Klosterbrauerei Weltenburg wird 975 Jahre alt – Zwischen Tradition, Braukunst und tiefer Stille

Von Andreas Loscher · 5. Mai 2025 um 19:00

Seit 975 Jahren wird nun im Kloster Weltenburg Bier gebraut. Sie gilt als älteste Klosterbrauerei der Welt. Braumeister Stephan Stanglmeier und Abt Thomas Maria Freihart geben Einblicke in die Braukunst und warum Bier zum klösterlichen Selbstverständnis gehört.

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„Am liebsten sind mir die Wintermorgen.“ Braumeister Stephan Stanglmeier zögert keine Sekunde, als er nach dem schönsten Moment seines Berufs gefragt wird. Eine Antwort, die überrascht – zumindest an einem warmen Frühlingstag, an dem sich der Biergarten des Klosters Weltenburg füllt und Ausflügler ihre Füße in die Donau tauchen. Während ringsum Trubel herrscht, denkt der 24-Jährige an eine ganz andere Seite des Ortes: die stille, fast mystische.

Wenn er im Winter früh zur Arbeit kommt, liegt Reif auf den Blättern, erzählt der Brauer. Nebelschwaden ziehen über die Donau, hüllen das Kloster ein. Im Sudhaus erwacht der Kessel, Dampf steigt auf. Draußen gehen Patres mit Kapuzen über dem Kopf vorbei. Durch beschlagene Fenster schauen sie nach innen – fast andächtig. „Diese Stille, diese Stimmung beim Brauen ist magisch.“

Die Beständigkeit am Ort

Heute leben noch sieben Mönche im Kloster. Einer von ihnen ist Abt Thomas Maria Freihart, der seit 1998 die Benediktiner-Abtei leitet. Für ihn ist das Bier untrennbar mit der klösterlichen Identität verbunden – auch wenn die Benediktsregel darüber kein Wort verliert. „Sie wurde ja in Italien geschrieben, da gab’s nur Wein“, sagt er und schmunzelt. In den nördlicheren Regionen aber sei Bier aus ganz praktischen Gründen gebraut worden: „Es war hygienisch, nahrhaft – ein ideales Getränk zur Selbstversorgung.“

Der Spruch „Flüssiges bricht Fasten nicht“ ist nicht nur geflügeltes Wort, sondern war gelebte Realität. Auch heute noch lassen sich die Mönche ihr Bier schmecken. „Aber wie schon der Heilige Benedikt schrieb: nicht bis zur Übersättigung“, sagt der Abt. Das Fastenbier sei der letzte Sud vor dem Frühling gewesen – besonders stark, damit es länger haltbar war. Denn Kühlen war mühsam: Eis wurde im Winter gebrochen und in Kellern gelagert. Durch den hohen Alkoholgehalt, blieb das Bier länger genießbar. „Benedikt schrieb auch, dass im Kloster alles Notwendige vorhanden sein soll: Wasser, Mühle, Garten, Handwerk. Das Bier gehört dazu.“ Es sei Ausdruck der benediktinischen Stabilitas loci – der Beständigkeit am Ort, wirtschaftlich wie spirituell. „Wir werden nicht versetzt. Wir bleiben hier. Ein Leben lang.“

Seit dem Jahr 1050 ist das Bierbrauen in Weltenburg urkundlich belegt – durch eine Lieferung von Malz aus einem Dorf bei Riedenburg. Vermutlich wurde schon früher gebraut, schließlich entstand die Benediktinerabtei bereits im 7. Jahrhundert durch iro-schottische Wandermönche. Das 975-jährige Jubiläum ist daher vor allem ein symbolischer Meilenstein – aber ein eindrucksvoller. Heute wirbt Weltenburg selbstbewusst mit dem Titel der „ältesten Klosterbrauerei der Welt“.

Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Die Antwort beginnt im Sudhaus. Dort, wo es zischt, dampft und nach Getreide duftet, braut Stanglmeier mit seinem Lehrling fast täglich Bier. Viel Technik ist im Spiel, doch das Brauen bleibt Handwerk. „Wir Brauer sagen manchmal, nicht ganz ernst gemeint: Beim Kesselputzen sind wir gut bezahlte Putzfrauen“, sagt Stanglmeier und lacht. Dann wird er ernst: „Aber wenn’s nicht sauber ist, dann schmeckt’s halt nicht.“

Viele Auszeichnungen

Dass das Weltenburger Bier schmeckt, zeigen zahlreiche Auszeichnungen – besonders für das „Barock Dunkel“. Der Schlüssel liege im Detail, sagt Stanglmeier: regionale Rohstoffe, ein aufwändiges Verfahren mit zwei Kochmaischen, Malz aus Bayern, Hopfen aus der Hallertau, sehr hartes Wasser aus dem 80 Meter tiefen Brunnen. Und vor allem: Geduld. „Wir lassen unser Bier lange und kalt gären.“ Sieben Tage im Bottich, dann reift es in riesigen Felsenkeller-Tanks mit 360 Hektolitern Fassungsvermögen. „Das dauert, aber der Geschmack ist runder.“ Das Bier wird alle zwei Wochen mit Tanklastern nach Regensburg gebracht, wo die Abfüllung erfolgt.

Dass es das Weltenburger Bier heute noch gibt, ist nicht selbstverständlich. 1803 wurde das Kloster säkularisiert, die Brauerei privatisiert. Erst 1846, mit der Wiedergründung der Abtei, kam sie zurück in klösterlichen Besitz. Bruder Konrad Graml, der letzte Mönch am Sudkessel, starb jung, 1953. Seit 1973 wird die Brauerei durch die Regensburger Bischofshof geführt. In 25 Jahren steht das nächste Jubiläum an: Dann wird in Weltenburg seit einem Jahrtausend Bier gebraut.