„Der Preis, den er zahlte, war hoch“: Benjamin Appl über Dietrich Fischer Dieskau

Der Sänger aus Regensburg war der letzte Privatschüler des Jahrhundertkünstlers. Zum 100. Geburtstag widmet er ihm ein Buch und eine CD.
Er war der Titan, der Gott des deutschen Kunstlieds, laut Londoner Times der beste Liedsänger der Welt. Tja, ohne Superlativ kann man über Dietrich Fischer-Dieskau nicht schreiben. In der „Winterreise“ verschmolz er so vollkommen Wort, Klang und Gefühl wie niemand vor ihm. Und niemand nach ihm kommt an seinem Maßstab vorbei. Zum 100. Geburtstag des Jahrhundertkünstlers aber bleibt es in Deutschland merkwürdig still. Große Gedenkkonzerte sind rar, anders als etwa in Großbritannien oder New York, wo die Carnegie Hall gebucht ist.
Benjamin Appl macht die Ausnahme: Der Sänger aus Regensburg, früher Domspatz, der längst von London aus seine Karriere verfolgt, widmet Fischer-Dieskau ein CD-Buch. „Aus Dankbarkeit“, sagt der 43-Jährige der Mediengruppe Bayern. Denn er war der letzte Schüler des Maestro.

Bei der letzten Unterrichtsstunde, im großen Musikzimmer mit Blick auf den Park und den Starnberger See, traf Appl einen 86-Jährigen, der Lieder über den Tod singen wollte und bitter fragte: Ich kann nicht mehr spielen, singen, dirigieren, malen – was bleibt von mir? Ein paar Wochen später, am 18. Mai 2012, starb Fischer-Dieskau. „Ich lernte unendlich viel von ihm“, sagt Appl – auch den Wert persönlicher Bindungen. Denn Fischer-Dieskau gelang eine Weltkarriere, aber privat scheiterte er. Ehen zerbrachen, die Kinder kamen zu kurz, wurden fremd. Appl: „Der Preis, den er zahlte, war hoch. Da überlegt man, ob man vier Tage ins Studio geht – oder Zeit mit seinen Lieben verbringt.“
Er zweifelte, immer, auch noch nach 50 Jahren.
Benjamin Appl über Dietrich Fischer-Dieskau
Der Schüler begegnete dem Meister 2009, bei der Schubertiade Schwarzenberg. Zehn Titel-Vorschläge waren erbeten, Appl schickte lieber 30. „Zurück kam eine Liste mit vier, und kein Lied aus meiner Auswahl.“ Doch Fischer-Dieskau, der sich privat abschirmte, gab dem 26-Jährigen seine Nummer – für Einzelunterricht. Von da an besuchte ihn Appl, oft in Starnberg, selten in der Berliner Villa, Baukunst des Expressionismus übrigens, 1928 umgeplant von Sigmund Freuds Sohn Ernst. Sechs Stunden lang übten die beiden Sänger dann, Technik natürlich. „Aber auch: Wie nimmt man schon beim Gang auf die Bühne das Publikum mit?“, so Appl. In Erinnerung sind ihm die Präsenz Fischer-Dieskaus, seine Akribie und: „Er zweifelte, immer, auch noch nach 50 Jahren.“
Briefe, Tagebücher, Verträge und Konzertprogramme gesichtet
Im Lauf der Zeit wuchs das Vertrauen, auch zu Julia Varady, Fischer-Dieskaus vierter und letzter Frau. Fürs CD-Buch durfte Appl Briefe, Tagebücher und Verträge studieren. Die Privatsphäre schützen, aber dem Menschen nahe kommen: „Das war ein Spagat.“ 20 000 bis 30 000 Seiten scannte Appl. „Das Schwierige war, zu wissen, wann man aufhört.“ Das Buch zeichnet nun ein sehr persönliches Bild, die CD spiegelt wichtige Stationen, mit bisher unveröffentlichten Titeln von Vater Albert und Bruder Klaus, Repertoire aus dem Krieg, Werken, die eigens für ihn komponiert wurden, sowie Lieblingsliedern von Schubert.
Appl zitiert aus Briefen ans „liebste Engele“, Fischer Dieskaus erste Frau Irmgard Poppen. Als sie 1963 bei der Geburt des dritten Sohnes starb, stürzte der Sänger in Verzweiflung. Aber auch der Mode-Fan wird ausgeleuchtet: „Könnte ich dir die Läden zeigen!“ schwärmt er aus Stockholm. „Und die Schuhe!“ Deutlich wird außerdem, wie sehr der Künstler den liebenden Blick des Publikums suchte – und wie sensibel er alle Kritiken registrierte.
Das Singen im Krieg geübt
Fischer-Dieskau wurde über Nacht berühmt. 1948 sang da ein 23-Jähriger mit solcher Reife über existenzielle Dinge, dass die Welt staunte. Die Tiefe holte er aus eigenem Erleben: Sein Vater starb, als er zwölf war. Ein Bruder wurde im Euthanasie-Programm der Nazis ermordet. 1943 wurde das junge Talent eingezogen und nach Russland geschickt, wo er Pferde versorgte und autodidaktisch übte. „Er sang den Pferden ins Ohr“, sagt Appl. In Italien, als US-Kriegsgefangener, gab er Liederabende vor Gefangenen – so erfolgreich, dass man ihn nicht gehen ließ.
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Erst 1947 kam er heim und startete seine Karriere. Stimme, Technik und Intellekt waren Faktoren seines Erfolgs. „Aber im Grunde war das ein Paket“, sagt Appl. Fischer-Dieskau hatte das richtige Alter zur richtigen Zeit, er trat früh international auf und er war offen für technische Helfer, Appl: „Er war verheiratet mit dem Mikro“, es galt als seine fünfte Frau.
Fischer-Dieskau wurde zu einem Kulturbotschafter und er machte das deutsche Kunstlied zum Welthit. Er sang 1971 in Tel Aviv – auf Deutsch! – und 1962 bei der Uraufführung des „War Requiem“ in der Kathedrale in Coventry. Appl zitiert Briefe von Benjamin Britten. „My dear Dieter“, schrieb der Komponist, und schickte die Widmung: „For Dieter: The Past and the Future“.
Benjamin Appl moderiert BBC-Feature
Im Sonntagsfeature von BBC Radio 3 spricht Benjamin Appl am 25. Mai (19.15 Uhr) mit Vertrauten von Dietrich Fischer-Dieskau, der im Großbritannien der Nachkriegszeit zu einer Ikone wurde – mit Beiträgen von Sir John Rutter, Brigitte Fassbaender und Christoph Eschenbach.
Das CD-Buch „For Dieter. Hommage á Dietrich Fischer-Dieskau“ versammelt 32 Titel (79 Minuten Laufzeit), zahlreiche bisher unveröffentlichte Fotos und Briefe sowie persönliche Texte von Benjamin Appl. Der Regensburger Sänger mit Wohnsitz London wird begleitet von Pianist James Baillieu. Das Hardcover mit Texten auf Deutsch, Englisch und Französisch ist illustriert mit Gemälden Fischer-Dieskaus. Es erscheint am 23. Mai bei Alpha Classics, hat 140 Seiten und kostet 22 Euro.
Zu Ehren von Dietrich Fischer-Dieskau geben Benjamin Appl und James Baillieu einen Liederabend: am 28. Mai beim Heidelberger Frühling und am 22. Oktober beim Konzertverein Ingolstadt.