Haindling in allen Lebenslagen: Ein Benefiz-Projekt hilft dem VKKK

Bernd Schweinar hat Hans-Jürgen Buchner und seine Band über 40 Jahre begleitet. Das Buch erzählt in vielen Fotos und Geschichten von einem bayerischen Phänomen.
Hans-Jürgen Buchner ist ein Phänomen. Seine Titel leben von einem verzwickten, eingängigen Rhythmus und ernst gemeinten Worten über heitere oder existenzielle Themen. Seine Musik ist nicht bayerisch (die Texte schon). Sie ist nicht Klassik, Walzer, Rock, Jazz, Pop eh’ nicht, nicht mexikanisch, afrikanisch, balinesisch oder so. Sie ist irgendwie alles zusammen – und immer ganz klar: Haindling.
„Paula“, „Lang scho nimma g’seng“ oder „Du Depp“: Man darf in Bayern unterstellen, dass jeder Mensch einen Titel von Haindling kennt. Falls nicht, hört er nach ein paar Takten zu, sagen wir, der Serie „Rosenheim Cops“, einer seiner vielen Filmmelodien: das ist er, unverkennbar.

Haindling ist 80, so schaut er nicht aus, und er hatte mit Krebs zu kämpfen, das sieht man ihm nicht an. Er ist keiner, der ohne Grund lobt oder lacht. Am Mittwoch, im Nachsorgezentrum des VKKK (Verein zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder), ist das anders. Ein gelöster Buchner, fern jeder Sprödigkeit, schwärmt geradezu überschwänglich von der Einrichtung, nagelneu in Zeitlarn gebaut, die Menschen in extremen Lebenslagen so kostbaren Beistand schenkt – und zwar spendenbasiert. Haindling und Bernd Schweinar hängen sich nun da rein: mit „Live & Lem“, ein cooler Titel für ein Buch, das Haindlings Leben und Bühnenleben erzählt. Der Erlös des Projekts geht zu 100 Prozent an den VKKK.
So klingt ein Elektrorasierer
Bernd Schweinar hat ebenfalls private Berührungspunkte. Seine Frau starb 2023 an Krebs und während ihrer Behandlung, so erzählt der langjährige Chef des Verbands für Popkultur in Bayern, wurde dem Paar klar, wie viele junge Menschen die bösartige Krankheit haben.
Schweinar war lange nah dran an Haindling. 1983 interviewte er den Musiker das erste Mal, ab 1984 hat er Band bei x Auftritten begleitet und fotografiert: am Dorf, bei der Kundgebung oder in großen Hallen. Aus tausenden Bildern aus 40 Jahren schafften es knapp 400 ins Buch. Dazu kommen kleine Geschichten zu gut 50 Fragen, die Buchners Leben reflektieren und illustrieren, was ihn antreibt und wofür er steht: für den Schutz der Natur zum Beispiel, gegen die WAA und gegen den Donau-Ausbau.
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Schweinar nennt das Projekt einen „dokumentarischen Versuch über einen Botschafter Bayerns, einen Klangmaler sondergleichen“. Man staunt beim Durchblättern über die Facetten dieses Musikerlebens und die Ausgrabungen, die Schweinar gelungen sind. Einige seiner Bilder sind entstanden im Refugium im niederbayerischen Haindling, wo Percussion- und Blasinstrumente jeder Sorte und aus allen möglichen Kulturen einträchtige Koexistenz feiern. Daumenklavier, Ukulele, Zither, Gong, Antilopenhorn, Plastikröhrchen: Es gibt ja praktisch nichts, mit dem der ewig neugierige Buchner nicht Musik machen würde. Beim VKKK demonstriert er das nebenbei. Er schnappt sich eine Flasche „Labertaler“ vom Tisch und funktioniert sie zur Wasserorgel um, bläst hinein, trinkt einen Schluck, bläst wieder: „Schau, des ist gleich ein anderer Ton.“ Sogar einem Rasierapparat hört er das musikalische Potenzial an. „Ich sing oft ganz gern zum Elektro-Rasierer“, sagt er. Für eine kleine Live-Vorführung lässt er Alexandra Wildner, die Geschäftsführerin des VKKK, den Rasierer-Klang anstimmen, „Kammerton A!“ – und improvisiert dazu Schnacklaute und eine kurze Melodie. Die klingt ein wenig nach Maultrommel und wieder sehr nach Haindling.
Zugabe in Unterhosen
Buchner war vier, als er Klavier lernte. Er brachte sich selbst Trompete bei, machte den Meister für Töpferei und Bildhauerei und holte mit seiner Frau Ulrike sogar einen Staatspreis. Das Buch schildert, wie er in den 1970ern, durch Zufall und durch Mentor Kevin Coyne, wieder zur Musik fand. Für 500 Freude wollte er seine Musik aufnehmen, spielte alle Stimmen auf Band ein und wurde sein eigenes Ein-Mann-Orchester. Das Debüt „Haindling 1“ brachte ihm gleich den Deutschen Schallplattenpreis.
Im Lauf einer langen Karriere passiert allerhand Skurriles, auch das erzählt Haindling. 1984 in einer Disko zum Beispiel: Die Band hatte sich nach dem Auftritt im brüllheißen Saal schon ausgezogen, als sie zur Zugabe wieder auf die Bühne kam – in Unterhosen. Oder wie Chaka Khan einmal auf seiner Couch einschlief. Buchner nahm das zarte Schnarchen der Soulsängerin auf Band auf. „Damit hab ich sie dann am Morgen geweckt.“