Gemeinschaftsunterkunft ist seit zehn Jahren ein Vorzeige-Haus

Von Stefan Weber · 2. Juli 2025 um 05:00

Brigitte Ertl erinnert sich noch gut an die erste Bewohnerin, die neun Jahre nach der Schließung des Kreiskrankenhauses St. Josef über die Schwelle am Haupteingang gekommen ist. Es war 35 Grad heiß, die Frau im neunten Monat schwanger, und nicht nur von den Vorgaben des Fastenmonats Ramadan geschwächt. Sie zählte im Juli 2015 zu den ersten Bewohnern, die in die Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende nach Bad Kötzting gekommen war.

Zehn Jahre später ist Brigitte Ertl immer noch täglich hier. Ihr Büro als Koordinatorin der ehrenamtlichen Helfer hat sie (selbst natürlich auch ehrenamtlich engagiert) mittlerweile im ehemaligen Schwestern-Wohnheim bezogen, das ein paar Meter abseits vom Hauptgebäude steht. Zimmer für Krankenschwestern werden hier schon längere Zeit nicht mehr gebraucht, unbewohnt sind sie aber nicht, auch hier sind Asylsuchende eingezogen.

Ein Glücksfall in der Krise

Wie viele Menschen in den vergangenen zehn Jahren in der Gemeinschaftsunterkunft in Bad Kötzting ein und ausgegangen sind, das wissen weder Brigitte Ertl noch Dr. Thomas Thaller zu sagen. Thaller ist fast so lange Sachgebietsleiter Unterbringung und Verteilung von Flüchtlingen bei der Regierung der Oberpfalz wie Ertl Koordinatorin der Ehrenamtlichen. Was sich 2014 abgezeichnet hatte, wurde 2015 zur sogenannten „Flüchtlingskrise“ in Deutschland. Offizielle Stellen verzeichneten 2015 und 2016 über eine Million Asylanträge.

Eine historische Aufnahme aus dem Juli 2015: Hier einer der ersten Deutschkurse in der Unterkunft - Foto: Stefan Weber/Archiv

Eine Situation, in der in der Oberpfalz neue Gemeinschaftsunterkünfte gesucht werden mussten, wie Dr. Thaller im Gespräch mit unserem Medienhaus erklärt. Dass der Mietvertrag zwischen dem Landkreis Cham als Eigentümer und der Regierung der Oberpfalz zustande gekommen sei, habe sich in den zehn Jahren als Glücksfall erwiesen. Mehrfach habe er Bad Kötzting schon als „Vorzeige-Haus“ bezeichnet.

Neben einem Unterkunftsleiter und drei Hausmeistern, die durch die Regierung beschäftigt werden, zahle die außerdem noch eine „ortsübliche Miete“ sowie die tatsächlich entstehenden Nebenkosten für die Gemeinschaftsunterkunft. Das tut die Regierung der Oberpfalz aber noch an weiteren Orten (siehe Info). Warum Bad Kötzting aus dieser Liste immer wieder hervorsticht, erklärt Dr. Thaller so: „Seit Beginn ist die ehrenamtliche Unterstützung ein wichtiger Baustein, warum die Unterkunft so gut funktioniert. Der Ehrenamtskreis rund um Frau Ertl entstand parallel zur Inbetriebnahme der Unterkunft und leistet bis heute verlässliche und sehr wertvolle Dienste, wie etwa die Unterstützung bei der Korrespondenz mit Behörden, die Organisation von ehrenamtlichen Sprachkursen, der Mutter-Kind-Betreuung, Frauencafé, Familienbetreuung oder Ausflüge.“ Zudem habe sich die Lage der Unterkunft sehr bewährt in einer Stadt mit guter Infrastruktur, in der alles gut erreichbar sei, wobei sich die Unterkunft selbst „in einer gewissen Randlage“ befinde.

