Im Reich der verlorenen Dinge: Beim Fundamt Schwandorf landete sogar schon ein Rollator

Es gibt nichts, was man nicht verlieren könnte – Schlüssel etwa, die Geldbörse oder den Schal im Bus. Mitunter verschwindet sogar ein ganzer Rollator. Nicht alles, aber manches taucht wieder auf und landet zunächst beim Fundamt der Stadt Schwandorf. Zu Besuch im Reich der verlorenen Dinge.
Umständlich sperrt Marco Frimberger beim Ortstermin am Donnerstag den kleinen Raum im Keller des Rathauses auf, in dem die Stadt die Fundsachen aufbewahrt – mindestens für sechs Monate, manchmal auch bedeutend länger. Das Kruzifix etwa „ist wohl schon drei Jahre da“, sagt Frimberger, der im Schwandorfer Ordnungsamt unter anderem auch für die verlorenen Dinge zuständig ist.
Polizei brachte ein Kruzifix ins Rathaus
Bisher wurde der Gekreuzigte noch von niemand vermisst, und es ist unklar, woher er stammt. „Eine Polizeistreife hat ihn vorbeigebracht“, sagt der Mann von der Verwaltung. „Wahrscheinlich war das Kreuz an einem Marterl befestigt“, vermutet 2. Bürgermeister Andreas Wopperer (CSU), der an diesem Tag die Amtsgeschäfte führt und den kleinen Rundgang arrangiert hat.
„Es geht mir darum, das Fundamt wieder etwas mehr ins Bewusstsein zu rücken“, sagt Wopperer. „Wenn man etwas verloren hat, ist und bleibt das die erste Anlaufstelle.“ Etwa 400 Fundstücke pro Jahr landen in der städtischen Aufbewahrungsstätte. Aber nur fünf bis zehn Prozent davon werden auch wieder abgeholt, schätzt Frimberger.
Das Bermudadreieck, in dem die meisten Dinge verschwinden, ist nach seinen Worten wohl der Schulbus. Immer wieder bringen die Mitarbeiter des Busunternehmens Schmid Faszinatour kartonweise Klamotten vorbei, die die Kinder unterwegs vergessen haben – manchmal auch gleich ihren Schulranzen.
Ein Schal von der Prunksitzung der Schwandoria
„Auch nach Veranstaltungen bleibt natürlich einiges liegen“, sagt der Mann vom Ordnungsamt. Im Untergeschoss des Rathauses findet es sich wieder, wenn man denn sucht. Zum Beispiel der Einkauf vom jüngsten Mondschein-Shopping, oder der Schal, den die Schwandoria nach der Prunksitzung im Saal gefunden hat.
Besondere Schätze hat das Fundamt üblicherweise nicht zu bieten – sieht man einmal von Klassikern wie verlorenen Geldbörsen oder EC-Karten ab. Doch manchmal geht es bei den Fundsachen auch um richtig viel Geld. Eine Schwandorferin, erinnert sich Frimberger, hat einmal bei einem Disco-Besuch in Wien eine Uhr gefunden und bei der Großen Kreisstadt abgegeben. Nach aufwendiger Recherche ließ sich der Besitzer ausfindig machen – und war heilfroh, das etwa 3000 Euro teure Accessoire wieder zu bekommen.
Eine alte Nähmaschine der Marke AEG
Wer etwas findet und dem Verlierer oder Eigentümer wiederbringt, muss übrigens nicht leer ausgehen. Grundsätzlich hat der Finder laut Stefan Schamberger, dem Leiter des Schwandorfer Ordnungsamts, Anspruch auf eine Belohnung. Der Finderlohn, so steht es im BGB, beträgt bei einem Wert von bis zu 500 Euro fünf Prozent. Für alle Beträge, die darüber hinausgehen, gibt es noch drei Prozent obendrein.
Die meisten Fundstücke, die im Rathaus aufbewahrt werden, sind weniger hochpreisig. Werkzeug gibt es da zum Beispiel, einen Tretroller oder auch die Nähmaschine der Marke AEG aus der NM 525er-Serie, die laut Etikett schon seit dem 1. März 2021 auf ihren rechtmäßigen Besitzer wartet. In Pappkartons hat sich im Fundamt aber auch jede Menge Kleinkram angesammelt. Ob Stifte, Kettchen oder Ladekabel – alles wird aufgehoben.
Manche Geschichten hinter den verlorenen Dingen sind durchaus zum Schmunzeln. „Einmal“, erzählt Frimberger, „wurde sogar ein Rollator bei uns abgegeben“. Ein älterer Herr hatte mit der Gehhilfe ein Café besucht und sie dann einfach stehen lassen. Der Mann vom Fundamt weiß das deshalb, weil der Sohn des zerstreuten Seniors sich telefonisch meldete und den Rollator bei der Stadt abholte.
Fundsachen, die noch größer sind und im Rathaus selber keinen Platz haben, werden in den Bauhof ausgelagert. Meist handelt es sich um Fahrräder, die noch funktionstüchtig sind und nicht verschrottet werden müssen. Zurzeit werden in einer Halle etwa 50 Drahtesel aufbewahrt, auch ein, zwei Motorroller und ein E-Bike sind unter den Fundstücken.
Zwei, drei Fundräder pro Woche
„Pro Woche bekommen wir im Schnitt zwei, drei Räder rein“, schätzt Bauhofleiter Michael Übel. Es können aber auch mehrere Dutzend auf einen Schlag sein, wenn die Stadt mal wieder die Fahrrad-Abstellplätze am Bahnhof ausmistet. Üblicherweise sorgen die Polizei oder die Mitarbeiter von Bauhof und Ordnungsamt für Nachschub an herrenlosen Rädern. „Aber nur ganz vereinzelt wird von den Besitzern nachgefragt“, weiß Übel.
Bei der Stadt war es lange Zeit gängige Praxis, dass die Fundräder von Zeit zu Zeit versteigert wurden. Doch das ist „rechtlich kompliziert“, wie es Frimberger ausdrückt. Zuletzt wurden die herrenlosen Drahtesel nach den Worten von Bauhofleiter Übel deshalb „sozialen Zwecken zugeführt“. Doch laut Stefan Schamberger gibt es Überlegungen, die teils durchaus hochwertigen Fahrräder künftig zu verkaufen. Fundrechtlich sei das erlaubt. Und durch die Präsenz der Stadt auf Social Media gebe es dafür auch eine Plattform.
Inzwischen gibt es auch ein digitales Fundbüro
Obwohl es sich um konkrete Dinge handelt, macht die Digitalisierung auch vor den Fundsachen nicht halt. Höherwertige Objekte wie eben auch Fahrräder werden im sogenannten Fundprogramm registriert. Auf der Homepage der Stadt (unter Bürger und Stadt – Bürgerservice – Digitales Rathaus – Ordnungsamt) findet sich auch das „Fundbüro online“, in dem die Bürgerinnen und Bürger ihre Verlustmeldungen eingeben können. Diese werden anschließend mit den Bestandslisten abgeglichen.
Bei der Nutzung ist allerdings noch Luft nach oben. Bisher gehen laut Frimberger „etwa zehn Prozent der Meldungen“ bei der Stadt online ein. Die meisten Schwandorfer greifen im Fall der Fälle doch noch lieber zum Telefon.


