Kurz vor Kriegsende wurde Neustadt zu 70 Prozent zerstört

Von Jochen Dannenberg · 25. April 2025 um 09:37

80 ist es an diesem Wochenende her, der Zweite Weltkrieg war fast zu Ende, die Reichshauptstadt Berlin nahezu vollständig von russischen Truppen erobert – da geriet Neustadt a.d. Donau noch zwischen die Fronten. 70 Prozent der Stadt wurden dabei zerstört. Neben etlichen Soldaten verloren auch 28 Zivilisten ihr Leben. Daran erinnern mehrere Gedenkveranstaltungen am Sonntag.

Es ist eine kurze Mitteilung der Stadt, mit der das Gedenken zum Geschehen Ende April 1945 in Neustadt a.d. Donau hingewiesen wird. „Rund zwei Wochen vor der offiziellen Kapitulation Deutschlands, am 8. Mai 1945, marschierten amerikanische Truppen in Neustadt ein und markierten damit das Kriegsende für die Region“, heißt es dazu einleitend. „Aus diesem Anlass lädt die Stadt zu einer Gedenkveranstaltung ein, die um 18 Uhr mit einer ökumenischen Andacht in der Pfarrkirche St. Laurentius und einer Ansprache des Ersten Bürgermeisters Thomas Memmel beginnt.“ Anschließend findet gemeinsam mit den Neustädter Kriegervereinen ein Gedenkzug zum Kriegerdenkmal und eine Kranzniederlegung statt. Den Abschluss bildet gegen 19.15 Uhr ein Vortrag im Kulturhaus Storchenwirt: Der ehemalige Stadtarchivar Anton Metzger und der frühere zweite Bürgermeister Gottfried Beck beleuchten den historischen Ablauf des Kriegsendes und seine Auswirkungen auf Neustadt. Bereits am Donnerstag wurde der Film „Zeitzeugen-Interviews nach Kriegsende“ von Ludwig Reng sen. im Storchenwirt gezeigt.

Was bei Kriegsende geschah, beschäftigt die Menschen noch heute. Auch wenn es inzwischen nur noch wenige gibt, die die Ereignisse hautnah miterlebt haben, sind die Ereignisse, die sich Ende April in Neustadt a.d. Donau ereignet haben, immer noch verstörend. Vorträge von Anton Metzger werden deshalb regelmäßig von vielen Neustädtern besucht. Bisweilen haben ihm mehrere hundert Einwohner zugehört.

„Vom 26. bis 28. April 1945 versuchten deutsche SS-Einheiten, den Donauübergang der Amerikaner zu verhindern“, erinnert der frühere Stadtarchivar. „Bereits im Vorfeld der eigentlichen Kampfhandlungen sprengten SS-Einheiten die Donaubrücke. Während der Kampfhandlungen wurde Neustadt durch amerikanischen Artilleriebeschuss und Tieffliegerangriffe zu 70 Prozent zerstört.“ „Ganz Neustadt war ein Flammenmeer“, erinnerte sich Jakob Dietrich in den Zeitzeugeninterviews, die Ludwig Reng sen. vor acht Jahren aufgezeichnet hat. Für ihn sei dies das „schlimmste Erlebnis“ gewesen, sagte Jakob Dietrich. „Das kann man nicht erzählen.“ Auch Napalm soll von den US-Streitkräften bei der Zerstörung Neustadts eingesetzt worden sein, erzählten später immer wieder Einheimische.

Am 29. April besetzt

Zahlreiche Bürger flüchteten nach Bad Gögging und Ulrain. 28 Zivilisten verloren während der Kämpfe um Neustadt und den Donauübergang ihr Leben. Einer der Zivilisten, die damals ums Leben kamen, ist Cornelius Smulders. Mit einer weißen Fahne in der Hand wollte er beim Näherrücken der amerikanischen Streitkräfte weitere Zerstörungen verhindern. Er bezahlte diesen Versuch mit dem Leben: Angehörige einer SS-Einheit, die in Neustadt a.d. Donau stationiert war, erschossen Smulders. Dennoch wurde die Kleinstadt am 29. April von US-Truppen besetzt. In den drei Tagen vor der Besetzung hatte die Stadt eine der schlimmsten Phasen ihrer Geschichte erlebt.