Auch Bürgermeister Markus Hofmann erinnert sich noch heute gut an die Situation vor zehn Jahren. Er selbst war erst im Mai 2014 in sein Amt gekommen, und schon damals sei ihm sofort klar gewesen, dass alles davon abhängen werde, die Bevölkerung „mitzunehmen“. Darum hatte es schon während die Regierung der Oberpfalz mit den Umbau- und Sanierungsmaßnahmen beschäftigt gewesen war eine Bürgerversammlung gegeben, zu der mehr als 100 Besucher gekommen waren – und er hatte aufgrund ihrer Erfahrung Brigitte Ertl als Koordinatorin angesprochen. Sie hatte schon in den 1990er-Jahren ein Heim für Spätaussiedler geleitet. Zehn Jahre später blickt Ertl zurück auf 60 Helfer im Jahr 2015, Heute seien es noch elf. Ans Aufhören denkt sie nicht. „Ich mache das so lange wie ich kann“, sagt sie bestimmt.

Brigitte Ertl koordiniert seit zehn Jahren die Helfer. - Foto: S. Weber

Immerhin: Auch mit weniger ehrenamtlichen Helfern sei es heute möglich, dafür zu sorgen, alle Bewohner nicht einfach alleine in ihren Zimmer sitzen zu lassen. Deutschkurse gibt es jeden Tag, denn die Sprachbarriere sei immer eine der höchsten. Dafür seien andere Hürden seit 2015 niedriger geworden. Überhaupt sei ein Netzwerk entstanden, das im Hintergrund ähnlich wichtig dazu beitrage, dass die Gemeinschaftsunterkunft in Bad Kötzting so gut dastehe: Vom Kontakt zu Behörden über den zu Ärzten und vielem mehr. Dadurch sei es möglich gewesen, ab 2015 eine Belegung von bis zu 110 Betten zu stemmen , die heute sogar bis zu 278 Betten betragen kann.

„Warum tust Du nichts?“

Während die Gemeinschaftsunterkunft 2015 noch mit einem Mietvertrag für drei Jahre und der Option für die Verlängerung um ein weiteres Jahr geschlossen worden war, ist aktuell von der Schließung der Unterkunft keine Rede mehr – wie auch, mit Blick auf die Zahl der weltweiten Konflikte, sagt nicht nur Brigitte Ertl.

Etwas, das sich in all diesen Jahren zum Positiven verändert habe, sei, dass sie nicht mehr so oft wie anfangs auf die Arbeit in der Gemeinschaftsunterkunft angesprochen werde, sagt Ertl. „Aber ich setze mich vielleicht auch weniger auseinander damit.“ Vielleicht habe es aber auch geholfen, dass sie auf die Frage, weshalb sie sich für die Flüchtlings-Arbeit einsetze, immer mit einer Gegenfrage geantwortet habe: „Warum bist Du denn eigentlich so faul und tust es nicht?“

Stolz sei sie auf jeden einzelnen Helfer in den vergangenen zehn Jahren und auf jeden, der weiter seinen Beitrag leiste. Das sei einer der Pfeiler, auf denen die Tatsache Ruhe, dass es in zehn Jahren keinen einzigen Zwischenfall in der Unterkunft gegeben habe. Natürlich brauche jeder einmal – da schließt sie sich selbst mit ein – eine kleine Pause vom Alltag in der Einrichtung. Belastend seien auch heute noch die unzähligen Geschichten menschlichen Leids, die sie, die ehrenamtlichen Helfer und die Mitarbeiter der Regierung in den vergangenen Jahren gehört haben. In dieser Situation zu helfen, das sei der Ansporn, der auch nach zehn Jahren noch motiviere.

Gemeinschaftsunterkünfte in der Oberpfalz

■ Überblick: Unterkünfte von vergleichbarer Größenordnung betreibt die Regierung der Oberpfalz noch in Weiden, Teublitz, Nittenau und zweimal in Regensburg, wobei die Unterkünfte in Weiden, Teublitz und eine Unterkunft in Regensburg schon jahrzehntelang bestehen, die Unterkunft in Nittenau und die zweite große Unterkunft in Regensburg dagegen ebenso wie Bad Kötzting erst im Zuge der Flüchtlingskrise 2014/15 entstanden sind.

■ Bad Kötzting: Zu den genauen Zahlen an Bewohnern, die in der Unterkunft gewohnt haben, gibt es keine statistischen Erhebungen, ebenso wenig wie über ihren Aufenthaltsstatus. Die Unterkunft war all die Jahre immer gut ausgelastet. Aktuell hat sie eine Kapazität von 278 Betten, wovon in der Regel bis zu 80 Prozent belegt werden, gibt die Regierung der Oberpfalz Auskunft. (wf)