Flucht in die Freiheit: Warum eine Chamer Gynäkologin nun eine Privatpraxis in Stadellohe führt

Von Christoph Klöckner · 5. Mai 2025 um 05:00

Ein Eintrag von 2021 auf dem Gesundheitsportal Sanego gibt Hinweise darauf, warum Dr. Silvia Fleischmann nicht nur umgezogen ist, sondern warum sie aus der kassenärztlichen auch gleich eine Privatpraxis im Chamer Ortsteil Stadellohe gemacht hat. Dort steht als Hinweis für Patienten: Wartezeit auf einen Termin 88 Tage, Warten im Wartezimmer 86 Minuten. „Und seitdem ist es noch schlimmer geworden!“, sagt die Gynäkologin.

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Kein Wunder, könnte man meinen, wenn man ihre Praxisgeschichte hört. Die startete in der Chamer Frauenarztpraxis vor gut 18 Jahren mit einem Gynäkologen-Quartett, wurde dann mit der Zeit zum Duett geschrumpft und am Ende gab Dr. Silvia Fleischmann nur noch ein Solo in der Kassenarztpraxis – mit steigenden Patientenzahlen.

Mangel an Medizinern

Es sei kein Kollege nachgekommen, habe sich keiner gefunden, der in der Praxis mitmachen wollte. Und selbst Medizinische Versorgungszentren (MVZ), die schon einmal gern Sitze aufkaufen, hätten abgewunken, weil sie keine Fachärzte mehr fänden, um die Sitze zu besetzen, sagt Dr. Fleischmann.

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Allein auf weiter Praxisflur sei die Patientenflut nicht zu schaffen gewesen, ohne einen eigenen Burnout zu riskieren, sagt sie. Und ein solches Arbeiten lag auch im medizinischen Sinne der Fachärztin, wie sie erläutert – sie wolle keine Massenabfertigung in kürzester Behandlungszeit, zudem gehe es auch um beste medizinische Qualität, die bei wenigen Minuten im Behandlungszimmer manchmal schwierig umzusetzen sei.

Daher zog die gebürtige Furtherin die Reißleine und wagte nach eigener Risikoberechnung den Schritt zur Privatpraxis: „Das war eine Flucht nach vorn!“ Zunächst habe sie versucht, die Praxis an der Ludwigstraße zu verkleinern, was mehr schlecht als recht gelungen sei. Dann sei sie auf das neue Gebäude von Bauherr Daniel Marchl vor den Stadttoren in Stadellohe gestoßen – „ich habe gerade noch die passenden Räume bekommen können!“

Kein Wartezimmer nötig

Und viel braucht sie nicht in ihrer Privatpraxis – zwei Behandlungsräume, ein Empfangsbereich, Toilette und zwei Privaträume. Und das Wartezimmer? Fehlanzeige. Es gibt nur neben dem Eingang einen Wartebereich – zwei Stühle. „Unsere Wartezeit liegt ja heute höchstens bei fünf Minuten“, sagt sie. Dafür brauche man kein Wartezimmer. Und die Wartezeit für einen Termin?

Das gehe innerhalb eines Tages, so die Ärztin. Ansonsten bietet sie das volle Programm einer Gynäkologischen Praxis, von der Schwangerschaftsbegleitung, Krebsvor- wie -nachsorge, über das Angebot zur Zweitmeinung, Beratung zu Verhütung oder bei Schmerzen bis zu kleinen Eingriffe. Größere, ambulante Operationen mache sie nicht mehr – dafür sei der Zeitwand zu hoch. Für jeden Patient ständen jetzt 30 Minuten zur Verfügung – wenn nötig würden es auch mehr.

