Bündnis gegen rechts: Darum ist Zerstörung der Regenbogenfahne mehr als Vandalismus

Die Regenbogenfahne, die an der Jugendherberge hing, wurde zerstört. Im Netz scheint das für viele Kommentierer eine Lappalie zu sein. Das Chamer Bündnis für Toleranz sieht das anders, hat jetzt eine neue Flagge gespendet, die auch gleich wieder aufgehängt wurde. Im Gespräch mit zwei Aktivisten erfolgt der Versuch, eine Erklärung für die derzeitige Stimmung in der Gesellschaft zu finden und herauszuarbeiten, warum der Akt des Vandalismus alles andere als eine Kleinigkeit ist.
Gefährliche Verharmlosung
„Gut so“, „kommt jetzt nicht mit der Nazi-Keule“, „sehr gut“, „ermittelt schon der Staatsschutz?“, sind nur einige, eher gemäßigte Kommentare, die auf Facebook unter dem Artikel zum Tathergang geschrieben wurden.
„Eine gefährliche Verharmlosung“, findet Achim Deufel vom Bündnis für Toleranz und Menschenrechte in Cham – Cham gegen rechts. Er ist einer der Sprecher und entsetzt über das, was geschehen ist. „Als wir gelesen haben, was passiert ist, haben wir beim letzten Bündnistreffen spontan und einstimmig beschlossen, der Jugendherberge eine neue Fahne zu schenken.“ Hintergrund: Die Regenbogenfahne ist ein internationales Zeichen von Vielfalt und Toleranz. Genau aus diesem Grund weht sie auch vor der Jugendherberge in Furth im Wald. Herbergsleiterin Michaela Wolff findet es wichtig, im wahrsten Sinne des Wortes Flagge zu zeigen, das sei gelebte Demokratie. „Wir leben Diversität. Das ist Vielfalt, das erleben wir täglich mit Gästen aus aller Welt“, sagt sie. Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung, alles das spielt keine Rolle. Das gilt auch für alle Mitarbeiter in der Grenzstadt und in den Jugendherbergen in ganz Bayern.
Hintergrund: Regenbogenflagge vor Jugendherberge Furth im Wald zerstört
Wolff sagt, dass sie der Akt des Vandalismus betroffen macht, Deufel spricht von Wut und Traurigkeit. „Um so wichtiger ist es, dass wir Bündnisse zusammenhalten“, findet Wolff und Deufel ergänzt: „Und Flagge zeigen.“

Nicht der reine Akt der Zerstörung ist es, der zu Entsetzen geführt hat, sondern das, wofür er steht. In Zeiten, in denen Populismus und rechtes Gedankengut wieder salonfähig werden, sei es allerhöchste Zeit, sich dem entgegen zu stellen. Schließlich haben vor nicht allzu langer Zeit auch „nur“ Bücher gebrannt oder wurden Judensterne an Hausmauern geschmiert.
Die Stimmung kippt.
Tanja Federl, Bündnis für Toleranz
„Ich bin selbst überrascht und erstaunt von der Entwicklung“, sagt die Further Künstlerin Tanja Federl, ebenfalls Sprecherin im Bündnis. Das gelte um so mehr, weil die Thesen, den sozialen Medien sei Dank, vermehrt auch Jugendliche ansprechen. Dem kann Deufel nur zustimmen. Internet und vor allem auch die Corona-Krise, in der viele krude Theorien entstanden sind, hätten ihren Beitrag geleistet. Vor Jahren noch hatte Federl die Hoffnung, dass die Stimmung besser werden würde, die hat sie jetzt nicht mehr. „Ich sehe eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft.“ Einerseits gebe es durchaus offene, tolerante Menschen, andererseits aber eben immer mehr Radikalisierung. Deufel dazu: Menschen, die früher eine Einzelmeinung vertreten haben, fänden jetzt online Filterblasen, in denen sie ihre egal wie falschen Ansichten bestätigt sehen.
Angst vor Kontrollverlust
Woher der neue Hass kommt, den man lange geglaubt hatte, überwunden zu haben, dazu gibt es letztlich nur Theorien. Eine davon erklärt Federl: Früher saßen demnach die sogenannten alten weißen Männer im übertragenen Sinn am Tisch und machten sich die Welt untereinander aus. Nach und nach nahmen Andersdenkende an der Tafel Platz, wollten ernst genommen und gehört werden. Da war sie geboren, die Angst vorm Kontrollverlust.
Es ist eine gesamtgesellschaftliche Situation, die es vielen Menschen schwierig macht. „Die Stimmung kippt“, beobachtet Federl, die den CSD in Cham organisiert und die Szene kennt. Aus Zustimmung und Akzeptanz sei Ablehnung geworden.