Im Kreis Kelheim sorgt nicht erst der „ausgefallene“ Abi-Jahrgang für Lücken bei Freiwilligen-Diensten

Von Martina Hutzler · 12. Juni 2025 um 17:57

Die Rückkehr zum neunstufigen Gymnasium ließ heuer bayernweit die Zahl der Abiturienten auf ein Minimum sinken. Diese Gruppe fehlt damit unter anderem den Stellen-Anbietern für Freiwilligendienste. Im Landkreis Kelheim reicht das Problem freilich noch weiter.

Wo Bundesländer zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren, gibt es zwischen dem letzten G8- und dem ersten G9-Abi ein Jahr mit nur wenigen Abiturienten, z.B. Wiederholern. In Bayern ist das heuer der Fall. Und nachdem die Gymnasiums-Absolventinnen und -Absolventen üblicherweise fast die Hälfte der Stellen für Bundes-Freiwilligendienst (BFD, auch „Bufdi“ genannt“), Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr (FSJ/FÖJ) besetzen, macht sich die G9-Lücke stark bemerkbar: in Kliniken, in Einrichtungen für Kinder, Senioren, Menschen mit Behinderung und anderen sozialen Bereich, auch bei Umweltverbänden. Für etliche Anbieter im Kreis Kelheim indes ist es keine vorübergehende Lücke, sondern eine langjährige Flaute.

„Die Resonanz ist seit mehreren Jahren stark nachlassend“, sagt zum Beispiel Ingrid Schultes. Sie ist Einrichtungsleiterin bei der gemeinnützigen KJF Werkstätten GmbH Straubing, zu der die Werkstätten Riedenburg und Offenstetten gehören. Vor zwei Jahren verzeichnete sie die bislang letzte Bewerbung; „aktuell haben wir gar keine Stelle besetzt“. Insbesondere in der Förderstätte Offenstetten spüre man das schmerzlich, weil die dort betreuten Menschen einen hohen Unterstützungsbedarf haben.

Stelle seit Jahren unbesetzt

Schon Jahre verwaist ist die BFD-Stelle der Offenen Behindertenarbeit (OBA) der Katholischen Jugendfürsorge KJF in Abensberg. „Ich schreibe auch jedes Jahr die Schulen an – aber leider ohne Reaktion“, seufzt Lukas Kistenpfennig. Er vermutet, dass bei generell sinkender Resonanz eher die größeren, bekannteren Einrichtungen die Interessenten „ergattern“. Dabei wäre auch für die OBA so eine zusätzliche Kraft „eine riesige Unterstützung“, ob im Büro, bei Ausflügen oder sonstigen Angeboten für Menschen mit Behinderung.

Eigentlich wäre ja auch das „Reservoir“ jetzt viel größer, weil nicht auf junge Männer beschränkt. Der BFD hat gar keine Altersgrenze; Voraussetzung ist lediglich, dass man die Schulpflicht erfüllt hat. Aber nach der Ausbildung oder aus dem Beruf heraus nochmal zurück auf Taschengeld-Niveau (maximal 644 Euro pro Monat gibt es laut Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben)? Das sei eher unattraktiv, vermutet Lukas Kistenpfennig.

Wie er trauert auch Ingrid Schultes den Zeiten hinterher, als junge Männer entweder Wehrpflicht oder Zivildienst zu leisten hatten: „Damals hatten wir an allen Standorten viele Zivis.“ Mit der positiven „Langzeit-Wirkung“, dass der eine oder andere „hängengeblieben“ ist in einem Berufsfeld, in dem der Männeranteil eher gering ist - auch Kistenpfennig selbst fand als Zivi zur OBA und zu einem sozialen Beruf.

Davon profitierte einst auch das Kelheimer Krankenhaus: „Früher hatten wir zwölf und mehr ,Zivis‘, auf Station, in der Apotheke, in der Verwaltung“, kann sich Geschäftsführerin Claudia Eder noch gut erinnern. Dieser „Run“ sei längst vorbei; üblich sind mittlerweile ein bis zwei BFDler am jetzigen Caritas-Krankenhaus St. Lukas. Immerhin: Die Stelle ab Herbst habe man problemlos besetzen können, so Eder. Sie beobachtet, dass der BFD gern genutzt wird, um vor einer Ausbildung auszuloten, ob man auf dem richtigen Berufs-Weg ist.

