bombenfund in Cham: Evakuierte müssen die Nacht auf Feldbetten verbringen

Eine Nacht wie keine andere: Hunderte Chamer strömen nach der Evakuierung wegen einer Fliegerbombe in die eingerichtete Notunterkunft, wo die Helfer versuchen, Ordnung ins Chaos zu bringen und selbst vierbeinige Besucher zu versorgen.
Kurz nach 21 Uhr steht Jan Singer vor der Chamer Stadthalle im Nieselregen. Über sein T-Shirt hat er nur schnell eine leichte Jacke geworfen, als er seine Wohnung in der Bäumlstraße verlassen musste. Über die NINA-App ist er eine halbe Stunde zuvor über die notwendige Evakuierung informiert worden. „Da war ich gerade am Bettgehen, ich muss um 4 Uhr schon wieder raus zur Arbeit“, sagt der 32-Jährige.
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Vor der Stadthalle hat er zwei Bekannte getroffen, die sich bereits mit Kaffee eingedeckt haben. Die beiden hoffen noch, dass sie schnell wieder in ihre Wohnungen in Cham-West zurückkehren können. „Ich will jetzt nicht die Nacht hier verbringen“, sagt eine Nachbarin Singers.

Notbetten aufgebaut
Hinter ihnen drängen immer mehr durch den Eingang der Stadthalle ins Innere, wo der Landkreis eine Unterkunft für die 2500 Menschen eingerichtet hat, die wegen der Fliegerbombe ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssen und so kurzfristig nirgends anders unterkommen. Um 21 Uhr sind in der großen Veranstaltungshalle bereits 140 Notbetten aufgestellt, sagt Markus Wolkner, Leiter Einsatzdienst des Malteser Hilfsdienstes in Rötz, bei dem hier gerade alle Fäden zusammenlaufen.

85 Feldbetten habe man noch in der Hinterhand. Am Rand der Halle haben sich schon einige ihre Betten gesichert und scrollen im Liegen auf ihren Handys herum. Ein paar ältere Männer und Frauen haben es sich erst einmal auf Stühlen gemütlich gemacht. „Wir hoffen, dass die Bombe bald entschärft ist und wir wieder zurück können“, sagen sie. „Gibt’s hier irgendwo einen Kaffee?“, fragt eine junge Frau in die Runde, die gerade angekommen ist. Draußen im Foyer haben die Helfer Kaffee, Getränke und Wurstsemmeln für die Evakuierten bereitgestellt. Jeder darf sich bedienen.

Bei der Garderobe gleich hinter dem Eingang werden immer mehr Neuankömmlinge registriert. Um 21 Uhr sind es noch 70, schon eine Stunde später sind es mehr als doppelt so viele. „Das ist ja wie am Flughafen“, sagt ein Mann zu seinem Begleiter, und zieht einen kleinen Koffer hinter sich her. „Die Leute müssen sich registrieren, wenn sie ankommen“, erklärt Wolkner. Danach bekommt jeder einen Stempel, den sie beim Verlassen und Hereinkommen herzeigen. „Damit wir die Übersicht behalten“, sagt Gruppenführerin Martina Zach, ebenfalls von den Rötzer Maltesern.

Draußen warten Christine Graml und Sylvia Bindl noch ab. Ein Helfer bringt für Gramls Hund Billy eine Plastikschüssel mit Wasser. Gut zehn Hunde sind inzwischen mit ihren Besitzern in der Stadthalle. Die beiden Frauen haben kurz zuvor von der Evakuierungsmaßnahme gehört. Bindl sagt: „Eigentlich wollte ich erst dableiben, aber dann waren doch viele Polizisten vor Ort, da habe ich mich doch angezogen und bin gekommen.“ Die Frauen haben nur das Allernötigste dabei: „Schlüssel und Handy“, grinsen beide. Die 58-jährige Graml wohnt nur ein paar Meter über der Baustelle, wo die Bombe gefunden wurde.
Eine zweite Unterkunft
Der BRK-Kreisvorsitzende Theo Zellner macht sich bei der Stadthalle ein Bild von den Hilfsmaßnahmen, er dankt den Helfern persönlich bei seinem Rundgang. Bis kurz vor 23 Uhr füllt sich die Halle immer mehr mit Menschen auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf, darunter auch Familien mit Kindern, Kranke und Menschen im Rollstuhl und mit dem Rollator.

Kurz vor Mitternacht richten die Hilfskräfte noch eine zweite Betreuungsstelle in der Johann-Brunner-Mittelschule ein. Die Stadthalle und inzwischen auch das Foyer können nicht mehr Notbetten fassen. Es ist klar: So schnell können die Chamer nicht in ihr eigenes Bett zurück, die Bombenentschärfung wird erst nach der beendeten Evakuierung des Krankenhauses beginnen – es wird wohl früher Morgen, ehe an eine Rückkehr zu denken ist.