Gute Prognose für Chams Bauern zum Abschied: Der Kampf ums weiße Gold wächst

Für seinen Nachfolger im Amt hat er zum Abschied einen päpstlichen Ratschlag zur Hand: „Nimm dich nicht so wichtig!“ Das schütze und erde einen und bringe Zufriedenheit im Job. Für Heribert Semmler, dessen erste Wahl als junger Betriebswirt nach dem Studium nicht Cham gewesen wäre, hat das gut funktioniert. Er hat es bis zum Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gebracht.
Und das habe er sich nie gedacht, dass er einmal hier auf dem Chefstuhl sitzt, den er nun zum 1. Mai weiterreicht. Vor sechs Jahren, nach Jahrzehnten in der Förderabteilung des Amtes – „da bist du ein Getriebener, da hast du keine Visionen“ – hat er das Zimmer 101 in Beschlag genommen. Große Visionen hat er da auch nicht im Kopf gehabt, sagt er. Vielmehr sei ihm das Arbeitsklima am Herz gelegen.
Nicht im Weg stehen
„Man sollte als Chef nicht im Wege stehen, vielmehr die Rahmenbedingungen so gestalten, dass alle gut und entspannt ihre Arbeit machen können!“, führt Semmler aus. Das habe er getan – „der Laden ist gut weitergelaufen!“ Man solle die Menschen nicht blockieren, weder als Chef, noch durch Bürokratiemonster, denen es möglichst umgehend an den Kragen gehen sollte. Die seien gerade in der Landwirtschaft extrem.
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„Wenn Bauer Huber mit dem Schlepper aufs Feld fährt, muss er immer wissen, was er genau tut und welche Regelung da infrage kommt.“ Dass es manchem Landwirt zu viel geworden sei, hätten die Bauernproteste gezeigt, die seiner Meinung nach auch in der Politik angekommen seien. Die Unzufriedenheit der Bauern spiegele sich auch in der Zahl der geringeren Auszubildenden in Cham wider. Als Amtschef gelte es, nach außen Stellung zu beziehen und auch Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie auszufechten.
Und noch etwas brennt ihm auf den Nägeln, eine Warnung, die nicht nur an seinen Nachfolger geht, sondern auch an die Chamer Politik: Man sollte auf die Landwirtschaftsschule aufpassen, fordert er. Nur noch Weiden und Cham haben die jüngste Reform des Ministeriums überlebt. Doch Cham sei von der Lage her ein schwieriger Standort, da das Hinterland fehle. Die Folge sei sichtbar: Nur noch alle zwei Jahre startet ein neuer Ausbildungsgang zur Landwirtschaft. Breche jedoch die Schule weg, würden die Strukturen insgesamt leiden, ist er sich sicher.
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Doch moderne Landwirtschaft brauche beste Bildung, um dem zu begegnen, was kommt. Die Landwirtschaft der Zukunft stehe auch im Landkreis vor großen Aufgaben. Das Klima wandele sich – auch, wenn es mancher nicht wahrhaben wolle: „Ich wundere mich sowieso, dass die Erde das solange ausgehalten hat!“ Die Sommer etwa würden heißer – „Bewässerung ist aber keine Option!“
Die Zahl der Höfe werde schrumpfen, und die Flächen, die bisher von den übrigen Betrieben weiterbewirtschaftet würden, würden brach liegen blieben. „Was passiert dann mit dem Grünland, das die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen ausmacht?“, fragt er sich. Oder auch, ob statt der aktuellen besten Klimapflanze auf Chams Feldern, dem Mais, dann die Hirse aufhole. Aktuell seien Rinderpreise auf Rekordhöhe, ebenso Milch. Und gerade würden sich die Chamer Landwirte gegenseitig bei den Pachtpreisen überbieten – auch dort, wo die Böden es nicht hergeben würden. Die höchsten Pachtpreise würden aktuell in Rötz, Schönthal, Neukirchen b. Hl.Blut, Eschlkam oder auch Furth im Wald gezahlt. Dieser Run auf die Flächen zeige auch aus Landwirte-Sicht die Einstellung: Ich will noch!
Kampf um die Milch
Schaue er auf den Bereich Milch, so mache das auch Sinn – denn die werde immer wertvoller. In absehbarer Zeit würden 400 Anbindehalter im Landkreis aufhören – deren Milchmenge könne jedoch von den übrigen nicht erbracht werden. „Das heißt: Die Milchmenge fehlt!“ Schon jetzt gebe es einen Kampf um diesen Rohstoff. Man sehe diverse Milchwagen verschiedener Molkereien umherfahren, auch auf den Autobahnen, denn auch Tschechien als Lieferant sei abgegrast, sagt Semmler. Um als Landwirt leben und überleben zu können, seien früher 60/70 Milchkühe nötig gewesen, heute brauche man 110/120 Tiere und zwei Melkroboter im Stall. Und natürlich einen Computer – „ohne den geht nichts!“
Viel geplant für seinen Ruhestand hat Heribert Semmler nicht. Er, der einmal den Wunsch hatte, Medizin zu studieren, hat keinen Hof zuhause in Roding. Dort wird er vermutlich auch dem weisen Papstwort folgen, sich nicht zu wichtig zu nehmen.