Mit der Reduzierung aufs Praxiswesentliche habe sie sich auch vom Team trennen müssen, was weh getan habe. „Wir sind nur noch zu zweit“, mehr sei nicht nötig in den wenigen Räumen. Seit Mitte April ist nun an dem neuen Ort in neuen Räumen – und hat den Umzug nicht bereut, zudem in neue Geräte investiert. Nur die Beschilderung für den Weg zur Praxis, die im hinteren Haus liegt, müsse noch nachgebessert werden, findet. „Ansonsten bin ich sehr zufrieden, wie es angelaufen ist!“, sagt sie.

Etwa ein Drittel der bisherigen Kassenpatienten haben den Umzug mitgemacht – „und sind überrascht, dass die Behandlungskosten gar nicht so hoch sind, wie sie erwartet haben.“ Alles sei transparent, gehe nach der ärztlichen Gebührenordnung – schon bei der Anmeldung könne man erfahren, was man als Kassenpatient zahlen müsse. Wer heute zum Kassenarzt gehe und etwas außer der Reihe wolle, müsse auch selbst dafür zahlen. Dazu kämen die Privatpatienten, von denen es auch genug im Landkreis gebe.

Befreit von Bürokratie

Die übrigen zwei Drittel seien böse oder traurig, weil sie diesen Weg eingeschlagen habe. Sie verstehe das. Doch aus ihrer Sicht war das der einzige Weg, um die berufliche Freiheit zu erlangen, die sie sucht. Es sei eben auch eine Reaktion auf das System gewesen, in dem immer mehr Patienten auf immer weniger Kassenärzte entfallen und die Wartezeiten auf Termine und in den Praxen ins Unendliche wachsen.

Sie habe wenig Hoffnung, dass sich daran schnell etwas ändere. Denn vor zehn oder 15 Jahren habe man die Studienplätze für Medizin reduziert, um einer Schwemme von Ärzten zu begegnen. „Das jedoch heute rückgängig zu machen, ist nicht einfach“, sagt sie. Die Studienplätze könnten hochgefahren werden, doch die Plätze in den Laboren oder für den Präparierkurs, in dem an Leichen gearbeitet werde, seien begrenzt. Das Medizinstudium an sich dauere sechs Jahre, die Ausbildung zum Facharzt nochmals fünf – wer heute mehr Ärzte wolle, bekomme sie daher erst in elf Jahren, so Dr. Fleischmann.

Langer Weg zur Medizin

Ein langer Weg, den gerade auch ihre älteste Tochter beschreite, wie sie erzählt, während die zweite eher zum Studium zur Zahn- oder Tiermedizin tendiere und ihr Sohn sich zum Hörakustiker ausbilden lassen wolle. Dass es heute zu wenig Ärzte gebe, sei auch der Gesellschaftspolitik vergangener Jahre geschuldet. Denn sie als Mutter dreier Kinder habe als Kassenärztin immer Vollzeit arbeiten müssen, weil dies so festgeschrieben gewesen sei. Bei Kindern bis zu drei Jahren gab es die Vorgabe, bei einem Aussetzen aus Familiengründen eine Vertretung anzustellen. „Hatte man die nicht, musste man Strafe zahlen“, erzählt sie. Ohne ihren Mann und die Familie im Hintergrund habe das nicht funktionieren können. So sei der Beruf, den sie bis heute liebe, aus der Sicht der Familientauglichkeit in Verruf geraten.

Und noch ein wichtiger Punkt hat sie von einer Privatpraxis überzeugt. Sie sei nun von jeder Gängelung und dem Bürokratismus der Kassenärztlichen Vereinigung befreit. Die habe immer wieder Extraregeln erfunden und den niedergelassenen Kassenärzten das Leben schwer gemacht. Das habe sie nun gar nicht mehr, sei flexibel in ihrem Tun. Sie habe irgendwann alles durchgerechnet – auf der einen Seite die Kassenarztpraxis, auf der anderen die Privatpraxis. Die Kassenarztpraxis sei mit mehr Risiken behaftet gewesen, so das Fazit der Fachärztin. „Wenn ich heute sehe, wie es bei mir läuft, frage ich mich, warum ich das nicht eher gemacht habe!“, sagt sie.