Fußenberg steht unter Strom: Zerstört Umspannwerk die Natur-Idylle?

Von Benedikt Baumgartner · 12. Mai 2025 um 05:00

Hinter der Fußenberger Schützenkapelle erstreckt sich ein Natur-Idyll in exponierter Lage. „Man sieht von hier oben das ganze Gemeindegebiet – und umgekehrt“, sagt Gemeinderat Andreas Kerscher. Noch blicken die Wenzenbacher (Landkreis Regensburg) auf sanfte Hügel und grüne Felder. Bald könnten sie auf ein 20 Hektar großes Umspannwerk schauen.

Ein Nordic-Walker kommt mit seinen Stöcken den Fußweg über die Felder geeilt, weiter hinten führen Jugendliche zwei Pferde am Geschirr. Ein Fasan tappst am Wegesrand entlang. Wegen eines geplanten Umspannwerks könnte diese Idylle bald Vergangenheit sein.

Der Stromnetzbetreiber Tennet sucht dafür nach einem geeigneten Standort. Über die aussichtsreiche Fläche bei Fußenberg sagt Franz Waldmann: „Das ist natürlich so ziemlich der ungeeignetste Standort.“ Er steht mit Michael Maly und Hans Lengdobler der frisch gegründeten Bürgerinitiative gegen ein Umspannwerk bei Fußenberg vor. „Wir wissen, dass wir den Strom brauchen“, will Maly keine Grundsatzdiskussion zur Energiewende aufmachen. „Ob wir das Umspannwerk brauchen, wissen wir aber noch nicht. Das wird Teil der Diskussion sein.“ Für überdimensioniert halten sie die Planung allemal. Ein Gigawatt Leistung soll das Umspannwerk haben. Waldmann veranschaulicht zum Vergleich: „München braucht eine Anschlussleistung von 3,5 bis vier Gigawatt, um im Jahr 2045 klimaneutral zu sein.“

Sorge ums Trinkwasser

Der größte Dorn im Auge ist ihnen aber der potenzielle Standort am westlichen Ortsrand von Fußenberg. Entlang der Staatsstraße 2150, dem Zubringer zur B16, befände sich das Umspannwerk im Trinkwassereinzugsgebiet, teils gar im Wasserschutzgebiet. „Den Brunnen kann man nicht verlegen“, sagt Maly. Transformatoren und Schaltanlagen könne Tennet dagegen auch andernorts errichten.

Außerdem würden die topografische Lage auf einer Anhöhe – und somit weithin sichtbar – und die Gemeindeentwicklung dagegensprechen. Die Fläche zwischen Staatsstraße und Sandstraße hat die Gemeinde als mögliches Bauland ins Auge gefasst, bestätigt Bürgermeister Sebastian Koch. Wie attraktiv sind Bauparzellen auf der anderen Straßenseite eines Umspannwerks? „Es würde den Ortsteil Fußenberg nicht schöner machen“, sagt Koch. Mit Tennet will er die Gesprächskanäle offen halten, wohlwissend, dass der Stromnetzbetreiber „wahrscheinlich am längeren Hebel sitzt“.

Areal wird von Planungsbüros untersucht

„Wir bekommen Meldungen von Planungsbüros, dass sie Untersuchungen bei uns machen. Da merkt man schon, dass im Hintergrund gearbeitet wird“, teilt Koch auf MZ-Anfrage mit. „Sorge und Hysterie“ bemerkt er bei der Bevölkerung. „Natürlich sind die Leute schon in Aufruhr – und ich verstehe das auch.“ Mit Landwirten, denen die entsprechenden Felder gehören, hat Tennet laut Michael Maly bereits Kontakt hinsichtlich Grunderwerbs aufgenommen. Bei der Fläche am Haslbacher Gewerbegebiet soll es noch ruhig sein. „Meine Wahrnehmung ist, dass es vor allem um wirtschaftliche Faktoren geht“, sagt Bürgermeister Koch. Der Bodenrichtwert bei landwirtschaftlichen Flächen in Wenzenbach oder Zeitlarn ist geringer als bei Gewerbeflächen in Regensburg.

Enteignungen als ultima ratio

Maly ist überzeugt, dass die Fußenberger Landwirte, denen die Felder vor Ort gehören, nicht verkaufen wollen. Als ultima ratio könnten Enteignungen stehen. Für Markus Kretzler, Referent für Bürgerbeteiligung und Projektkommunikation bei Tennet, sind dreht sich die Diskussion um ungelegte Eier: „Wir müssen die Standortanalyse aus der vertieften Untersuchung abwarten.“ Erst dann könne man Aussagen zur Eignung der verschiedenen Suchräume treffen. Ergebnisse werden in den kommenden Monaten erwartet.

Wie im Januar berichtet, fällt Suchraum D bei Grünthal gegenüber den Räumen A (Zeitlarn), B (Fußenberg) und C (Haslbach) ab. „Zwischen diesen drei Räumen gibt es aber noch keinen Favoriten.“ Einwände und Hinweise vonseiten der Bevölkerung werden laut Kretzler gesammelt. „Das berücksichtigen wir gegebenenfalls.“

Wirtin Stuber läuft Sturm

Im Gasthaus Gambachtal, einen Steinwurf von der Potenzialfläche entfernt, sammelt Sabine Stuber schon fleißig Unterschriften gegen das Umspannwerk. „Das wäre für uns fatal“, sagt die Wirtin. Bei ihr findet am Montagabend um 19 Uhr die Informations- und Gründungsveranstaltung der Bürgerinitiative statt. Stuber sieht ihre Existenz bedroht, schließlich lebt sie auch von der schönen Natur ringsum, die Spaziergänger, Radler und Reiter anzieht. „Die trinken noch ein Tasserl Kaffee oder setzen sich in den Biergarten.“ Außer der schönen Umgebung gebe es ja nicht viel in Fußenberg. „Wenn die Natur auch noch hin ist, dann ist alles aus.“

Am Mittwochnachmittag brummt das Wirtshaus vor Geschäftig- und Geselligkeit. In voller Montur des Veloclub Regensburg sitzt eine Handvoll Radfahrer vor der Wirtschaft. Ihre Touren führen sie kreuz und quer durch den Landkreis, erzählen sie. Vor der Heimkehr in die Stadt halten sie gern im Gambachtal. Noch zumindest, ohne Umspannwerk.

Drei Favoriten – die Flächen A, B und C – haben sich bei der Voruntersuchung der Potenzialräume für ein 20 Hektar großes Umspannwerk im Norden von Regensburg herauskristallisiert. - Foto: Tennet