Wenn die Wildschweine im Feld wüten - wer zahlt's?

Von Lucia Pirkl · 31. Mai 2025 um 19:00

Schadenschätzer des Bayerischen Bauernverbands ordnen den Verlust ein, wenn Ernteausfälle drohen. Warum dabei durchaus Fingerspitzengefühl gefragt ist.

Eine Rotte Wildschweine, die sich im Maisfeld verdingt, ein 40-Tonnen-Sattelschlepper, der im Feld umkehren muss, ein Hochwasser, das alles überschwemmt: Die daraus auf Feld und Wiese entstandenen Schäden sind teils immens. Immer dann, wenn Ernteausfälle drohen, kommen Flurschadenschätzer zum Einsatz. Sie geben den Landwirten Rückmeldung darüber, wie hoch der Schaden ist und mit welchen finanziellen Entschädigungen sie rechnen dürfen. Weil sie ehrenamtlich eingesetzt werden, sind ihre Stundensätze viel niedriger als bei einem Gutachter. Den braucht es nur in den seltenen Fällen, wenn es keine Einigung gibt, der Fall vor Gericht landet.

Messrad oder Maßband gehören zur Ausstattung der Flurschadenschätzer. - Foto: Pirkl

Nicht selten können Flurschadenschätzer auch dabei helfen, Streitigkeiten abzuwenden. Nicht immer ist das einfach. Erfahrene Schätzer, wie beispielsweise Johann Steibel, können ein Lied davon singen. Der Landwirt aus Niederumelsdorf ist seit etwa 20 Jahren als Schadenschätzer im Landkreis Kelheim unterwegs. Er hat auch schon tobende Landwirte erlebt, auch, wenn das eher selten der Fall ist.

Wenn ein Landwirt auf seinem Feld oder auf der Wiese einen Schaden entdeckt, der durch Fahrzeuge oder durch Unwetterereignisse entstanden ist, wendet er sich an den Bayerischen Bauernverband und der wiederum setzt geeignete Flurschadenschätzer ein. Steibel beispielsweise kennt sich mit Schäden in Hopfengärten besonders gut aus, er ist selbst auch Hopfenbauer.

Wenn es sich aber um einen Wildschaden handelt, wenden sich der Geschädigte an die Gemeinden oder ans Landratsamt, denn da läuft das Meldesystem anders. Dort wiederum weiß man, welcher Flurschadenschätzer sich auf Wildschäden spezialisiert hat. Im Falle eines Wildschadens muss nämlich der Jagdpächter oder die Jagdgenossenschaft für den Schaden aufkommen.

Eine besondere Herausforderung war das schwere Hochwasser im vergangenen Jahr, da waren die Schadenschätzer gut beschäftigt. Für manchen Landwirt war das Warten auf die Schadenschätzung eine Geduldsprobe, denn die Landwirte wollten so schnell wie möglich wieder neu anbauen. Die Schadensprotokolle der Schätzer dienten schließlich dem Landwirtschaftsministerium dazu, die Beihilfe, die es für das Hochwasser gab, festzulegen.

Ein Schadensprotokoll dient der Dokumentation. - Foto: Pirkl

Aber zurück zu Steibel. Bevor er oder einer seiner etwa 20 Kollegen aus dem Landkreis aufs Feld fahren, müssen sie recherchieren. „Der Hektarerlös ist ja jeden Tag anders und es ist ja auch nicht jeder Boden gleich“, so Steibel. Der Wert richtet sich nach der jeweiligen Frucht, die angebaut wird, auch nach den aktuellen Handelspreisen und nach der Lage. „Da braucht man ein Gefühl dafür. Wenn das Feld etwa am Waldrand liegt, dann ist der Ertrag niedriger als etwa bei größeren Flächen“, so Steibel.

