Zwischen Datenlage und Konzernpolitik: Wie Audi, BMW, ZF und Conti Homeoffice regeln

Von Charlotte Römer · 7. Juli 2025 um 19:30

Homeoffice bleibt in Bayern auf stabilem Niveau – das zeigen aktuelle Daten des Bayerischen Landesamts für Statistik. Doch große Arbeitgeber setzen zunehmend wieder auf Präsenz im Büro. Aber wie sieht es in der Region aus? Die Mediengruppe Bayern hat Audi, BMW, ZF und Continental nach deren Homeoffice-Regelungen gefragt – und einen Wirtschaftspsychologen, was er aus arbeitspsychologischer Sicht davon hält.

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Homeoffice erlebte während der Corona-Pandemie seinen Höhepunkt, als viele Menschen 100 Prozent von Zuhause aus arbeiteten. Aber ist es auch gekommen, um zu bleiben? Die Töne aus Wirtschaft und Politik klingen aktuell nicht so. „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz beim CDU-Wirtschaftsgipfel. „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“

Große Konzerne wie Bosch oder Mercedes-Benz machten Schlagzeilen, weil sie ihre Mitarbeiter wieder aus dem Homeoffice holen wollten. Aber wie sieht es in der Region aus? Die Mediengruppe Bayern hat Audi, BMW, ZF und Continental nach deren Homeoffice-Regelungen gefragt. Diese ordnet Professor Peter Fischer, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg, ein.

Wie regeln bayerische Konzerne das Homeoffice?

Bei den Autobauern scheint Homeoffice eher rückläufig zu sein. Bei Audi gilt eine Betriebsvereinbarung zu hybridem Arbeiten aus dem Oktober 2022, laut der grundsätzlich alle Mitarbeiter Anspruch auf mobiles Arbeiten haben, sofern es mit der Arbeitsaufgabe vereinbar ist. In der Praxis müssten Mitarbeiter individuelle Absprachen mit ihren Führungskräften treffen.

Aber der Trend geht bei dem Ingolstädter Autobauer eher in die andere Richtung, Grund dafür sei die „herausfordernden Marktsituation“. „Für ein starkes Audi Team ist deshalb überall im Unternehmen mehr Präsenz erforderlich. Führungskräfte haben in dieser Zeit dabei eine Vorbildfunktion“, schreibt eine Sprecherin.

Eine Sprecherin vom BMW schreibt auf Anfrage: „Wir sind davon überzeugt, dass das intensive Miteinander – persönlich vor Ort – entscheidend ist, um unsere Stärken im Wettbewerb voll auszuspielen. Insbesondere Führungskräfte haben aufgrund ihrer Rolle und Vorbildfunktion eine besondere Verantwortung, für ihre Mitarbeitenden überwiegend vor Ort ansprechbar zu sein.“ Homeoffice gebe es aber weiterhin, jede Führungskraft lege mit dem Team die passende Balance aus Büro- und Mobilarbeit fest.

Genaue Angaben wie viele Mitarbeiter hybrid arbeiten können und wie viele Tage sie tatsächlich im Homeoffice sind, wollte keines der Unternehmen machen.

Warum weniger Homeoffice demotivierend wirkt

Den Ansatz von individuellen Absprachen wie Audi und BMW ihn haben, findet Professor Fischer aus arbeitspsychologischer Sicht gut. „Jede Führungskraft sollte gemeinsam mit seinem Mitarbeiter herausfinden, welches Arbeitsumfeld für ihn am besten funktioniert. Für manche Menschen ist Homeoffice super, andere brauchen die Struktur und den Kontakt im Büro.“

Wirtschaftspsychologe Fischer findet es schwierig, wenn Mitarbeiter künftig kein oder weniger Homeoffice machen dürfen. Wenn man Mitarbeitern etwas wegnehme, sei das ein schlechtes Signal. „Das wird als Bestrafung wahrgenommen und demotiviert. Unser Gehirn will nichts weggeben, abgeben, nichts verlieren. Aufbauen statt abbauen, so ist unser Gehirn gebaut.“