Auch die Pfarrkirche St. Laurentius wurde bei den Zerstörungen in Neustadt a.d. Donau schwer beschädigt. Vom Kirchturm blieben nur zwei Außenwände erhalten. - Foto: Sammlung Anton Metzger

„Normal“ war das Leben in Neustadt a.d. Donau dabei zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Kriegsgefangene und Frauen hielten die Wirtschaft am Laufen. „Die Landwirtschaft wurde nur noch von Frauen, alten Männern und Halbwüchsigen notdürftig verrichtet. Im Verlauf des Krieges erhielten einige Höfe gefangene Franzosen als Helfer“, erzählt Udo Kinner in seinem Buch „Verbrannte Stadt“. Das Kriegsende führte außerdem zu einem ungeheuren Bevölkerungszuwachs in der Region. In den ersten Monaten 1945 kamen über 25 000 Menschen – vorwiegend aus den deutschen Ostgebieten – in den Landkreis. „Über 500 Flüchtlinge befanden sich bei Kriegsende in Neustadt, ein Viertel der Vorkriegs-Bevölkerung. Zugleich war die Hälfte des Wohnraums total zerstört, ein weiteres Viertel beschädigt“, weiß Udo Kinner. In Irnsing wurden Wohnungen für Flüchtlinge beschlagnahmt.

Schlimm erwischte es im April 1945 auch den Ortsteil Wöhr. Hier hatten deutsche Soldaten kurz vor Kriegsende Maschinengewehrstellungen eingerichtet, um über die Donau in Richtung der anrückenden Amerikaner schießen zu können. Albertine Schlott war damals acht Jahre alt, ihr Vater betrieb ein Wirtshaus neben der Flussmeisterstelle. Sie erzählte: „Die Soldaten schliefen bei uns in der Wirtsstuben. Das waren lauter junge Burschen. Da war Stroh gestreut worden, das diente als Unterlage.“ Schon seit Monaten beherrschten feindliche Flugzeuge den Himmel über Bayern, die US-Armee rückte immer näher.

Vor allem die Innenstadt wurde bei den Kämpfen kurz vor Kriegsende schwer beschädigt. Die Aufnahme zeigt links das Attenberger-Anwesen an der Herzog-Ludwig-Straße. - Foto: Sammlung Anton Metzger

Die Schanzarbeiten in Wöhr und die ganzen Schießereien waren vergeblich. Nach ein paar Tagen war auch Neustadt besetzt worden. Zugleich waren die deutschen Truppen Ende April 1945 verschwunden. Das Grauen für die Wöhrer war damit aber nicht vorbei. „Die Amerikaner haben in jedes Haus mit einer Panzerfaust reingeschossen“, sagte Albertine Schlott in dieser Zeitung vor fünf Jahren. „Nur bei einem nicht, da hatten die Leute eine weiße Fahne gehisst.“ Etliche Wöhrer hatten sich in einem Erdkeller versteckt, der zu einem behelfsmäßigen Bunker umgebaut worden war. Hier schossen die GIs rein, es gab weitere Tote und Verletzte. Wöhr sah anschließend aus wie ein Schlachtfeld.

Die Toten wurden auf Karren gesammelt und abtransportiert. „Ich bin mit einer Freundin hin, wir haben uns die Toten angesehen.“ War das nicht gruselig? „Wir waren Kinder“, sagte Albertine Schlott. So wenig sich die Neustädterin Jahrzehnte später an Einzelheiten erinnern konnte, so sehr wusste sie noch, wie ihre ersten Kontakte mit den Eroberern waren. Sie müssen eine Überraschung gewesen sein. „Da haben wir von denen so viele Süßigkeiten gekriegt, die haben wir damals gar nicht gekannt“, sagte Albertine Schlott.

Bürgermeister verhaftet

Und die Verantwortlichen? Einer, der Verantwortung trug, war Wilhelm Depmeier, NSDAP-Mitglied und Neustädter Bürgermeister von 1935 bis 1945. Er wurde unmittelbar nach Kriegsende von den Alliierten verhaftet und zu einer Haftstrafe verurteilt. „Als Grund für seine Verhaftung wurde seine Mitgliedschaft bei der NSDAP und seine Tätigkeit als Ortsgruppenleiter angegeben“, hat Anton Metzger herausgefunden. Im Entnazifierungsverfahren 1948 sagten 21 Zeugen aus Neustadt a.d. Donau aus. Im Urteil wurde u.a. die bereits verbüßte Haft angerechnet und ein Teil seines Vermögens eingezogen. 1951 zog Depmeier nach Waltenhofen im Allgäu. 1976 ist er in einem Seniorenheim in Altusried gestorben.

Gottfried Beck, einst zweiter Bürgermeister von Neustadt a.d. Donau, wird auch am Sonntag sprechen. Er will auf die Bedeutung des 8. Mai 1945, dem Tag hinweisen, an dem die Waffen in Europa nach fast sechs Jahren Krieg endlich schwiegen. Er sagt: „Der 8. Mai 1945 ist kein Tag der Trauer, sondern ein Tag der Freude.“ Damit bezieht er sich auf die Rede des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Der hatte 1985 festgestellt, der 8. Mai stehe für die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Insofern, meint Gottfried Beck, gebe es keine „Stunde Null“, aber einen Wiederaufbau.