Karriere frisst Freundschaft: Musical hat am 24. Mai Premiere

Die Ideale blieben irgendwann auf der Strecke: Stephen Sondheim beschrieb in „Merrily We Roll Along“ auch sein eigenes Leben. Jetzt ist das Musical in deutschsprachiger Erstaufführung zu erleben.
„Merrily We Roll Along“ heißt so viel wie: Fröhlich rollen wir dahin. Die altmodische Zeile aus einem Volkslied besingt eine heitere Fahrt übers dunkelblaue Meer, fand dann verschiedene Verwendung und wurde 1981 zum Titel von Stephen Sondheims Musical. Das Werk geriet zum „Kultflop“, fiel beim Publikum am Broadway krachend durch, gewann aber – nach massiven Eingriffen – ab 2000 am Londoner West-End späte Fans und etliche Auszeichnungen und brachte auch viel Geld: 2024 spielte das Musical in NY 2,2 Millionen Dollar ein – pro Woche. Nun bringt es das Theater Regensburg in deutschsprachiger Erstaufführung heraus.
„Nichts mit subtil! Bämbäm Vorhang!“
Fangen wir mit den Fallstricken an: Erstens muss man das Prädikat Erstaufführung etwas einschränken, denn die Story um den Komponisten Franklin Shepard und seine Freunde war bereits auf Deutsch zu erleben, sogar als Studio-Produktion an der Uni Regensburg, wie Chef-Dramaturg Ronny Scholz recherchiert hat. Aber als deutsprachige Premiere gilt eben, wozu der Verlag den Stempel gibt. Allerdings: Der Titel ausgerechnet bleibt auf Englisch. Er ist einfach zu bekannt und klänge auf Deutsch reichlich merkwürdig.
Überhaupt birgt das Übertragen von Sondheims Texten ins kantigere, vielsilbige Deutsch Tücken. Der Musical-Gott reimte fast noch besser als er komponierte und er spickte seine Zeilen mit Anspielungen, die fürs heutige Publikum kaum nachvollziehbar sind. Aber Sabine Ruflair, die „Merrily“ – mit Jana Mischke – 2024 übersetzte, leistete bereits bei „Come from Away“, dem maximal gehypten Musical der Regensburger Saison, exzellente Arbeit. Und auch da verzichtete man auf „Die von woanders“ oder andere Behelfstitel.

Braucht es die deutsche Fassung überhaupt, wenn eh’ vieles nicht 1:1 übertragbar ist und Witz verloren geht? Unbedingt, sagt Regisseur Sebastian Ritschel bei der Matinee im Neuhaussaal. Auf Englisch sei es kaum möglich, in die Tiefe der Story einzutauchen. Der musikalische Leiter Andreas Kowalewitz illustriert die Frage so: „Ich kenne den Geschmack von Mango aus Südamerika. Auf ihn will ich nicht verzichten – auch wenn Mango hier anders schmeckt.“
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Stephen Sondheim ist in Regensburg ein Dauergast, dem Intendanten geschuldet. Ritschel ist bekennender Bewunderer und bewundernder Kenner gleichermaßen und bringt mit „Merrily“ als Regisseur seinen sechsten Sondheim auf die Bühne. „Ein unfassbar tolles Stück, voller menschlicher Geschichten und tiefgründiger Charaktere“, schwärmt er am Sonntag – auch wenn die Regieanweisung, wie Scholz genüsslich zitiert, einst so lautete: „Nichts mit subtil! Bämbäm Vorhang!“

Tatsächlich liefert die Partitur viel „Boomboom“, sagt Kowalewitz und gibt mit der Ouvertüre ein schrill-schmissiges Hörbeispiel vom Band. „Der Theatersaal ist da fast zu klein. Man denkt, man wird geföhnt.“ Das Spektakel produzieren nur zwölf Menschen im Graben mit viel Blech, ohne Streicher. Andererseits sind da aber herzerweichende, nostalgiesatte, tricky komponierte Balladen über unerfüllte Liebe und bitter gewordene Freundschaft.
Worum geht’s? Der Songwriter und Filmproduzent Franklin Shepard (in der Hauptrolle: Musical-Star Andreas Bieber) ist reich und berühmt, ein Opportunist und Unsympath. Die Ideale, die er als junger Mann mit seinen besten Freunden Mary (als Gast: Friederike Fritzi Bauer) und Charlie (vom Haus: Felix Rabas) teilte, hat er längst verraten. Der Clou: Die Geschichte rollt in sieben Zeitebenen rückwärts ab. Das Publikum erlebt Frank und sein Umfeld erst auf dem Gipfel des Ruhms 1976 und am Ende beim Start der Karriere 1955.
Ein wunderbarer Gast
Ritschel überkrustet die Bühne mit Gold, Kristall, Spiegeln, mit Glitzerkugeln an der Decke und 1600 LED-Leuchten an der Rückwand: überall nur falscher, kalter Glanz, Schein statt Sein. Auch hier tut sich eine Gegenwelt auf: herzliche Gefühle pochen vor warmrotem Samtvorhang. Und nicht mal den braucht die junge Fritzi Bauer, die bei der Matinee einige Songs aus „Merrily“ performt. Sie stellt sich einfach hin und singt von Sehnsucht und alten Freunden, so schlicht und wahr und unschuldig-wissend, dass einem die Finessen der Übersetzung, der autobiografische Kern in Sondheims Musical oder die wechselhafte Rezeption egal sind. Das Publikum lauscht hingerissen.
Premiere am 24. Mai
„Merrily We Roll Along“ von Stephen Sondheim hat am 24. Mai (19.30 Uhr) im Theater am Bismarckplatz Premiere, als deutschsprachige Erstaufführung, in der Übersetzung von Sabine Ruflair und Jana Mischke. Die Regie und Ausstattung besorgt Sebastian Ritschel, die musikalische Leitung hat Andreas Kowalewitz.