Quotenmodelle zum Homeoffice

Continental setzt auf ein Quotenmodell. „In der Praxis hat sich das hybride Arbeitsmodell bewährt, also ein Mix aus mobilem Arbeiten und Präsenz“, schreibt eine Sprecherin auf Anfrage. „Auf Basis unserer Erfahrungen hat sich ein Verhältnis von 60 Prozent vor-Ort-Arbeit und 40 Prozent mobiler Arbeit als besonders sinnvoll erwiesen.“

Bei Continental gelte diese Regel für Mitarbeiter und Führungskräfte gleichermaßen. Das passt auch zu den Daten vom Bayerischen Landesamt für Statistik: Vor allem große Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern besonders häufig die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten.

Die ZF hat Homeoffice ebenfalls mit einer Quotenlösung geregelt. Seit dem 1. Juni 2023 gilt die neue Betriebsvereinbarung „ZF Work“, die bis zu 60 Prozent mobiler Arbeit pro Kalendermonat erlaube. Das passt zum bayerischen Trend, was Homeoffice angeht, denn in Bayern hat sich das Homeoffice generell auf einem stabilen Niveau eingependelt. Jeder Vierte hat die Möglichkeit, von Zuhause aus zu arbeiten. Doch regional gibt es große Unterschiede.

Niederbayern ist Schlusslicht beim Homeoffice

Spitzenreiter ist Oberbayern mit der Landeshauptstadt München: Dort arbeiten rund 30 Prozent der Beschäftigten zumindest teilweise von zu Hause aus. Schlusslicht ist Niederbayern – nur 17 Prozent nutzen dort das Homeoffice, in der Oberpfalz sind es 20 Prozent. In Oberbayern und der Oberpfalz ist die Quote leicht gesunken, in Niederbayern ist sie zwischen 2021 und 2024 leicht gestiegen.

Großes Stadt-Land-Gefälle

Die Unterschiede lassen sich vor allem mit strukturellen Gegebenheiten erklären. Während Oberbayern stark urban geprägt ist und viele Büroarbeitsplätze bietet, dominiert in Niederbayern eher der ländliche Raum – mit einem geringeren Anteil an Tätigkeiten, die sich digital von zu Hause aus erledigen lassen.

In einem Industriebetrieb wie ZF ist Homeoffice für viele Mitarbeiter natürlich per se nicht möglich, denn ungefähr zwei Drittel der rund 4500 Beschäftigten arbeiten laut dem Sprecher direkt an Maschinen und Anlagen. Ähnlich sieht es bei BMW in Dingolfing, Audi in Ingolstadt und Continental in Regensburg aus. Auch hier arbeiten viele Mitarbeiter in der Produktion.

Das spiegelt sich auch in den bayernweiten Zahlen wider: In Städten liegt die durchschnittliche Homeoffice-Quote bei 32 Prozent, in ländlichen Regionen wie Niederbayern lediglich bei 20 Prozent.

Zwang zur Rückkehr ins Büro

Vom Zwang zurück ins Büro hält Professor Fischer wenig. Man müsse immer individuell absprechen, wer unter welchen Bedingungen besser arbeite. Die Schlussfolgerung, dass Mitarbeiter vor Ort besser arbeiten, sei nicht evidenzbasiert, das sei ein reiner Management-Trend. Im Gegenteil, es gebe Studien, dass der Output im Homeoffice 20 Prozent höher sei. „Das liegt unter anderem daran, dass die Leute sich ihren Arbeitsplatz genau für ihre Bedürfnisse einrichten können“, sagt Fischer.

Die Abkehr vom Homeoffice ist ein reiner Management-Trend, der nicht evidenzbasiert ist.

