Standortleiter ist sich sicher: „Das Regensburger Infineon-Werk hat Zukunft“

Von Christian Eckl · 24. Mai 2025 um 05:00

Seit 100 Tagen ist Jürgen Winterer Infineon-Standortleiter in Regensburg. Er ist nicht nur einheimisch in der Domstadt, er kennt auch den Chip-Hersteller Infineon wie seine Westentasche. Im Interview mit der Mediengruppe Bayern spricht Winterer über die ersten 100 Tage im Amt, warum ein Stellenabbau nicht der Konjunktur geschuldet ist, sondern einer nötigen Strukturreform - und welche Zukunftsanwendungen in Regensburg erdacht werden.

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100 Tage im Amt – was lief anders als gedacht?

Jürgen Winterer: Nicht allzu viel. Ich kannte das Team bereits gut, das hat den Einstieg deutlich erleichtert. Natürlich waren die letzten 100 Tage weltweit von hoher Dynamik geprägt. Wir haben diese Phase mit Ruhe – nicht Gelassenheit, aber Ruhe – gut gemeistert. Die Realität hat meine Erwartungen ziemlich genau getroffen.

Was hat Sie in den letzten 100 Tagen besonders beschäftigt?

Winterer: Den Innovationskurs am Standort weiter voranzutreiben. Das hat sich auch als richtig erwiesen. Die Marktdynamik – mal stärker, mal schwächer – begleitet uns ohnehin ständig. Entscheidend ist, dass wir uns auf die Entwicklung neuer Produkte konzentrieren. Dieser Fokus wird die Innovationskraft in Regensburg weiter stärken.

Anfang des Jahres wurde der Zukunftsplan für Regensburg vorgestellt. Was steht konkret drin – und was ist verwirklicht?

Winterer: Dieses Strategiepapier ist eine gemeinsame Vereinbarung – zwischen der Standortleitung, der Infineon-Geschäftsführung in München, dem Betriebsrat und dem Konzernbetriebsrat. Im Zentrum steht ganz klar das Thema Innovation: Wir wollen in Regensburg sowohl im Frontend als auch im Backend neue Produkte entwickeln, die Ingenieurteams ausbauen und unsere Innovationskraft weiter stärken. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Automatisierung der Frontend-Produktion sowie die Digitalisierung unserer Prozesse. Dafür werden wir auch weiterhin investieren – das Papier enthält ein klares Bekenntnis zur Zukunft des Standorts.

Infineon hat angekündigt, auch in Regensburg eine mittlere dreistellige Zahl an Beschäftigten abzubauen. Ist das kein Widerspruch?

Winterer: Nein. Zunächst: Das Programm zur strukturellen Verbesserung unserer Wettbewerbsfähigkeit ist noch nicht ganz abgeschlossen, aber wir sind weit fortgeschritten. Wichtig ist: Es handelt sich hier nicht um eine Reaktion auf konjunkturelle Schwankungen. Unser Auftragseingang ist stabil, wie wir auch im aktuellen Quartalsbericht gezeigt haben. Es geht um ein strukturelles Thema. Wir brauchen schlankere Strukturen, um in der nötigen Geschwindigkeit neue Produkte auf den Markt zu bringen. Diese Veränderungen sind notwendig, um den Standort wettbewerbsfähig zu halten. Personalbezogene Maßnahmen machen dabei nur einen geringen Teil aus.

Welche zukunftsgewandten Lösungen kommen von Infineon Regensburg?

Winterer: Der Chip im biometrischen Reisepass zum Beispiel kommt aus Regensburg. Im kleinen goldenen Rechteck auf dem Pass steckt also Technologie aus unserem Haus. Aktuell arbeiten wir an einer neuen Sicherheitslösung für Girokarten. Normalerweise entsperren Sie Ihre Karte ja mit einem PIN. Wir haben nun ein System entwickelt, das zusätzlich einen Fingerabdrucksensor integriert. Der Finger ersetzt dann die PIN – und schaltet die Karte zur Bezahlung frei. Das bringt mehr Sicherheit und Komfort. Wir testen das gemeinsam mit dem deutschen Bankenverband im Markt. Das haben wir hier in Regensburg entwickelt.

Der Chip im biometrischen Reisepass zum Beispiel kommt aus Regensburg. Im kleinen goldenen Rechteck auf dem Pass steckt also Technologie aus unserem Haus.

