Familyblogger vermarkten ihre Kinder – Influencerin aus der Region fordert Umdenken

Von Franziska Mahler · 22. Oktober 2024 um 05:00

Familienblogger: Sie zeigen, wie sie mit ihren Kindern im Bett kuscheln, wie ihr Kind einen Wutanfall hat oder im heimischen Pool planscht. Hunderttausende, wenn nicht Millionen, Menschen sehen diese intimen Aufnahmen. Und Mama und Papa verdienen damit sehr viel Geld. Nicht nur eine bayerische Influencerin verurteilt dieses Geschäft – es läuft auch eine Petition.

Jasmin Hoffmann ist vor rund elf Wochen Mama geworden. Der Influencerin aus dem Landkreis Regensburg folgen auf Instagram 200.000 Menschen. Zu sehen ist auf ihrer Seite „realer Mama-Alltag“. Aber: Das Gesicht ihres Sohnes sehen ihre Follower nicht, auch den Namen erfahren sie nicht.

Influencer, die ihre Kinder ohne Zensierung zeigen, verurteilt Hoffmann. „Eltern sollten immer das Beste für ihre Kinder wollen und es schützen, aber das tun sie damit nicht.“ Familienblogger wüssten genau, welchen Gefahren sie ihren Kindern aussetzen. Aber: „Das Geld stimmt.“

Influencer verdienen Geld mit Werbe-Kooperationen

Dieses generieren Influencer mit Werbe-Kooperationen. Hoffmann verdient – ohne ihr Kind zu zeigen – mit Social Media monatlich einen „fünfstelligen Bruttobetrag“. Entscheidend für den Verdienst eines Influencers sei, wie viele Menschen zum Beispiel die Instagram-Story anschauen. Das sind kurze Videosequenzen, die nach 24 Stunden wieder verschwinden. Zeigt man darin Kinder, schnellen die Klickzahlen laut Hoffmann deutlich in die Höhe.

Aber ist es das wert? Die Gefahren, die Familyblogger ihren Kindern aussetzen, sind vielfältig, weiß Daniela Riedel. Sie ist pädagogische Mitarbeiterin im Landesverband Bayern des Kinderschutzbunds und unter anderem zuständig für den Fachbereich Medienkompetenz und Kinderrechte. Die Bilder und Videos, die frei im Internet verfügbar sind, könnten zum Beispiel in die Hände von Pädophilen geraten. Mittels Photoshop ließen sich die Gesichter auf andere Videos übertragen. Ein mögliches Alarmzeichen: Auf der Kurzvideoplattform TikTok sieht man bei Familybloggern zum Beispiel, dass teilweise tausende die Videos abspeichern. „Ich sehe nicht, wer dahinter steckt“, sagt Riedel.

Familyblogger öffnen Tür für Mobbing

Wenn Familyblogger ihren Alltag mit Kindern zeigen, gibt es Momente, in denen man sich laut Riedel fragen muss: „Finde nur ich das süß oder ist das beschämend für mein Kind?“ Ist das Kind erst einmal in der Schule, findet es womöglich nicht mehr so lustig, dass die Eltern es dabei gefilmt haben, wie es sich beim Essen vollkleckert. Und: Es öffnet die Tür für Mobbing, sagt Riedel.

Aber nicht nur das: Die Urangst eines jeden Elternteils ist, dass Kinder zum Beispiel auf dem Weg in die Schule von einem Fremden angesprochen werden. „Familyblogger erleichtern die Arbeit für Täter.“ Anhand der geteilten Inhalte weiß man womöglich, in welcher Stadt die Familie wohnt, in welchem Verein das Kind ist oder was das Lieblingscafé der Familie ist. Und wenn der Täter dann noch weiß, was die Lieblingssüßigkeit des Kindes ist und, dass die Lieblingsserie PawPatrol ist, schaffe das Vertrauen.

Expertin sieht Interessenskonflikt bei Eltern

Auch rechtlich gesehen, bewegen sich Familienblogger auf dünnem Eis. „Familienblogger verletzten die Privatsphäre, die Persönlichkeitsrechte und das Recht auf informelle Selbstbestimmung ihrer Kinder.“ Vor allem weil die Kinder oft sehr klein sind, seien sie „ausgeliefert“. Wenn Influencer Eltern werden, ist die klare Empfehlung des Kinderschutzbundes: „Kinder nicht zum Content machen.“ Riedel sieht darin nämlich einen Interessenskonflikt: Die Eltern sind nicht mehr nur Erziehungsberechtigte, sondern sie verdienen dank ihren Kindern auch Geld.

Generell gilt: Unter drei Jahren dürfen Kinder in Deutschland nicht arbeiten, danach gibt es laut dem Jugendarbeitsschutzgesetz Ausnahmeregelungen – etwa für Theater- oder Filmauftritte. Der Haken: Im privaten Rahmen greifen diese Regelungen nicht, sagt Riedel. Das Kinderhilfswerks Terre des Hommes mahnt im Kinderarbeitsreport 2024 genau das an – und unterstellt Familienbloggern sogar eine wirtschaftliche Ausbeutung ihrer Kinder. Diese könnten und müssten auf Grundlage des Jugendarbeitsschutzgesetzes geschützt werden. Das Zeigen von Kindern unter drei Jahren solle verboten werden. Genauso sehen sie Unternehmen in der Pflicht, keine Werbung über solche Familien-Kanäle zu schalten. Nutzer sollten diesen entfolgen.

Frankreich schützt Kinder-Influencer

Ein Blick ins Ausland zeigt, was rechtlich möglich wäre: In Frankreich brauchen Eltern laut Terres des Hommes die behördliche Einverständnis für die Arbeit als Familieninfluencer. Ein Teil des generierten Geldes werde auf einem Treuhandkonto für das Kind hinterlegt. Auch in Deutschland fordern viele Menschen strengere Regeln: Seit Mitte September läuft eine Petition an den Deutschen Bundestag. Unterzeichnet haben bisher fast 30.000 Menschen.