Wolfgang Niedecken: „Jeder Song ist mindestens 40 Jahre alt“

Von Robert Torunsky · 3. Juni 2025 um 11:00

Bei seiner „Zeitreise“-Tour begeistert Wolfgang Niedecken die Fans mit Klassikern – auch am 26. Juli auf der Piazza im Gewerbepark. Im Interview erzählt der Kölschrocker über Regensburg, sein Engagement gegen Rechts und ein Jubiläum.

Herr Niedecken, nach Ihrem privaten Besuch im Februar kommen Sie mit Ihrer Band „Niedeckens BAP“ am 26. Juli auf die Piazza im Gewerbepark. Wie gefällt Ihnen Regensburg?

Wolfgang Niedecken: Regensburg ist eine sehr schöne Stadt. „Dom ist immer gut“, sagt man in Köln. Auf dem Weg zu meiner „Dylanreise“-Tour in Wien haben wir hier vor einigen Monaten Station gemacht, gut gegessen und einen Spaziergang durch die Altstadt gemacht.

Und auch ein Foto vor dem Geschäft von Farben Eckert mit dem Schaufenster-Slogan „Für farbenfrohe Vielfalt statt brauner Einfalt“ posiert.

Niedecken: Genau. Die Message hat mir gefallen.

Sie engagieren sich ja seit Jahrzehnten gegen Fremdenfeindlichkeit. Kürzlich sagten Sie, dass insgesamt zu wenig „Songs gegen rechts“ im Radio laufen.

Niedecken: Ich sage jetzt nicht, dass jede Band politische Lieder spielen muss. Da haben wir ja auch genug davon. Aber wenn wir ein neues Lied auskoppeln und die Nummer ist politisch, merkt man das schon. Die Nummer wird dann nicht gespielt. Auf dem Vorgänger-Album etwa war der Song „Ruhe vor’m Sturm“. Der ist, wenn es hochkommt, bei der Albumvorstellung mal im Radio gelaufen. Im Privatfunk muss eben alles „upflifting“ sein, um ein schönes neudeutsches Wort zu gebrauchen. Wenn nicht nach spätestens soundsoviel Sekunden ein „Ohohohoh“ oder ein Refrain kommt, kannst Du vergessen, es in die Rotation zu schaffen. Das ist eine Unart. Aber da kämpfe ich gegen Windmühlen.

Nehmen Sie öffentlich-rechtliche Sender aus der Kritik aus?

Niedecken: Die haben sich den Privaten angepasst, das ist ja das Dilemma. Sie sind gebührenfinanziert und müssen auch auf die Quote gehen. Wir leben generell in einer Zeit der Dilemmata. Diese Entwicklung ist nicht gut. Wenn man die Entwicklung im Netz verfolgt: Was dort abläuft, ist nochmal schlimmer.

„Leopardefell“ war eine Befreiung

Zurück zu Bob Dylan: Sie brachten ja bereits 1995 „Leopardefell“ mit Kölsch-Versionen von Dylan-Songs heraus.

Niedecken: Die Aufnahmen waren ein großer Spaß damals, die Tour dazu war ebenfalls wunderbar. Das Projekt war für mich auch eine Art Befreiung. Damals war bei BAP schon dieses Tauziehen: Die eine Hälfte wollte radiotaugliche Musik machen und ich wollte weiter rocken – mit den Leoparden konnte ich das.

Wie ergab sich dann fast 30 Jahre später die „Dylanreise“?

Niedecken: Letztendlich von selbst. Ich sollte immer schon für die KiWi Musikbibliothek das Buch über Dylan schreiben. Da schreiben Künstler über den Künstler, der sie am meisten beeinflusst hat. „Wolfgang Niedecken über Bob Dylan“ ist dann im März 2021 erschienen, durch Corona hatte ich auf einmal Zeit dafür. Dann habe ich das Buch über eine USA-Reise auf den Spuren von Bob Dylan geschrieben, die ich 2017 im Auftrag des TV-Senders arte gemacht habe. Anschließend erreichte mich eine Anfrage der Elbphilharmonie, ob ich nicht Lust hätte, ein Programm anlässlich Bob Dylans 80. Geburtstag zu spielen.

Sie hatten offensichtlich Lust.

Niedecken: Natürlich. Ich hatte mir überlegt, Passagen aus dem Buch vorzulesen und passende Stücke zu spielen, wahlweise auf Englisch oder Kölsch. Die beiden Weltsprachen nehmen sich ja nichts (lacht). Dann haben mein Freund Mike Herting und ich das Programm erarbeitet, er am Piano und ich an der Gitarre. Als wir fertig waren, haben wir uns gedacht, dass wir es mehr als einmal auf die Bühne bringen könnten. Wir haben unseren Tourveranstalter darum gebeten und es sind dann tatsächlich insgesamt über 100 Gigs geworden, die sehr viel Spaß gemacht haben.

Lesen Sie mehr: Zu Rilke ins Grüne: Im Freiluftspiel trifft der Dichter seine Frauen

Wie entstand die Idee zum Nachfolger „Zwischen Start & Ziel“?

