Neutraublings Bürgerzentrum wird saniert: Architekt fürchtet „Verschandelung“

Neutraubling steht ein neues Großprojekt bevor: Ab Juni werden Rathaus und Stadthalle für rund 30 Millionen Euro saniert. Der ursprüngliche Architekt des Bürgerzentrums fürchtet, dass das Erscheindungsbild des ganzen Ensembles darunter leidet.
Der Neubau des Bürgerzentrums vor 40 Jahren hatte 16 Millionen Mark gekostet – aber alles inklusive, mit Einrichtung und Außenanlagen. Der Regensburger Architekt Josef Winkler setzte sich damals mit seinem Entwurf durch. Das Modell hat der heute 89-Jährige noch immer. Der Architekt befürchtet, dass der Gesamtcharakter des Bürgerzentrums durch die geplanten Umbauten „verschandelt“ wird. Teuer findet er das Ganze obendrein. „Man fragt sich, wo die hohen Kosten herkommen.“
Winkler hat sich für den Entwurf des Bürgerzentrums von Siena inspirieren lassen. Die Stadt in der Toskana hat im Zentrum einen halbrunden, abgesenkten Platz, der dicht von Häusern umgeben ist. Diese Idee hat der Architekt auf Neutraubling weiterentwickelt und den Platz zwischen Rathaus und Stadthalle abgeschrägt und abgesenkt. Dadurch holte er das alte Ziegelgewölbe des ehemaligen Offizierskasinos aus dem Erdreich ans Licht und ermöglichte so einen ebenerdigen Zugang zum heutigen Ratskeller. „Das Ziel war, ein Zentrum zu schaffen.“ Zugleich wollte Winkler mit seinem räumlichen Gestaltungskonzept einen Kontrapunkt zum bestehenden Ortsbild setzen, das vom ehemaligen Flugplatz geprägt ist. „Nicht wieder Stangerlarchitektur“, so der Architekt. Zentrales Element am Rathausplatz ist der Brunnen, „meine Lieblingsstelle“, so Winkler. Von den Büros im Rathaus fällt der Blick darauf. Die Stele im Brunnen erinnert an die Gründergeneration Neutraublings.

Rote Ziegeldächer
Zur Reminiszenz an Siena gehören für Winkler auch zwingend die roten Ziegeldächer als Kontrast zu den dunklen Fenstern und Brüstungsflächen des Bürgerzentrums. „Die roten Dächer sind bedeutend.“ Diese sollen im Zuge der Sanierung von PV-Anlagen mit dunklen Standard-Aufdach-Modulen verdeckt werden. „Das tut der Optik weh, rote Dächer wirken ganz anders.“
Der Stadtrat hatte sich gegen Solar-Dachziegel entschieden. Diese hätten einen Aufpreis von 487 000 Euro bedeutet. Sparen würde Winkler lieber an anderer Stelle: der geplanten Verbindung zwischen Rathaus und Stadthalle. Rund 350 000 Euro soll der Übergang kosten. Winkler gefällt er nicht, weil dadurch der in seinen Augen dringend nötige Freiraum zwischen Stadthalle und Rathaus eingeschränkt wird. „Da gehört ein Abstand hin.“ Sonst werde das Erscheinungsbild des Bürgerzentrums „erheblich abgewertet“. Vor allem weil die geplante Aufstockung über dem Ratskeller – hier soll ein Konferenzbereich entstehen – und die neuen Aufbauten am Rathaus – ein bisher ebenerdiger Gebäudeteil bekommt zwei weitere Stockwerke – den Raum ohnehin stark verengten.
Während Winkler bei den Aufstockungen noch mitgeht, lehnt er ein anderes Vorhaben ab: eine Außentreppe, die als Fluchtweg aus dem Sitzungssaal des Rathauses dienen soll. „Ein solch mächtiger Baukörper würde die Außenansicht des Gebäudes verschandeln.“. Er plädiert für andere Optionen wie mobile Rutschen. „Der Höhenunterschied vom Ratssaal zur Straße beträgt nur 4,63 Meter.“
Ich habe mir jeden Zentimeter genau überlegt.“
Josef Winkler, Architekt des Neutraublinger Bürgerzentrums
Ein Dorn im Auge ist dem Architekten überdies die geplante Erweiterung des Toilettenanlage in der Stadthalle. Deren Eingangsbereich werde dadurch eingeengt, Wände müssten versetzt werden. „Rumreißen im Bestand kostet einen Haufen Geld“, warnt Winkler. Er habe der Stadt einen anderen Vorschlag gemacht, der trotz neuer Behinderten-WCs günstiger sei als der geplante Umbau. Konstruktionsveränderungen führten zu Qualitätseinbußen und sollten vermieden werden, meint Winkler. Das spare neben erheblichen Kosten auch Bauzeit.
Im Mai 1981 hatte Neutraubling den Architektenwettbewerb für das Bürgerzentrum ausgeschrieben, im Juni 1986 waren Rathaus und Stadthalle fertig. „Alle waren damals hochzufrieden“, erinnert sich Winkler. „Auch ich war froh und glücklich.“ Winkler hat der Stadt seine Bedenken mitgeteilt und andere Lösungen aufgezeigt, sogar mit Hilfe seiner Tochter, die auch Architektin ist, im vergangenen Juli ein detaillierte Planungsmappe im Rathaus abgegeben. „Ich vermisse eine Reaktion.“ Mehrmals habe er nachgefragt, ohne Erfolg. Über Beschlüsse sei er nicht informiert worden.

„Ins Gewissen reden“
Dabei wolle er in keiner Weise in Wettbewerb zu den aktuell beauftragten Architekten treten, stellt Winkler klar. Er erhebe keinen Anspruch auf einen Ausführungsauftrag. „Ich sehe mich als Ratgeber.“ Es gehe darum, „das Ganze nicht kaputt zu machen“. Schließlich gehöre jeder Entwurf für ihn „zur Familie“. Er wolle den Verantwortlichen „ins Gewissen reden“, keine Unruhe stiften. Er wolle auch keinen juristischen Streit über sein Urheberrecht führen, betont Winkler. Er hätte sich aber über eine Einladung in den Stadtrat gefreut, um seine Sicht vorzustellen. „So würde sich das gehören.“ Zwar sei er gebeten worden, einen Blick auf die Pläne zu werfen. „Dafür habe ich mich auch bedankt.“ Nur habe es keinen „Widerhall“ auf seine Bedenken und Vorschläge gegeben. Ein „offener Dialog“ sei aber vor großer Bedeutung. Man hätte vieles vermeiden können, auch Kosten, ist Winkler überzeugt. „Wenn es am Ende so kommt, wie es jetzt geplant ist, ist die Sanierung daneben gegangen.“
