Die Kelheimer Notarzt-Kümmerer und ihr Blaulicht-Virus

Von Martina Hutzler · 24. April 2025 um 18:15

Gerade bei schweren Unfällen, Herzinfarkt und anderen Unglücken sind Notarzt und Notärztin am Einsatzort lebensrettend. Ein System, das in Kelheim seit Jahrzehnten rund um die Uhr geräusch- und fast lückenlos klappt. Darum kümmert sich ein Trio, das fürs Helfen „brennt“.

Dass es für die Kelheimer Notarztgruppe das Amt des Sprechers gibt, „hab‘ ich viele Jahre gar nicht gewusst“, blendet Edward Antczak schmunzelnd zurück. Er hatte, um 1990 herum, halt einfach angefangen, sich um die Besetzung der Dienst-Schichten in der Region Kelheim zu kümmern. Mit solcher Leidenschaft und Hartnäckigkeit, dass es – „mal nachdenken….“ – Weihnachten 2019 oder 2020 wurde, bis die erste Nachtschicht überhaupt unbesetzt blieb. „Furchtbar war das!“ für Antczak, auch wenn er später feststellte, dass in anderen Regionen schon lange zuvor und öfter Schichten unbesetzt geblieben waren. Bis heute schafft Kelheim tatsächlich fast eine 100-prozentige Besetzung der Dienste.

Der „Kümmerer“ der Kelheimer Notärzteschaft ist Edward Antczak geblieben bis zum Jahr 2024, in dem er auch 70. gefeiert hat. Dann fand er zwei Kolleginnen mit derselben Krankheit, die er hat: das „Blaulicht-Virus“. Sie scheint chronisch zu sein. Denn auch wenn der „Tschak“, wie Antczak in Einsatzkreisen kurz genannt wird, nicht mehr Gruppensprecher ist: Als Notarzt fährt er weiter; die Bandbreite der Fälle und vor allem der Hilfsmöglichkeiten vor Ort fasziniert ihn unverändert; auch nach geschätzt wohl an die 10.000 Einsätzen. Auch diese Faszination teilt er mit seinen Nachfolgerinnen Susanne Zhu und Dagmar Steffling.

Es gibt eine Klinik- und eine „Freizeit“-Gruppe

Die beiden promovierten Medizinerinnen koordinieren Kelheim nun zu zweit. Denn die 24/7-Besetzung des Notarztdienstes gewährleisten (wie vielerorts) am Standort Kelheim sowohl das örtliche Krankenhaus als auch Mediziner/innen, die in ihrer Freizeit Schichten übernehmen. Edward Antczak, beruflich Klinik-Arzt und in der Freizeit (Leitender) Notarzt, praktizierte und koordinierte beides in Personalunion.

Jetzt ist Susanne Zhu die Sprecherin der Notarzt-Gruppe „Klinik“ am Kelheimer Krankenhaus St. Lukas. Und Dagmar Steffling, hauptberuflich Leiterin der Notaufnahme am Regensburger Bezirksklinikum und seit vielen Jahren zusätzlich als Notärztin tätig, leitet die Kelheimer „Freizeit-Gruppe“. Den Namen findet sie unglücklich – mit Freizeit hat’s wenig zu tun, 12 oder gar 24 Stunden lang einsatzbereit am Standort zu warten und im Ernstfall von Null auf Hundert hochzufahren. Wobei die „ernsten“ Ernstfälle eher rückläufig sind.

Weil das Gesundheitssystem so verwirrend geworden ist, wissen viele in einer Notsituation nicht mehr, wer sie auffangen könnte. Und dann wählen sie eben die 112.

Dr. Dagmar Steffling, Notärztin

In vielen Bereichen zeigen Präventionsbemühungen Wirkung: angefangen von Autos, die selbst schwere Crashs glimpflich enden lassen, über Unfallverhütung am Arbeitsplatz bis zu gestiegenem Gesundheitsbewusstsein im Privaten. Zugenommen haben zwar die „leichteren“ Fälle: Wenn Menschen im Gesundheitssystem nicht die richtige Anlaufstelle finden oder wenn sie ungeduldig sind, wählen sie schneller als früher die 112, beobachtet Dagmar Steffling.

Abseits vom Einsatzort mal ganz entspannt: Dagmar Steffling und Edward Antczak beim Gespräch in unserer Redaktion - Foto: Hutzler

Aber trotzdem warten Kelheims Notärzte auf Einsätze immer länger, hat Statistik-Freak Antczak ausgerechnet: 2024 kamen rund fünf Stunden Bereitschaft 2024 auf einen Einsatz; in den Jahren waren es vier. So erfreulich der Rückgang von Notfällen ist – er könnte das Notarzt-System ins Wanken bringen; zusammen mit der neuen „blackbox“ Tele-Notarzt“. Der werde zwar definitiv die Qualität des präklinischen Versorgung weiter verbessern, sind sich Antczak und Steffling einig.

Grundsätzlich ist der Tele-Notarzt auf jeden Fall eine gute Sache“

Edward Antczak, Notarzt

Aber wie schon der Ausbau und die Aufwertung der Rettungsdienst-Ausbildung, dürfte auch die Verfügbarkeit von Tele-Notärzten dazu führen, dass die Kriterien für die Alarmierung des „echten“ Notarztes angehoben werden.

Wirtschaftlich gut fürs Gesundheitssystem – aber für Notärzte werden Dienste finanziell unattraktiver; zumal in Regionen mit geringer Einsatzfrequenz. Damit drohen dann doch Lücken in der Besetzung. Denn bei allem Engagement sei der finanzielle Anreiz schon auch wichtig, sagt Dagmar Steffling und verweist auf die aufwendige Aus- und Weiterbildung.

Viel Einsatz vorm Einsatz

Für die erforderliche Zusatzqualifikation „Notfallmedizin“ müssen Anwärter einen 80-stündigen Kurs absolvieren, bei 50 „lebensrettenden Einsätzen“ mit dabei gewesen sein und eine Prüfung bestehen – und all dies selbst finanzieren. Auch danach ist stetige Fortbildung wichtig. Warum man sich das überhaupt „antut“? Bei Dagmar Steffling waren irgendwie wir schuld.

Per Zeitungslektüre zum Traumberuf

Genervt vom elterlichen Drängen, sie möge ihren Berufsweg planen, schlug sie einst als Schülerin die Zeitung auf, las einen Bericht über Rettungsassistenten und erklärte: „Das will ich werden!“ Wurde sie dann auch und ist seither dem Rettungswesen „verfallen“, blieb während und nach dem Medizinstudium immer aktiv. Seit sie Notärztin ist, kann sich die 45-Jährige an kein Weihnachtsfest ohne wenigstens eine Schicht erinnern. „Aber daran gewöhnt man sich“, erzählt sie im Gespräch, zu dem immerhin sie und Edward Antczak zeitgleich in die Redaktion kommen konnten – ein Termin, an dem alle drei Zeit gehabt hätten, erwies sich als utopisch...

Dr. Susanne Zhu ist Sprecherin der "Klinik-Gruppe" der Kelheimer Notärzte. - Foto: E. Antczak

„Da liegt jemand und braucht Hilfe – also hilft man!“, so beschreibt Steffling ihre Motivation. Dass der Erfolg dieser Hilfe steigt, dank wachsender Erfahrung, aber auch dank Improvisationstalent bei ungewöhnlichen Szenarien – umso besser. Und selbst wenn viele Fälle glimpflich verlaufen: „Es ist immer auch ein kleiner Anteil an Patienten dabei, die es ohne uns nicht mehr bis in die Klinik schaffen würden.“