Niedecken: Als wir gemerkt haben, dass wir langsam mal was anderes spielen müssen, habe ich ungefähr vor einem Jahr damit angefangen, mich mit meinem Repertoire auseinanderzusetzen. Lieder und Geschichten aus dem Leben, das ist der Untertitel von „Zwischen Start & Ziel“. Alle Stücke haben einen autobiografischen Kern. Die ersten vier Testgigs sind absolviert und haben hervorragend funktioniert. Aber erst sind wir ja mit BAP unterwegs.

Gutes Stichwort. Das Konzept zur „Zeitreise“-Tour hat ja auch eine besondere Entstehungsgeschichte.

Niedecken: Das ist auch alles sehr organisch entstanden. Meinen 70. Geburtstag und das damals erschienene Album „Alles fließt“ konnten wir über ein Jahr lang nicht feiern respektive auf die Bühne bringen. Als wir dann wieder spielen durften und ich die Setlist zusammengestellt habe – wir spielen in der Regel 30 Songs – habe ich jeden dritten durch einen neuen ersetzt. Um das auszugleichen, müssen die restlichen Stücke den Leuten sehr bekannt sein. Deswegen waren auch Stücke dabei, die wir teilweise seit 35 Jahren nicht mehr gespielt hatten wie „Wenn et Bedde sich lohne däät“.

Wie war die Reaktion des Publikums darauf?

Niedecken: Unfassbar! Die Leute hatten Tränen in den Augen, weil sie das erleben durften. Dadurch wurde mir klar, dass wir eine Tour machen mit der Haupt-Spielregel: „Kein Stück darf jünger sein als 40 Jahre“. Die zweite Spielregel beim ersten Teil der Tour war: „Wir spielen alle Stücke von den beiden Durchbruchsalben ,Für Uszeschnigge‘ und ,Vun drinne noh drusse‘.“ Dazu noch ein paar von den ersten beiden Alben und dem ersten Live-Album.

36 ausverkaufte Konzerte in Deutschland und der Schweiz Ende 2024 sprechen eindeutig für eine gelungene „Zeitreise“.

Niedecken: Dafür bin ich sehr dankbar. Der erste Teil der Tour war fantastisch – und der zweite wird es auch. Das Wetter im Juli hoffentlich mitspielen. Und ich freue mich auch wieder auf Regensburg und einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich noch nicht Vegetarier war, bin ich immer zur „Historischen Wurstkuchl“ gelaufen. Da läuft mir jetzt noch das Wasser im Mund zusammen – aber ich bin nunmal seit 30 Jahren Vegetarier (lacht).

Ein Doppel-Geburtstag steht an

Gibt es beim zweiten Teil der Tour Änderungen?

Niedecken: Ja, denn mittlerweile hat das Album „Zwesche Salzjebäck und Bier“ ja auch die 40-Jahre-Schallmauer durchbrochen. Davon sind sieben Stücke dabei, anstelle von Songs, die zu zart sind für Open Airs. Und ich persönliche freue mich auch, Songs wie „Bahnhofskino“ oder „Alexandra, nit nur do“ zu spielen.

Blicken wir noch voraus. Nächstes Jahr feiern Sie 50 Jahre BAP. Was bedeutet Ihnen dieses stolze Jubiläum?

Niedecken: Das bedeutet mir ganz viel. Ich habe nicht im Traum damit gerechnet, dass dieses Projekt länger als zehn Jahre überdauern würde. Als wir die ersten Tourneen außerhalb des Kölner Sprachgebiets gespielt haben, dachte ich mir: „Okay, das werden zwei bis drei Jahre und dann gehe ich wieder ins Altelier zurück“. Umso schöner, dass es anders gekommen ist. Es hat immer Spaß gemacht, ist eine wunderbare Art, sich auszudrücken und ich treffe viele liebe Menschen. Unser Publikum ist sehr treu.

Wie wird gefeiert?

Niedecken: Es wird eine „Greatest Hits“-Tour geben, was wir normalerweise ja nie tun. Bei den Konzerten wird man jedes Stück kennen, da kann ich mir fast die Anmoderation sparen (lacht).

Was wünschen Sie sich persönlich zum Doppel-Geburtstag – 75 Jahre Wolfgang Niedecken und 50 Jahre BAP? Der Aufstieg des 1. FC Köln war ja so eine Art vorgezogenes Geschenk.

Niedecken: Ja, dieser Wunsch stand ziemlich weit oben. Ansonsten natürlich Gesundheit und viele schöne Konzerte bis dahin – wie am 26. Juli in Regensburg.

Interview: Robert Torunsky

BAP spielt auf der Piazza in Regensburg

Wolfgang Niedecken, 1951 in Köln geboren, Musiker und studierter Maler, gründete 1976 BAP. Die Kölschrock-Band verbuchte 13 Nummer-eins-Alben in den deutschen Charts. Für sein soziales und politisches Engagement erhielt Niedecken 2013 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Auf der Tour „Zeitreise“ macht Niedecken mit Band am 26. Juli Station im Regensburger Gewerbepark, beim Piazza Festival von Power Concerts.