Am 27. Juni empfangen Margarete Thanner und Dr. Ulrich Schäfer zum letzten Mal Patienten

Von Martin Hladik · 24. Juni 2025 um 05:00

Die Äskulapnatter in der Gartentür erzählt, welchem Zweck die kleine Villa in der Hauptstraße bisher gedient hat. Am Ende dieser Woche geht diese Tradition zu Ende. Margarete Thanner und Dr. Ulrich Schäfer halten am Freitag, 27. Juni, zum letzten Mal eine Sprechstunde: nach 24 beziehungsweise nach 36 Jahren, also nach einem ganzen Mediziner-Leben. Beide gehen in Rente. Schäfer ist 68 Jahre alt und Thanner 66.

Mit dem Ende der Praxis haben sich viele Patienten einen neuen Arzt suchen müssen. „Die verteilen sich“, sagt Schäfer. Die ärztliche Versorgung in Waldmünchen sei noch nicht so schlecht, erklärt er.

Und wie geht es mit dem Personal weiter? Das Personal sei sehr gesucht und untergekommen, sagen beide Mediziner. Teilweise von Beginn an seien die Arzthelferinnen in der Praxis tätig gewesen, berichtet Schäfer. „Wir haben sozusagen unsere Kinder miteinander großgezogen.“ „Wir haben ein gutes Arbeitsklima“, bestätigt Thanner.

Mittlerweile werde die Arbeit mit den Patienten weniger, schildert Schäfer. Er sei jetzt mehr damit beschäftigt, die Patientenunterlagen zu sichten und zusammenzustellen. Wenn ein Patient seine Unterlagen noch nicht abgeholt hat, dann sollte er dies jetzt dringend tun.

Um den Enkel kümmern

Und wie werden die beiden Ärzte ihren Ruhestand genießen? Einen Tag in der Woche werde er bei seiner Tochter sein und den Enkel hüten, ansonsten müsse er sich ums Haus kümmern. Mehr sei noch nicht geplant, sagt Schäfer in seiner entspannten Art. Magarete Thanner will ihre gewonnene Freizeit für Reisen nutzen. Außerdem warte ihr Garten auf sie. Und sie habe sich vorgenommen, Tschechisch zu lernen, sagt die Ärztin.

Vor 36 Jahren sei er ganz bewusst Arzt auf dem Land geworden, sagt Schäfer. Er wollte hier mit Kindern und mit Tieren leben. „Das hat 36 Jahre gepasst“, sagt er. An seinem Beruf als Landarzt habe ihn die Vielfalt der Erkrankungen, aber auch die Vielzahl der Befindlichkeiten der Patienten gereizt. Zudem habe man oft die ganzen Familien gekannt. Das habe manchmal auch bei der Diagnose helfen können. Wenn er etwa den Patienten fragen konnte „Hatte ihre Oma nicht auch Zucker?“. Sowas sei dann sogar medizinisch interessant, sagt Thanner. Dieses Kenntnis der Familiengeschichte von Patienten „erlebt man in der Großstadt nicht“, pflichtet Schäfer bei. „Es hat mir immer gefallen!“

Auch deswegen bedauern beide es, dass es nicht gelungen ist, einen Nachfolger für die Praxis zu finden. Es gebe insgesamt zu wenig Ärzte, die den Hausarztberuf anstreben, sagt Schäfer. Und diejenigen, die das täten, könnten es sich aussuchen, wo sie eine Praxis übernehmen. Für viele junge Ärzte sei die Life-Work-Balance wichtig, also das ausgeglichene Zusammenspiel von Freizeit und Beruf. Viele würden da auf Teilzeitmodelle und Gemeinschaftspraxen setzen.

Thanner sieht aber noch einen andern Grund, warum die Nachfolge von Hausärzten auf dem Land besonders schwierig ist. Allein durch ihr Studium seien junge Ärzte an ein Stadtleben gewohnt. Würden sie über längere Zeit wirklich erleben, was es bedeute , Arzt auf dem Land zu sein, „würde es ihnen gleich besser gefallen“.

Viele Erleichterungen

Zudem habe sich die Arbeit in einer Landarztpraxis seit ihren Anfangszeiten durchaus verbessert. Schon lange gebe es nicht mehr die Residenzpflicht, die früher Hausärzte dazu verpflichtet habe, fünf Tage 24 Stunden vor Ort zu sein. Durch die Bereitschaften sei viel Druck von den Praxen genommen worden, sagt Thanner. Hausärzte seien für das Funktionieren des medizinischen Systems sehr wichtig. Sie übernähmen eine steuernde Funktion , und das sollte man fördern.

Allerdings gebe es auch einiges, was den Arztberuf erschwert, sagt Schäfer. Eines sei die Bürokratie. Er hat wenig Hoffnung, dass dieses Problem gelöst werden könne. Bürokratie sei auch schon die letzten 40 Jahre abgebaut worden, mit der Folge, dass es jetzt mehr sei. Er müsse heute für eine simple Verordnung von Krankengymnastik eine dicke Broschüre durchblättern, damit er ja alles richtig ausfülle. Denn wenn er hier einen Fehler mache, müsse er dafür zahlen.

Aber eigentlich sei er froh über die Broschüren, denn die Anleitungen im Internet seien noch umfangreicher.

Damit ist Schäfer beim nächsten Thema – der elektronischen Patientenakte und der EDV. In beiden sieht er „minimalen Nutzen“, aber hohen Arbeitsaufwand und hohe Kosten. Tatsächlich, so Thanner, fresse der Zeitaufwand, den man damit verbringe , die EDV zum Laufen zu bringen, die Zeitersparnis wieder, die sie erlaube. Vor kurzem sei der Strom in Geigant für zwei Stunden weg gewesen. In dieser Zeit sei die Praxis stillgestanden, weil kein Computer mehr gelaufen sei, beschreibt Schäfer die Abhängigkeit einer Praxis von der EDV.