Die erste Waldmünchner Liebe war rosarot

Von Martin Hladik · 19. Juni 2025 um 11:00

Ich bin verliebt. Dass ich das mit der Rente in Sichtweite mal in der Zeitung schreiben werde, hätte ich mir nie träumen lassen. Schließlich bin ich doch seriöser Reporter. Gut, meine Liebe wird zwar nicht unbedingt erwidert, aber ich genieße den ewig jugendfrischen Anblick mit rosa Tüpfelchen.

Das war der Einstieg, der Sie in eine Geschichte locken soll, die mancher sonst vielleicht nicht lesen würde. Insbesondere dann, wenn so ein Stoderer wie ich über etwas redet, was jeder Landler besser kennt. Ich rede über eine Wiese. Nicht die berühmte gmahde Wiesn, sondern die vorher. Die gemähte Wiese mag das Leben einfacher machen, aber vorher ist sie schöner.

Das ist die eine, die ich meine

Wie immer bei der Liebe, ich meine nicht irgendeine, sondern eine ganz bestimmte. Sie ist mir schon früh aufgefallen, es war Liebe auf den ersten Blick sozusagen. Und sie wurde immer tiefer, Jahr um Jahr, dass ich sie sah.

Es muss eines meiner ersten Jahre als Reporter und damals noch Urlaubsvertretung in Waldmünchen gewesen sein, als sie mir das erste Mal auffiel. Sie stand im Juni noch da mit ihrer langmähnigen Pracht an Gräsern, während ihre Mitbewerberinnen schon längst den üblichen Kurzhaarschnitt bäuerlicher Wiesenfrisöre aufwiesen. Und ihr langes Grashaar bog sich im Wind... Klingt super romantisch.

Halt, nicht verlaufen. Ich wollte über eine Wiese reden. Diese Wiese hatte viele rosa Tupfen. Den Schmuck kannte ich schon. Viele ihrer Schwestern tragen ihn, aber nicht in dieser Fülle. Damals war ich noch unerfahren und naiv und mein Wissen über Wiesen war klein. Für mich waren die rosa Tupfen „Pfeifenputzer“. So nannte ich sie jedenfalls immer, wenn ich sie sah. Eine anfangs kleine Pflanze, die oben rund um den Stängel viel kleine Blüten hat. Scheinähre nennt man das, habe ich mir mittlerweile angelesen. Für mich war es ein Ding, das aussieht wie ein Pfeifenputzer.

Das rosa Ding war der erste Reiz, aber es gab noch mehr zu sehen: Ein schweres Dunkelrot, etwas Gelbes, kleine weiße Tupfen. Benennen konnte ich aber keins der Dinge. Mittlerweile sind Jahre ins Land gegangen. Meine Auwiese direkt an der böhmischen Schwarzach am Perlsee-Zulauf bleibt jedes Jahr lange ungeschoren, und sie zaubert mir immer ein Lächeln und Bewunderung ins Gesicht. Ohne Übertreibung: Sie ist ein Teil meines Jahreslaufs geworden, der mir fehlen würde, wenn sie nicht mehr da wäre.

Vielleicht auch wegen ihr, habe ich mein Leben verändert. Ein kleines Stückchen zumindest. Ich habe mir eine Bestimmungs-App zugelegt. In meinem Fall „flora incognita“ von der TU Ilmenau und dem Max-Planck-Institut. Den Machern der App bin ich ziemlich dankbar. Sie haben mir eine neue Welt geöffnet, dafür gebe ich gerne ein paar Standortdaten der Pflanzen und meiner Spaziergänge weiter.

Botaniker bin ich nicht geworden. Aber weil ich immer wieder irgendetwas Unbekanntes am Wegesrand von der App bestimmen lasse, kenne ich jetzt zumindest viele Namen. Allerdings beginnt das Lernen nach jedem Winter von vorne, denn viele der Namen sind nach der Grünpause aus dem Gedächtnis wieder verschwunden.

Aber im Juni ist das Gedächtnis wieder aufgefrischt und ich stehe jetzt – Mitte Juni – vor „meiner“ Wiese. Der „Pfeifenreiniger“ ist schon fast verblüht. Der richtige Name will immer noch nicht so ganz in mein Hirn. Ist auch ein potthässlicher Name für so eine Schönheit: Schlangenknöterich heißt der rosa Wiesenschmuck. Ich denke bei ihm weder an Schlangen noch an Knoten und an Icheriche schon gar nicht.

