Zu Rilke ins Grüne: Im Freiluftspiel trifft der Dichter auf seine Frauen

Von Marianne Sperb · 30. Mai 2025 um 13:07

Unter Kultverdacht: Dramatikerin Eva Sixt und Regisseur Joseph Berlinger leuchten den Dichter zum 150. Geburtstag frisch aus - im Park von Schloss Höfling. Premiere ist am 3. Juli.

Rilke – fünf Buchstaben nur. Wie fünf Zähne eines Schlüsselbarts schließen sie eine ganze Welt auf. In den Gehirnen ploppen Zeilen auf, „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ oder der berühmte „Panther“: „Sein Blick ist im Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.“ Rilke hakt sich fest, im Kopf und manchmal in der Haut. Lady Gaga trägt seine Worte eingeritzt auf dem Oberarm, eine kalifornische Autorin mit Kürzel UM zeigt im Netz ihren Fußrist mit dem tätowierten Satz: „Aber es ist viel Schönheit hier, weil überall viel Schönheit ist.“

Schloss Höfling - ein Glücksfall, an dem viel zusammenkommt

2025/2026, 150 Jahre nach der Geburt von Rainer Maria in Prag, der eigentlich René hieß und ein Mädchen werden sollte, und 100 Jahre nach dem Tod des Sprachmalers, der die Moderne prägte, in der Schweiz, rollt die Rilke-Welle, Bücher, Medienbeiträge und Lesungen deuten den Meister neu. In Regensburg sind es Eva Sixt und Joseph Berlinger, die „ihren Rilke“ ausleuchten und ihre Reihe der Kult-Inszenierungen fortsetzen. Sensibel-originell bringen sie Weltliteratur auf der Bühne. Nach Kafka 2024 im Waldgarten von Haus Orplid auf der Marienhöhe geht es 2025 mit Rilke in den Park von Schloss Höfling, in barockes Ambiente, gebettet in schönste Natur. „Ein Glücksfall“, sagt Sixt bei einem Gespräch vorab, in einem kleinen Café.

Blick auf Park und Schloss Höfling: Hier trifft Rilke ab 3. Juli wichtige Frauen seines Lebens. - Foto: Constantin von Walderdorff

Fürwahr: Constantin Graf Walderdorff arrangiert in Höfling Konzerte, als Theaterbühne ist die Adresse aber unverbraucht und lockend. Hier findet Rilke zu Marie von Thurn und Taxis, indirekt wenigstens. Die Prinzessin, die er 1909 in Paris traf, war seine wichtigste Gönnerin, bei ihr auf Schloss Duino schrieb er die erste seiner „Duineser Elegien“. Und: Höfling wurde 1892 von der Fürstenfamilie gekauft, hier kam 1926 Johannes zu Welt. Schöner könnt’s kaum passen.

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„Kafka am Waldrand“ war kaum abgespielt, da saß Eva Sixt, die bei „Trio Trikolore“ singt, in der ZDF-Reihe „Ein starkes Team“ Leichen seziert, Stücke schreibt und Theater spielt, schon an „Rilke im Schlosspark“. „Ich will ein Loblied auf Constantin singen“, sagt sie. Walderdorff ließ sich schnell entflammen, in seiner Küche wurde das Grundgerüst skizziert, mit fünf Stationen im Park, an die Berlingers Inszenierung das Publikum führt.

Ein Mann der Frauen

Rilkes Leben gibt viel Stoff her, aber es nacherzählen? Das wäre banal. Sixt zoomt lieber auf drei der vielen Frauen, die ihn umsorgt und angetrieben haben. Im Schlosspark trifft Rilke sie wieder: Prinzessin Marie natürlich, die mahnende Mäzenin. Ferner Lou Andreas-Salomé, die 36 war, als sie mit dem 21-Jährigen eine amour fou anfing. Sie wurde seine unerbittliche Gesprächspartnerin und Geliebte, die ihn von ihrer Tür wegstieß, so oft er auch daran kratzte. Auf die Couch der späteren Psychoanalytikerin aber wollte sich Rilke nicht legen; eine „desinfizierte Seele“ wollte er nicht haben.

Als Dritte kommt Baladine Klossowksa hinzu, Malerin, Mutter des Künstlers Balthus, die Rilke rückhaltlos liebte, die ihm in Muzot in der Schweiz ein Zuhause einrichtete und für sein Spätwerk von zentraler Bedeutung war. In den Begegnungen scheinen Rilkes Ängste, Fantasien und Projekte auf, sagt Sixt, die die drei Frauen auch spielen wird.

Alles, was Eva erzählt, kann auf jeden heute zutreffen. Das ist die große Stärke des Stücks.

Joseph Berlinger, Regisseur

Berlinger schätzt am Stück, dass es sich löst von Zeit und Figur. Es geht um Liebe, Freiheit, Nähe und Distanz. „Alles, was Eva erzählt, kann auf jeden heute zutreffen.“ Sein eigener Rilke-Zugang ist ambivalent. „Viele Gedichte finde ich hermetisch – andere zum Niederknien.“ Als Rilke engagierte er Alexander Maria Wagner, Pianist, Komponist, Hummel-Schüler, der im Kafka-Projekt als Schauspieler debütierte.

Rilke ist alles und sein Gegenteil.

Eva Sixt, Dramatikerin

Eva Sixt reizten die „Duineser Elegien“ („reine Musik!“), mit denen sich Rilke plagte. Zehn Jahre dauerte es, bis er, von Schreibhemmung befallen, durch das Dunkel der Depression tastend, die Sammlung druckreif hatte, in der er den Zustand der Welt und die Widersprüche des Lebens ausmisst. Widersprüchlich, so war auch der Dichter. „Rilke ist alles und sein Gegenteil“, sagt die Dramatikerin. Ein Dandy, der die Armut glorifizierte, einer, der Ideale erträumte und Faschismus als Allheilmittel pries, der ekstatisch wie melancholisch war, der Meisterwerke schrieb, aber auch Kitsch produzierte. „Rilke kannst du einfach nicht in einen Begriff fassen!“, ruft Sixt aus. Heftig haut sie mit der Handkante auf den Kaffeehaustisch.

Premiere am 3. Juli

Das Freiluftspiel „Rilke im Schlosspark“ hat am 3. Juli Premiere auf Schloss Höfling. Acht Vorstellungen (100 Minuten) sind angesetzt, Einlass, je 19.30 Uhr. Constantin Graf Walderdoff bewirtet die Gäste. Tickets und alle Details: die-kulturoptimisten.de