Beleidigungen und Morddrohungen: Drei Betroffene berichten in Cham von Erfahrungen

Was haben ein Chefreporter, ein ehemaliger Helfer bei der Corona-Kontaktnachverfolgung und eine Sprecherin des Bündnisses für Toleranz und Menschenrechte gemeinsam? Alle drei sind im Internet, aber auch persönlich, von Hass und Hetze betroffen. Ihre Erlebnisse teilten die Referenten am Donnerstagabend im Chamer Kolpinghaus. Der Vortrag „Gemeinsam gegen Hate Speech und Fake News“ gipfelte in dem Vorlesen echter Beleidigungen und Drohungen aus dem Netz.
Für Johannes Schiedermeier, Chefreporter beim Bayerwald-Echo, änderte sich alles mit der Corona-Pandemie. „Von heute auf morgen war mein Berufsstand bei manchen Leuten verhasst. Ich auch“, erzählt er.
Eine neue Dimension
Schon immer habe er Anfeindungen aus der rechten Ecke der Gesellschaft bekommen, doch seit der Pandemie sei die Dimension eine komplett andere gewesen.
Der Hass, der Leuten wie mir entgegenschlägt, ist gewaltig.
Christian Mayer, ehemaliger Helfer bei der Corona-Kontaktnachverfolgung
Auch Christian Mayer geriet damals ins Visier von Hass und Hetze. Als Teil der Corona-Kontaktnachverfolgung im Landkreis durfte er die oftmals unangenehme Nachricht der Quarantäne überbringen. „Das war keine schöne Arbeit, aber sie musste getan werden“, so Mayer. Seitdem ist nichts mehr, wie es einmal war: „Unsere Gesellschaft hat sich gespalten“, meint er und ergänzt: „Der Hass, der Leuten wie mir entgegenschlägt, ist gewaltig.“
Sabine Ebert, Sprecherin beim Bündnis für Toleranz und Menschenrechte, ist nach eigenen Worten nicht direkt betroffen von Anfeindungen, „aber meine politische Arbeit, meine Überzeugungen und Menschen in meinem Umfeld sind es.“ Auch ihre Töchter würden immer mehr in der Schule miterleben. „Unsere Austauschschülerin wurde auf dem Schulweg mit Dosen beworfen, nur weil ihre Eltern aus Vietnam kommen“, berichtet sie.
Um auch den Zuschauern einen Eindruck zu verschaffen, präsentierten die drei Referenten originale Hassnachrichten, die sie aus dem Internet und persönlich erreichten.
Chefreporter Schiedermeier versucht nach eigenen Worten oft mit Humor zu kontern, „um den Leuten keine Genugtuung zu geben“. Als sich ein anonymer Anrufer mit „Arschloch“ meldete, antwortete er: „Freut mich, Schiedermeier. Was gibt’s?“ Bei Nachrichten wie „Vielleicht sollten wir Dir mal den Kopf freischlagen“ oder „Wenn wir jetzt dann mal Bürgerkrieg haben, seid Ihr die ersten mit einer Kugel im Kopf“, ist laut Schiedermeier irgendwann aber das Maß voll.
Manchmal bin sogar ich sprachlos.
Johannes Schiedermeier, Chefreporter beim Bayerwald-Echo
„Manchmal bin sogar ich sprachlos“, sagt er. Trotzdem versuche der 61-Jährige, die Kommentare nicht zu nah an sich heranzulassen und das Handy auch mal auszulassen. „Als Journalist ist das leider nicht einfach.“
Für Lacher im Publikum sorgt ein Facebook-Kommentar, der Christian Mayer zum Thema Klimawandel, erreichte: „Wer keine Ahnung von Klima hat, der hat in der Schule nicht aufgepasst. Kohlendioxid braucht die Umwelt und wandelt es in CO2 um.“ Aber auch Drohungen wie „Suppenkaspar, irgendwann sehen wir uns“, liest Mayer laut eigener Aussage regelmäßig. Für ihn steht fest: „Die sozialen Medien verstärken den Hass in unserer Gesellschaft.“
Sabine Ebert beobachtete vor allem nach einer Demonstration gegen Rechts Hasskommentare wie diesen im Netz: „Wahrscheinlich a Inzucht. Zu lange im Geburtskanal stecken geblieben, darunter hat die Sauerstoff Zufuhr gelitten und das Gehirn massiv geschädigt.“ Als Deutschlehrerin liest sie jeden Rechtschreibfehler mit: „Wir wollen ja akkurat bleiben“, erklärt sie.
Doch was tun gegen rechte Gewalt und Beleidigungen? Eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle B.U.D. Bayern informiert zum Abschluss über Gegenstrategien. Dabei kommt es zu einem Zwischenfall: Klaus Bucher, einer der Organisatoren der Chamer Montagsspaziergänge, wird gebeten, den Saal zu verlassen. Der Veranstalter des Abends verweist auf das Hausrecht und einen im Vorhinein verschickten Hinweis – Bucher folgt der Aufforderung.
Regeln im Internet
Die B.U.D.-Mitarbeiterin betont vor allem: „Wir dürfen rechte Gewalttaten nicht verharmlosen.“ Auch im Netz gebe es Regeln. „Gegen Hass und Hetze hilft Zivilcourage“, so die Referentin. Aber auch das Dokumentieren und Melden von Hassnachrichten sei eine Möglichkeit. Schlussendlich sei auch immer der Weg vor Gericht möglich. „Manchmal helfen auch Medienpausen oder Gespräche mit anderen.“ Eine Veranstaltung wie diese im Kolpinghaus sei aber ein erster wichtiger Schritt, um auf die Problematik aufmerksam zu machen.