Jürgen Winterer, Infineon-Standortleiter

Kommt erst die Idee – oder erst der Bedarf im Markt?

Winterer: Wir beobachten sehr genau, was der Markt braucht. Dann prüfen wir, ob es dafür eine technische Lösung geben kann, die echten Mehrwert bringt. Dafür haben wir eigene Fachleute, die ganz gezielt in ihren Bereichen forschen: Etwa bei Mikrocontrollern, Sicherheits-Lösungen und Sensorik.

Und Regensburg spielt dabei eine zentrale Rolle?

Winterer: Absolut. Regensburg spiel eine wichtige Rolle für Infineon. Drei große Themenfelder stehen im Mittelpunkt: Sensorik, MEMS – also mikro-elektromechanische Systeme – und Radarlösungen. Letztere kennen viele vom Auto: Abstandsradar, Müdigkeitserkennung oder auch Nah- und Fernfeldsensoren zur Umfeldwahrnehmung. Auch Gesichtserkennung oder Drucksensoren gehören in dieses Umfeld. Und: Wir sind auch bei Zukunftsthemen wie Quantencomputing mit dabei. Das ist echte Vorfeld-Innovation. Ein weiteres Zukunftsthema ist sicherlich Künstliche Intelligenz. Infineon arbeitet in dem Bereich ja unter anderem mit dem KI-Chipentwickler Nvidia zusammen. Hier spielt Technik aus Regensburg indirekt eine Rolle.

Die Produkte von Nvidia sind zentral für Anwendungen in den Bereichen Künstliche Intelligenz. Das Unternehmen hat einen Aktienwert von drei Billionen US-Dollar. Wie sieht eine solche Kooperation aus?

Winterer: Die Datencenter vieler KI-Anbieter werden mit den Chips des Unternehmens ausgestattet, die sehr hohe Rechenleistung erbringen. Ein solches Datencenter kann den Strom einer kleinen Stadt verbrauchen. Unsere Technik wird gebraucht, um diesen Strom so effizient wie möglich zu nutzen. Da sind Lösungen von Infineon sehr gefragt.

Infineon bewegt sich in einem extrem zyklischen, schnellen Markt. Wie stabil lässt sich unter solchen Bedingungen ein Standort wie Regensburg führen?

Winterer: Zyklen sind etwas ganz Normales und sie verlaufen je nach Zielmarkt unterschiedlich. Wir decken ein breites Spektrum an Anwendungen ab, beispielsweise Mobilität, Internet der Dinge, Erneuerbare Energien. Diese Bereiche haben unterschiedliche Zyklen. Manchmal gleichen sich die Zyklen aus, manchmal überhöhen sie sich gegenseitig. Aber es gehört zum Einmaleins der Halbleiterindustrie, damit umzugehen. Entscheidend ist die Innovationskraft, die macht zukunftsfähig.

Thema autonomes Fahren: Die Technik scheint weit, aber auf der Straße sieht man davon noch wenig. Woran liegt das?

Winterer: Die technische Verfügbarkeit ist schon weit fortgeschritten. Die Technik funktioniert vor allem mit Sensorik, Radar und visueller Erkennung. Aber es ist auch eine Frage der Integration in unseren Alltag – und vor allem eine rechtliche Frage. Wer haftet, wenn etwas passiert? Der Fahrer, der nicht eingreift? Der OEM, also der Autohersteller? Oder der Programmierer der Software? Solche Fragen sind noch nicht abschließend geklärt. Sicher aber ist, dass die Assistenztechnik sich immer weiter durchsetzen wird. Für uns bei Infineon eröffnet das große Chancen.

Der Vorstandsvorsitzende Jochen Hanebeck war kürzlich in Regensburg. Was war seine zentrale Botschaft?

Winterer: Er hat sich zuallererst – und das hat die Mitarbeiter wohl am meisten interessiert – sehr positiv zur Zukunft des Regensburger Werks geäußert. Er hat genau die Marktfelder angesprochen, in denen wir stark sind und mit unseren Produkten gut aufgestellt. Außerdem war unser Strategiepapier Thema. Darin ist verankert: Innovation und Fertigung im Frontend sind Standortauftrag für Regensburg. Das hat er beim Meeting für alle Mitarbeiter deutlich gemacht.Das Interview: Christian Eckl