Bevor er dann vor Ort loslegt, macht Steibel eine farbige Markierung mit einer Spraydose, damit er weiß, wo er angefangen hat. Dann wird die gesamte Fläche und die beschädigte Fläche gemessen, Maßband oder Messrad sind immer mit dabei. In der Berechnung werden auch die Maschinenkosten und die Arbeitsleistung berücksichtigt, deren es bedarf, um den Schaden zu beheben. Nach dem ersten Besuch auf dem Feld ist der Landwirt nämlich verpflichtet, nachzusäen und den Schaden zu mindern. Kurz vor der Ernte schauen die Schadenschätzer dann noch einmal vorbei. Erst dann erfolgt die Endabschätzung, fein säuberlich notiert im Protokoll.

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So manchem Landwirt ist die Enttäuschung dann vielleicht ins Gesicht geschrieben, wenn er den Schaden eventuell höher eingeschätzt hatte als er letztlich ist. „Man muss natürlich neutral bleiben bei der Schätzung“, so Steibel. So mancher Jäger, so manche Jagdgenossenschaft wiederum, die die Wildschäden beheben muss, würde sich wünschen, weniger zahlen zu müssen. „Wenn der Jäger sich beim BBV beschwert, weil er zu viel zahlen muss und der Landwirt wiederum, weil er zu wenig kriegt, dann wissen wir: Der Schätzer hat seine Arbeit gut gemacht“, witzelt Alois Schweiger, ehemaliger BBV-Geschäftsführer und auch Schätzer. Die goldene Mitte zu finden, aber vor allem auch, emotionale Wogen zu glätten, gehört zum Job ein Stück weit dazu: „Man braucht schon etwas Menschenkenntnis“, sagt Steibel. Das ist vor allem gleich nach der Ausbildung nicht immer leicht: „Da hat es hat sich gut bewährt, dass neue Schätzer mit erfahrenen mitgehen“, sagt wiederum Wolfgang Beck, BBV-Geschäftsführer Abensberg-Landshut.

Bleibt die Frage, wer zahlt? Sofern es kein Wildbiss ist, sind die jeweiligen Versicherungen der Verursacher dafür zuständig: Seien es Stromversorger, die Leitungen bauen und mit ihrem schweren Gerät die Felder beschädigen, Gemeinden, die Wasserleitungen verlegen oder auch Speditionen, deren Fahrer vielleicht von der Straße abkamen. Diskussionen gibt es selten, die Versicherungen erkennen die Schätzberichte meist an, wohlwissend, dass sie im Falle von Gerichtsverhandlungen bedeutend tiefer in die Tasche greifen müssten.

So läuft die Ausbildung

Die Flurschadenschätzer werden vom Bayerischen Bauernverband ausgebildet. Etwa 800 bis 1000 sind in der Datenbank gelistet. Früher gab es in jeder Gemeinde einen bis zwei Schätzer. „Aber es sind deutlich weniger geworden“, so Bezirksgeschäftsführer und Ausbilder Hubert Hofmann. Das sei aber nicht unbedingt schlecht, denn „so haben die einzelnen Schadenschätzer mehr Praxis, weil sie eben mehr Fälle bearbeiten“.

Alle drei Jahre kommen die Schätzer eines Kreisverbands zur Schulung zusammen und werden mit aktuellen Inhalten versorgt, etwa mit neuen Schätzungsrichtlinien des Bayerischen Bauernverbands, die sich, je nach Fruchtfolgen und konventionellem sowie ökologischem Anbau unterscheiden. Diese Richtlinien dienen den Schätzern nur als Grundlage, denn „es sind ja Vergangenheitsdaten“, so Hofmann. Aktuelle Krisen, die beispielsweise Getreidepreise beeinflussen, die müssten die Schätzer ebenfalls berücksichtigen.

Voraussetzung um Schadenschätzer zu werden, ist eine landwirtschaftliche Ausbildung. Praxisbeispiele und aktuelle Gerichtsurteile fließen in die Ausbildung mit ein. Die Ausbildung dauert einen Tag.