Und neben dem Pfeifenreiniger kann ich mittlerweile einen Klappertopf (heißt wirklich so, er verblüht mit Bommeln, die an Schellen erinnern), den Wiesenknopf (dicker dunkelroter Bommel an der Spitze), Weißklee, Fuchsschwanz (ein Gras, und sieht auch so aus), einen Hahnenfuß (es ist der Scharfe Hahnenfuß, der aufrecht steht, im Gegensatz zum kriechenden) und eine Miere erkennen (gibt es sehr viele; meine ist eine Gras-Sternmiere, verrät mir später die App). Für alles andere brauche ich meine App: Denn auch Wiesenschwingel (hätte ich eigentlich erkennen müssen), die Waldsimse, wolliges Honiggras, Rasenschmiele und ein für mich nicht mehr zu erkennender Sauerampfer stehen vor mir. Das alles bietet mir „meine“ Wiese auf ein, zwei Metern Wegstrecke. Dabei hab ich nicht mal das tieferliegende Blattwerk genauer angesehen, sondern nur die offensichtlichsten Blüten und Gräser.

Ach so, ein bisschen weiter vorne am Weg habe ich noch einen dunkelviolett blühenden Waldziest gesehen. Auch das hat mir die App verraten. Ich dachte zunächst: „Was ist denn das für ne schöne Brennnessel?“

Zum Verlieben schön

Und warum ich diese Wiese so liebe? Da muss ich nur ein paar Meter weiterschauen. Die kurz geschorene Schwester ist hauptsächlich gelblich-grün. Reichlich Klee, etwas Löwenzahn, ein paar Kuckuckslichtnelken und das war es mit der Attraktion.

Um nicht falsch verstanden zu werden. Mahd muss sein, ist nützlich und gut, aber so eine ungemähte Wiese ist vielleicht erst später im Jahr nützlich, aber zum Verlieben schön.

Rosarot und schon fast verblüht: Der Schlangenknöterich - Foto: Martin Hladik

Nachgefragt oder was Wirtschaft und Politik mit einer Wiese zu tun haben

Alles ist politisch, selbst eine Wiese: Das macht Markus Schmidberger vom LBV deutlich. Eine späte Mahd bedeute auch weniger Düngung und dies helfe der Artenvielfalt. Denn 90 Prozent der Pflanzen seien Eutrophierungsverlierer. Begünstigt würden durch die Düngung hauptsächlich eiweißreiche Pflanzen. Genau die aber brauchen Landwirte zum Beispiel für die Fütterung von Hochleistungs-Milchvieh und für hohen Milchertrag. Wenn ein Landwirt also auf eine frühe Mahd verzichte, verzichte er auf Einnahmen und das müsse ausgeglichen werden. Das ginge durch staatliche Ausgleichszahlungen. Auch eine weniger spezialisierte Landwirtschaft würde helfen.

Solche Ausgleichszahlungen gibt es: Das sind beispielsweise Programme wie Vertragsnaturschutz, Kulap (Kulturlandschaftsprogramm) oder Extensivierungsprogramme für Uferrandstreifen.

Weitere Wirkung: Eine späte Mahd fördert die Artenvielfalt auch dadurch, dass manche Pflanzen erst später blühen. Das bekannte Beispiel ist der Wiesenknopf, der erst ab Juni – also deutlich nach der heute üblichen Mahd – blüht. Die Pflanze ist wiederum wichtig für den Wiesenknopfbläuling, einen Schmetterling, der sich ohne die Pflanze nicht fortpflanzen könnte.

Wasserschutz: Weniger häufiges Düngen vermindert den Nitrateintrag ins Grundwasser, erklärt Schmidberger.

Die Natur habe sich nicht an die heutige Nutzung der Wiesen anpassen können. Früher sei es üblich gewesen, nach Pfingsten Heu und im August Krummet zu machen. Heute gebe es schon im Mai die erste und insgesamt vier oder mehr Mahden, sagt Schmidberger.