„Come from Away“: Das Premierenpublikum flippt aus vor Begeisterung

Das Musical erzählt von den Gestrandeten, die nach 9/11 in Gander auf so viel Großzügigkeit trafen. Das Theater Regensburg inszeniert die bewegende Story rasant, auf den Punkt und sehr berührend.
Als sich am 9. September 2001 zwei Flugzeuge ins World Trade Center bohrten, war das ein Anschlag auf Zivilisation und westlichen Lebensstil. In einem Städtchen in Neufundland führte der Terror aber zur Demonstration menschlicher Werte, später genannt das „Wunder von Gander“. Und in Regensburg wurde die Geschichte nun zum Theater-Coup. Bei der deutschsprachigen Erstaufführung von „Come from Away“ stand der Saal am Samstag Kopf. Das Publikum jubelte, trampelte und schrie vor Begeisterung.
9000 Bürger versorgten nach 9/11, von jetzt auf gleich, fünf Tage lang 6500 Passagiere, die in Gander gestrandet waren, weil die USA den Luftraum gesperrt hatten. Sie empfingen die erschöpften, von Angst und Ungewissheit erfüllten Come-from-Aways, „die von woanders“ also, mit offenen Armen, stellten Betten in Hallen und Kirchen auf, kochten und kauften ein, von der Windel bis zur Seife, gaben ihre Kleider her, organisierten Festnetztelefone, in einer Zeit, in der das Handy längst nicht allgegenwärtig war, trösteten Verzweifelte.
Irene Sankoff und David Hein machten aus dem Fall unvergleichlicher Solidarität ein Dokumentar-Musical. Das Paar führte zehn Jahre nach 9/11, bei einer Wiedersehensfeier in Gander, viele Interviews, schrieb Texte und Musik – und landete ein Welterfolg. Jetzt liegt das Musical endlich auf Deutsch vor, übersetzt von Sabine Ruflair, die am Samstag in Regensburg gespannt verfolgte, wie ihre Fassung wirkte.
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Intendant Sebastian Ritschel und Chef-Dramaturg Ronny Scholz schwärmten vorab mit so viel Enthusiasmus von der Produktion, dass man skeptisch wurde, ob so viel Vorschuss-Lorbeer einzulösen sei. Nach der Premiere ist klar: „Come from Away“ ist von A bis Z tipptopp gelungen und dürfte einen starken Punkt auf der Liste bisheriger Inszenierungen rund um den Globus setzen. Regisseur Ritschel packt die Geschichte hart an, erzählt nicht nur die Wohlfühl-Aspekte, sondern leuchtet grell auch in die Untiefen einer Katastrophe, die die Welt zum Schlechteren verändert hat. Das fängt bei Details an: Auf der Bühne fällt statt des sanfteren Begriffs Waffe das Wort Bombe, und darum wurde zuvor lang gerungen. Ritschel reizt die Fallhöhe zwischen Trauer und Stress, ausgelassenem Trinken und verliebtem Funkeln aus und schickt das Publikum auf eine Achterbahn der Gefühle. Trotzdem bleibt das Musical eine Geschichte über Zuversicht, Mut und Zupacken.
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Menschlichkeit besiegt Mörder? Das klingt – gerade heute – blauäugig, aber „Come from Away“ lässt Skeptikern keine Chance. Denn alles, was auf der Bühne gesagt wird, ist ja wahr, jede Figur hat ihr reales Vorbild. Einige Zuschauer wischen Tränen weg – auch wegen der Musik. Treibender Celtic-Folk-Rock, von Neufundland inspiriert, legt den Teppich unter die Szenen, Balladen mit Ohrwurm-Qualität wie „Der Himmel geht auf“ und „Warte, Welt“ setzen Glanzlichter. Bewundernswert, wie die neun Musiker unter Andreas Kowalewitz von fetzig bis berührend die Stimmungen spiegeln, trotz der vertrackten Einsätze.
Die Inszenierung ist aus einem Guss. Kristopher Kempf setzt den Regie-Ansatz sehr stimmig um. Seine Bühne sind der Schriftzug des Flughafens Gander und dicke Stahlträger – wie jene, die 9/11 in New York wie Wachs schmolzen. Und die Choreographie von Gabriel Pitoni passt zum Konzept wie die Finger in den Handschuh. Die zwölf Darsteller agieren, als wären sie ein einziger Organismus, jonglieren so präzise mit Möbeln und rufen so auf den Punkt ihre Einsätze ab, dass es einen aus den Schuhen kickt.
Vorstellungen sind rettungslos ausverkauft
Die Figuren wirbeln durch brutal schnell geschnittene Szenen. Es braucht nur sechs Tische und 14 Stühle, um in Sekunden Schauplätze zu wechseln – Kneipe wird Bus wird Turnhalle wird Strand – und nur ein paar Requisiten, um Rollen zu tauschen: Die Journalistin (Scarlett Pulway) setzt eine Kappe auf und wird – zack! – Flugbegleiterin, Kevin T. (Andreas Bieber) wirft eine Jacke über und ist Busfahrer. Felix Rabas meistert sogar sieben Parts, tanzt, als hätte er Gummi statt Knochen im Leib, singt dabei strahlend klar und kann, wie die anderen aus dem Haus-Ensemble, ohne weiteres mithalten mit den großen Musical-Stars im Cast wie Wietske van Tongeren, Jogi Kaiser und Carin Filipčic, die im Chaos von Gander ein wunderbares Silverager-Liebespaar werden. Tolle Ensemble-Leistung!
Eine Sache aber gibt es, die man an „Come from Away“ nur bedauern kann: Das Musical ist für die gesamte Laufzeit praktisch rettungslos ausverkauft.
Internationale Reaktionen – und eine Augenzeugin aus Ostbayern
Zeugin: Brigitte Schönfelder flog nach 9/11 mit dem Care-Team der Lufthansa nach Gander. „Die Menschen dort haben ein ganz großes Herz. Sie sind gewöhnt, dass man sich helfen muss. Kein einziges Haus war verschlossen, die Gäste waren überall willkommen“, sagt die frühere Lufthansa-Mitarbeiterin, die heute mit Familie in Bodenmais lebt. Sie besuchte Gander mehrfach, reist 2026 wieder hin: „Die Umstände 9/11 waren schlimm, aber was daraus entstanden ist, sind Freundschaften fürs Leben.“
Zuschauer: Kitti aus Kanada ist ein Fan des Musicals, das er schon 36 Mal in aller Welt gesehen hat. Zu einer Probe vor der Premiere reiste er für zwei Tage extra nach Regensburg, im Juni kommt er, um die Show hier zu erleben.
Zupackende: Beulah Cooper war in Gander Provinzpräsidentin der Ladies Auxiliary, einer Hilfsorganisation, und taucht als Rolle im Musical auf. Zur Premiere in Regensburg, die in Gander aufmerksam verfolgt wird, schickte sie ein kräftiges „Toi toi toi“.