Peter Fischer, Professor für Arbeits- und Wirtschaftspsychologie

Auch das Argument der besseren Kommunikation lässt er nicht gelten. „95 Prozent der Kommunikation läuft doch eh digital“, sagt Fischer. „Im Büro schreibt der Mitarbeiter im 1. Stock doch ständig E-Mails an den Mitarbeiter, der im 4. Stock sitzt. Dann kann man ja auch im Homeoffice arbeiten.“

Die Studienlage zum Thema Produktivität im Homeoffice ist inzwischen breit, aber widersprüchlich. Die bisher größte Studie zum Thema Homeoffice, die über zwei Jahre lief, führte der Ökonom Nicholas Bloom, Professor an der Universität Stanford, durch. Sie zeigt, dass hybride Arbeitsmodelle – zwei Tage Homeoffice pro Woche – weder die Produktivität noch die Aufstiegschancen der Mitarbeitenden beeinträchtigen, aber die Kündigungsraten deutlich senken. Besonders profitierten Frauen, Angestellte mit langen Arbeitswegen und Nicht-Führungskräfte, was Hybridarbeit laut Bloom zu einem klaren „Win-Win“ für Unternehmen und Beschäftigte macht.

Eine Untersuchung des National Bureau of Economic Research aus 2023 ergab, dass die Produktivität im Homeoffice im Vergleich zum Büro um 18 Prozent geringer ausfällt. Auch das ifo Institut kam 2023 zu einem ähnlichen Schluss: Dauerhaftes Arbeiten im Homeoffice könne die Leistungsfähigkeit langfristig beeinträchtigen. Im Gegensatz dazu zeigte eine Erhebung der Barmer, dass die Produktivität im heimischen Arbeitsumfeld sogar zunahm.

Homeoffice als Faktor, um Mitarbeiter anzuziehen

„Mobiles Arbeiten ist heute ein unerlässliches Angebot, um als attraktiver Arbeitgeber zu gelten, gerade auch bei der jüngeren Generation“, schreibt ein Sprecher der ZF. Die Daten zeigen aber, dass die Altersgruppe zwischen 35 und 49 Jahren beim Homeoffice vorne liegt.

Wirtschaftspsychologe Fischer sagt dazu: „Jüngere Menschen haben häufig ein größeres Bedürfnis nach Sozialkontakten. Ältere Menschen, die schon eine Familie und so weiter haben, haben ja per se mehr Sozialkontakte schon Zuhause.“

Auch Fischer sieht Homeoffice als wichtigen Faktor, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. „Aber letztlich ist das natürlich eine Frage von Angebot und Nachfrage.“ Sollte sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt weiter verschärfen, werden sich Arbeitnehmer stärker an die Bedingungen der Arbeitgeber anpassen müssen – sollten diese sinnvoll sein oder nicht.

Generationenkonflikt in der Arbeitswelt

Er sieht ohnehin die Gefahr eines Generationenkonflikts auch in der Arbeitswelt. Die Jüngeren, die sich mehr Freiheit und Flexibilität wünschen, gegen die Älteren, die nach Stabilität streben. „Dieser Generationenkonflikt ist aus evolutionärer Sicht extrem sinnvoll, weil so viel Fortschritt, aber mit Maß entsteht“, sagt Fischer. „Problematisch wird es, wenn durch den demografischen Wandel die Älteren so in der Überzahl sind. Denn Macht, Einfluss und Geld korrelieren ganz stark mit dem Alter“, sagt Fischer.

„Umso älter wir werden, umso mehr Geld verdienen wir, umso mehr Einfluss haben wir in Organisationen, weil wir schon viel Zeit hatten, da hoch zu wandern in der Hierarchie. Und dann kann ich da bestimmen über die jüngeren Leute“, sagt Professor Fischer.

Die Arbeitswelt werde gerade generell wieder konservativer und der Ton rauer. „Ich glaube, dass auch dieser Anti-Homeoffice-Trend aus den USA rübergeschwappt ist. Diese Manager im Stil von Elon Musk, die gerade auf ganz harte Hunde machen, färben ab.“ Aber sinnvoll sei das nicht – und auch nicht wissenschaftlich.