Wir atmen die gleiche Luft: Julia Krahn untersucht mit den Domspatzen das Ideal der Harmonie

Von Marianne Sperb · 28. Mai 2025 um 17:11

Riesenhaft vergrößterte Porträts auf Stoff, ein Klagelied von Palestrina, Videos und zarte Tonskulpturen: Eine Installation in Regensburg nähert sich auf vielen Ebenen der Frage: Ist Harmonie eine Utopie?

Video ansehen

Junge, riesenhaft vergrößerte Gesichter blicken einen in der Museumskirche St. Ulrich an. Die Porträts, gedruckt auf fünf Meter hohe, semitransparente Stoffbahnen, sind im frühgotischen Juwel als Quadrat gehängt, als Raum im Raum.

Die Jungen und Mädchen, in weiches altes Leinen gehüllt, haben die Münder geöffnet, lassen ihren Atem strömen, schauen konzentriert und ruhig. Hyperästhetisch ist das alles, kein Haar, keine Pore trübt den makellosen Eindruck und in ihrer reinen Perfektion könnten einen diese Bilder kalt lassen. Aber dazu ist die Installation von Julia Krahn zu vielschichtig und zu klug.

Julia Krahn, Jahrgang 1978, lebt in Mailand. Ihre Arbeit umkreist Grundfragen menschlicher Existenz, ist häufiger in Kirchen zu sehen und eckt dort durchaus an. 2018 sagte St. Ansgar Hamburg eine Schau mit Frauen in Posen der christlichen Bildwelt Knall auf Fall ab; die Körper waren den Entscheidern zu nackt.

2023 wurde eines der 19 Meter hohen Porträts von Ukrainerinnen an der Garnisonskirche Potsdam in einer prorussischen Attacke zerstört. Ihr Werk sei nie polemisch intendiert, sagt Krahn nun bei der Preview in St. Ulrich; aber der Protest zeige, dass es berührt.

Jeder hat eine Stimme, aber alle hören aufeinander

In Regensburg, in diesem reich ausgestatteten und sehr stimmigen Projekt der Bistumsmuseen, geht es um Harmonie. Ist sie eine Utopie?, fragt Krahn und sucht Antworten bei den Domspatzen, denn: Ein Chor, in dem jeder eine eigene Stimme hat, aber alle aufeinander hören, der taugt zum Modell für die ganze Gesellschaft.

Zum 1050. Geburtstag des weltberühmten Chors, den die Künstlerin seit ihrer Kindheit verehrt, lebte sie eine Zeitlang bei den Domspatzen, fotografierte sie beim Einstimmen, im Moment des ausströmenden A, und befragte sie vorab zu ihren Vorstellungen vor Harmonie.

Die Antworten der Jungen und Mädchen fielen extrem unterschiedlich aus. So lange Kriege herrschen, kann es keine Harmonie geben, sagten einige, andere: So lange Hoffnung da ist, ist sie möglich.

Weiß enthält das gesamte Farbspektrum, steht für Wahrheit, Frieden, Harmonie und Tod. „Es ist kein Nichts, sondern das Alles“, sagt die Künstlerin, die ihre Installation „weiss sind alle farben“ nennt.

Lesen Sie mehr: Eine vielstimmige Lesung erläutert eindrucksvoll, wie die Weimarer Demokratie erodierte

Man muss den Begleittexten in ihrem manchmal hohen Ton nicht unbedingt folgen. Woran man aber nicht vorbei kommt: Zur puristischen Optik im Look von Jil-Sander-Werbefotografie der 1980er tritt ein sinnliches Erlebnis, auf das man sich unwillkürlich einlässt. Stoffbahnen umfächeln einen beim Rundgang, durch helles Tuch schimmern Fresken in kräftigen Farben.

Das Auge sieht die singenden Gesichter, das Ohr hört den Gesang. Acht isolierte Stimmen intonieren vom Band ein Klagelied, das „Incipit Lamentatio“ von Palestrina, ein Liebling vieler Domspatzen übrigens. In den Klang mischt sich das Atmen von Krahn. Das „Incipit“ wird auch als Schallplatte erscheinen, als tönender Katalog, limitiert auf 144 Stück. Und selbst für Live-Klang ist gesorgt, bei „Harmonie-Häppchen“ an fünf Samstagen.

Viele Inspirationen fließen ineinander: Wellengeräusche vom Meer. Clips, die im Loop am Bildschirm laufen und in denen Mailänder Kunstschüler verkörpern, wie sie Harmonie empfinden. Briefe von Julia Krahns Großvater, der aus dem Kriegslager schrieb: „Wir atmen doch die gleiche Luft.“

Am Rand sind Tonskulpturen der Serie „Organo“ unter Glas aufgereiht: zarte Gebilde, die an kommunizierende Röhren, Austausch und Organ-Verbindungen erinnern. Bei der Vernissage atmete Krahn in sie hinein, flüsterte ihnen Worte zu – Stoff für ein zweites Video, das nun in St. Ulrich läuft.

„weiss sind alle farben“ läuft bis 3. August in St. Ulrich am Dom, bistumsmuseen-regensburg.de