Politische Meinungsmache auf YouTube: Regensburger Steuerberater wird zum Regierungskritiker

Von Franziska Mahler · 15. Mai 2025 um 05:00

Immer mehr YouTuber scheinen erkannt zu haben, was auf der Plattform große Reichweite bringt: polarisierende Halbwahrheiten über politische Ereignisse und Akteure in Deutschland. Dafür hat sich eine Reihe von Videomachern von ihren eigentlichen Fach- und Beratungsvideos verabschiedet und sich politisiert. So auch ein Regensburger Steuerberater.

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Der YouTube-Kanal „Steuern mit Kopf“ zählt mit 151.000 Abonnenten nach eigenen Angaben zu den erfolgreichsten im Bereich Steuern und Finanzen. Gesicht des Kanals ist der Regensburger Steuerberater Roland Elias. Angefangen hat er vor rund acht Jahren: „Herzlich Willkommen zu Steuern mit Kopf. Steuern spart, wer Steuern plant.“ Es folgten Videos wie „Grundbegriffe im Steuerrecht“ und „Steuertipps für Familien“.

Zugespitzte Videotitel

Doch die Inhalte haben sich gewandelt. Laut eigener Aussage will er nun auch steuerrechtliche Verschwendungen aufzeigen. Seine Videos – in denen er sich aktuell hauptsächlich die Grünen, die SPD und teilweise die CDU vornimmt – tragen Titel wie „Deine Altersvorsorge in Gefahr“, „Jagd auf Rentner geht weiter“, „Gefährdung für die Demokratie“, „Deutschland steht vor Staatskrise“ oder „Grüner Geheimplan gegen Deutschland“.

Die steuerpolitischen Ziele der AfD überzeugen Elias dagegen. Dass die Partei nun kürzlich als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wurde, steht für ihn eher dafür dass die AfD die „einzige Oppositionspartei“ ist. Und: „Steuerentlastungen werden bald wahrscheinlich auch als rechtsextremistisch eingestuft“, sagt er. In seinem Video geht Elias dann darauf ein, was zu beachten ist, wenn man jetzt das Land verlassen will.

Geschäftspartner ist Thema bei Böhmermann-Show

Ähnlich aufgebaut sind die Videos von Nicolas alias Kolja Barghoorns Kanal „Aktien mit Kopf“ mit 690.000 Abonnenten: „Packt eure Koffer“, „Sie wollen uns für dumm verkaufen“, „(AfD:) Immer mehr wachen auf“. Wie der Kanalname schon vermuten lässt, arbeiten er und Elias zusammen. Die beiden verbindet die Steuern mit Kopf GmbH, wo Elias als Fachreferent auftritt, Barghoorn unterstütze laut Angaben der Website mit Fachwissen über Kryptowährung, Aktien und Sparpläne.

Barghoorn, der die deutsche Regierung von Mallorca aus kritisiert, war kürzlich auch Thema im ZDF Magazin Royale. Satiriker Jan Böhmermann nahm sich in der Sendung rechte YouTuber vor, die mit ihren Videos nichts anderes als Werbung für die AfD betreiben würden – und kam zu dem Schluss, dass solche Inhalte mittlerweile nicht nur mehr Reichweite haben als so manches Nachrichtenmedium, sondern auch „Mainstream“ auf YouTube zu sein scheinen. „Gerade hat Nicolas noch über die Chancen von ETFs geredet und jetzt jubelt er die rechtsextremistische Weltherrschaft herbei“, sagte Böhmermann.

Polarisierende Inhalte bringen große Reichweite

Wie auch Elias postet Barghoorn täglich mehrere Videos. Unter den beliebtesten mit fünf- und teils sechsstelligen Aufrufzahlen reihen sich zum Großteil nur die politischen Inhalte. Weil YouTube vor den Videos Werbung schaltet, bedeutet das: Sie verdienen damit Geld.

Die Politisierung, die Masse der Videos und auch die Aufbereitung ist ein klares Muster auf YouTube. Auch die FAZ hat sich vergangenes Jahr mit Kanälen befasst, die mit Fachvideos gestartet und sich irgendwann politisiert haben. Davon gibt es eine ganze Reihe: „Vermietertagebuch“, „Kettner Edelmetalle“, „Oli investiert“. Auch Elias’ und Barghoorns Inhalte nennt die FAZ als Beispiele für Kanäle, bei denen Meinungsäußerung und falsche Tatsachenbehauptung verschwimmen. Alle Kanäle haben einen gemeinsamen Nenner: die Überzeugung von der AfD.

Videos ähneln „der Art und Weise wie Populisten kommunizieren“

Prof. Dr. Hannah Schmid-Petri leitet an der Uni Passau den Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich auch mit der Kommunikation über politische Themen. Sie weiß, was den Erfolg solcher Videos ausmacht – und ordnet sie als politische Meinungsbeiträge ein, „die eine ganz bestimmte Zielgruppe ansprechen sollen“. Allein diese Art der Zuspitzung generiere Aufmerksamkeit. Die Videos ähneln aber auch „der Art und Weise wie Populisten kommunizieren“. Angeprangert werde der Status quo und die Regierung. Das hole zum Beispiel Leute ab, die aktuell unzufrieden sind.

Jemanden wie Elias lasse jedoch auch seine Kompetenz im Bereich der Steuerberatung glaubwürdig wirken. Aber: Die Rollen verschwämmen auf seinem Kanal. Er sei auch Influencer und politischer Kommentator. Dieser Mix sei für Nutzer schwer nachzuvollziehen, sagt Schmid-Petri.

Beide zeigen in ihren Videos immer wieder Quellen, auf die sie sich beziehen. „Hier versucht man, dem Ganzen einen seriösen Anstrich zu geben, indem man so tut, als würde man journalistisch arbeiten“, sagt Schmid-Petri. Aber das Problem ist: Niemand überprüfe, ob die Quellen richtig seien oder ob eine Trennung von Nachricht und Meinung stattfinde. Und: „Es hat den Anschein, dass in den Videos vor allem Quellen verwendet werden, die eine bestimmte Meinung unterstützen oder in eine bestimmte Richtung gehen. Jemand, der journalistisch arbeitet, würde sich immer bemühen, vielfältige Quellen einzubeziehen“, so Schmid-Petri. Aus Nutzer-Sicht benötige es relativ viel Medienkompetenz, um einordnen zu können, dass das kein Journalismus ist.

Kaum Kontrolle im Netz

Wie also vorgehen gegen Halbwahrheiten und populistische Meinungsmache im Netz? Die Steuerberaterkammer Nürnberg, die für die Oberpfalz zuständig ist, sieht sich – obwohl Elias auf seinem Kanal klar als Steuerberater auftritt – nicht in der Verantwortung, die Inhalte zu überprüfen. Denn im Impressum des Kanals wird auf die Steuer mit Kopf GmbH verwiesen – und diese wird nicht durch Elias, sondern durch ein Familienmitglied vertreten.

Und auch YouTube scheint nicht konsequent im Sinne der eigenen Community-Richtlinien – etwa wegen irreführender oder falscher Inhalte – gegen solche Kanäle vorzugehen. Zwischen Oktober und Dezember 2024 hat die Plattform zwar insgesamt 9.456.987 Videos entfernt, in Deutschland mehr als 90.000. Aber irreführende Inhalte machen lediglich ein Prozent aus, Fehlinformationen 0,7 Prozent. Das heißt: Die Reichweite solcher Kanäle steigt weiter Tag für Tag.