Insbesondere im Rettungsdienst überbrücken viele BFDler zugleich die Wartezeit für ihr angepeiltes Medizinstudium. Wohl ein Grund, warum das Rote Kreuz bislang kaum Probleme hatte, die dortigen Stellen – als Fahrer bei den Krankentransporten – zu besetzen. Heuer indes macht sich der „G9-Knick“ deutlich bemerkbar: Gerade mal eine Stelle ab Herbst sei beim Kreisverband Kelheim im Rettungsdienst bislang besetzt, berichtet dessen kommissarischer Leiter Thomas Heinlein; anderen Kreisverbänden gehe es ähnlich. Die mutmaßlich nur einjährige Delle werde man mit Werkstudenten, Minijobbern versuchen auszugleichen; auch Überstunden werde es wohl geben, schätzt Heinlein.

BFD hat Langzeit-Effekt

Im Rettungsdienst können BFDler auch die Ausbildung als Rettungssanitäter absolvieren. Die drei Monate dafür sowie Praktika, Fortbildungen und Urlaub lassen ihre zeitliche Verfügbarkeit zwar schrumpfen. Aber dafür „bleiben uns einige auch hinterher erhalten“, zum Beispiel als Rettungssanitäter-Azubi oder als Werkstudenten, verweist Heinlein auf den positiven Langzeit-Effekt.

Das Offenstettener Cabrini-Zentrum bekommt zwar über den Paritätischen Wohlfahrtsverband „immer wieder mal“ BFD- oder FSJ-Teilnehmende vermittelt, berichtet Marco Weigt, Bereichsleiter Wohnen Erwachsene. Aber das Interesse sei gesunken, weshalb man nun offensiv das „Heilerzieherische Einführungsjahr“ bewerbe. Es bereitet auf die Heilerziehungspflege-Ausbildung vor. Dafür „haben wir derzeit rund 20 Interessenten; damit sind wir gut aufgestellt“. Freilich auch dank hohem Werbe-Aufwand, mit Ausbildungsmessen, Schulbesuchen, Social Media-Auftritten.

Zurück zur Pflicht? Pro und Contra

Bundesweit wird derzeit auch über die Einführung eines Sozialen Pflichtjahres für alle diskutiert, das in Bundeswehr, Hilfsorganisationen und ähnlichem abzuleisten wäre. „Da stehe ich voll dahinter“, sagt Lukas Kistenpfennig (KJF) – aus eigener Erfahrung als Zivi: „Mir hat die Zeit richtig gut getan: etwas sinnvolles arbeiten und fürs Leben lernen.“ Eine gewisse Gefahr bestehe zwar, dass die Pflicht zu fehlender Motivation führe. Aber letztlich könne man bei jeder Stelle Spaß und Erfüllung finden. „Aber man muss sich um die jungen Leute auch kümmern.“

Thomas Heinlein, (BRK-Rettungsdienst) sieht einen verpflichtenden Dienst skeptischer. „Es kann auch schiefgehen, wenn man ,den Hund zum Jagen tragen‘ muss“, gibt er zu bedenken. Im Rettungsdienst etwa müsse der Dienst reibungslos rollen; da könne man mangelnde Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit nicht brauchen. Andererseits kennt auch er viele, die via Zivildienst überhaupt erst zum Rettungsdienst-Beruf fanden.

Entsprechend von Vorteil wäre die Pflicht zumindest aus Sicht von Einrichtungen, sagt auch Marco Weigt (KJF) – er selbst ist, nach der Wirtschaftsschule, via FSJ in die soziale Schiene gekommen. Dienst unter Zwang findet er trotzdem nicht optimal.. Aber zumindest in Sachen Freiwilligendienst kann er interessierten Jugendlichen und ihre Eltern, die sich bei ihm informieren, guten Gewissens versichern: „Schaden tut es keinem - selbst wenn man hinterher beruflich ganz andere Wege geht!“