Was die Proteste der Landwirte in Cham bewirkt haben: Mehr Vertrauen statt Kontrolle

Heribert Semmler begeht in diesem Jahr gleich zwei Jubiläen – vor 25 Jahren kam er aus Neumarkt ans Landwirtschaftsamt in Cham und seit fünf Jahren ist er nun Chef dieser Behörde, die heute Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten heißt. 2025 verabschiedet sich der heute 64-Jährige in den Ruhestand – und, dass er das noch im Amt erlebt, was er gerade erkennt, hätte er selbst wohl lange für nicht möglich gehalten: Die Landwirtschaft erlebt einen Paradigmenwechsel.
Politik nehme die Sorgen der Branche über Parteigrenzen hinweg wieder ernster, obwohl ihr Anteil der Beschäftigten an der Wirtschaft nur noch zwei Prozent ausmache. Dass sich die Vorzeichen im Denken der Politik geändert haben, macht er an einem aktuellen Beispiel fest: der GülleApp, die jetzt in Bayern kommen soll.
Sie biete den Bauern Chancen, die ungeliebte Gülleverordnung umzusetzen und dennoch die vom Verbot bedrohte bisherige Breitverteilung von Gülle auf Grünland weiter anzuwenden – „und das in einfacher und praxisnaher Weise, ohne große Dokumentationspflichten und damit ohne zusätzliche Bürokratie“, so der Amtschef, was schon an sich schon ein Fortschritt darstelle.
Denn den extremen Bürokratismus im Agrarbereich anzugehen, sei eine Forderung der Landwirte gewesen – und werde offensichtlich auch angegangen. „Das denke ich an diesem Beispiel klar erkennen zu können!“, so der Amtschef.
Vertrauen statt Misstrauen
Der Haken: zulässig ist das nur mit stark verdünnter Gülle von max. 4,6 Prozent Trockensubstanz, die schneller in den Boden eindringen kann und dadurch Ammoniakabgasung verhindert. Das Entscheidende sei jedoch, dass hier erstmals wieder Vertrauen Kontrollen und detaillierte Dokumentationen der Landwirte ersetze.
„Die Bauen müssen das nicht dokumentieren, wenn sie diese Gülle breit und nicht bodennah ausbringen, Stichprobenkontrollen wird es allerdings schon geben“, erläutert Semmler. Das sei komplett neu im Umgang miteinander und ein Zeichen, dass die Demonstrationen vom vergangenen Winter gewirkt hätten. „Das Misstrauen gegenüber der Landwirtschaft ist geringer geworden!“, beschreibt Semmler.
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Komplexe Antragsregelwerke für Agrarförderungen mit Dokumentationsvorgaben und oft weltfremden Anordnungen binden die Landwirte bislang mit stundenlangem Sitzen vor dem PC an die digitale, staatliche Leine. Das Bürokratiemonster werde so schnell nicht zu entflechten sein, doch neue Regelungen würden jetzt darauf abgeklopft, dass sie möglichst wenig Realitätsfremdes enthalten und die Vorgaben einfach umsetzbar sind, so sein Eindruck. „Was mich überrascht ist, dass Verwaltung fähig ist, für diese Probleme einfache Lösungen zu finden“, so Semmler. Vor allem einen Grund sieht er dabei als entscheidenden Auslösefaktor für das Umdenkens im Umgang mit der Landwirtschaft: die landesweiten Proteste vom Jahreswechsel, bei der die Landwirte das Land mit Demonstrationen bis nach Berlin lahmlegten.
„Es hat immer themenbezogene Proteste der Bauern gegeben“, sagt Semmler, doch diese Demos seien auf einer breiten Basis der Unzufriedenheit und des Frustes entstanden – „und auch ein Stück weit aus dem Gefühl der Machtlosigkeit!“ Die Abschaffung der Agrardieselentlastung, die heute noch gilt, habe das Fass nur noch zum Überlaufen gebracht. Was die Politik im Land überrascht habe, sei die breite Solidarität großer Bevölkerungsteile wie auch des Mittelstands gewesen.
Das habe das Umdenken beschleunigt und in Bayern den „Zukunftsvertrag“ zwischen der Regierung und dem Bayerischen Bauernverband (BBV) gebracht. Wobei die Proteste etwa im Landkreis Cham zur Überraschung des Amtsleiters zunächst nicht vom BBV initiiert und angeschoben wurden, sondern aus spontanen Verabredungen in WhatsApp-Gruppen entstanden, denen sich immer mehr anschlossen: „Die waren plötzlich da!“
Das sei ein neues Phänomen gewesen. Es sei für die Verbände zeitweise schwierig gewesen, auf der Höhe des Protestgeschehens zu sein. Doch eines stellt Semmler auch fest: Kaputt gemacht oder vermüllt worden sei nichts, trotz der 2000 Landwirte am Volksfestplatz. „Das machen Bauern nicht. Die sind anders sozialisiert!“, betont er. Auch, wenn die Bauern Selbstbewusstsein getankt hätten – für den Jahreswechsel erwartet er keine Neuauflage der Proteste.
Teils irrationale Debatten
Die Landwirtschaft und ihr Tun unterliege immer einer gesellschaftlichen Debatte, die manchmal nicht realitätsnah sei. Absurd erscheinen ihm Vermenschlichungstendenzen für Tiere, wenn etwa Persönlichkeitsrechte für Tiere in der Verfassung gefordert würden. Bei Katzen und Hunden sei das noch zu verstehen, aber nicht bei Nutztieren. Die Riesendebatte ums Tierwohl und was man denn ethisch vertretbar noch essen „darf“, sei teils irrational geführt: „Irgendwann verhungern wir vor dem vollen Kühlschrank!“
Wobei sich aber Dinge wie die Anbindehaltung sicher überlebt hätten. Andererseits wirke die Landwirtschaft global in viele Bereiche, wie Umwelt, Ökologie oder auch Klimawandel – „jeder redet hier mit und jeder schaut hin, weil sie ja vor aller Augen stattfindet.“ Auch im Landkreis Cham sei es so, dass Dreiviertel der Fläche landwirtschaftlich genutzt werde. Die sei begehrt – etwa für Freiflächen-PV. Für Landwirte, die über Investoren mit ihrer Fläche Geld verdienen wollten, sei das ein Weg.
Er sehe das eher mit Stirnrunzeln, wenn gute landwirtschaftliche Fläche zugebaut werde.
Bilanzierend betont Heribert Semmler, dass er für die Landwirtschaft nicht grundsätzlich schwarz sehe – „die wird es immer geben!“ Im Landkreis gebe es mit Goldsteig eine verlässliche Molkerei, wie in Nachbarlandkreisen auch. Da die Produktion von Milch als Rohstoff tendenziell hier abnehmen werde, seien der Milchpreis und damit die Einkommensperspektiven eher gut. Wenn er heute einem jungen Menschen empfehlen solle, Landwirt zu werden, frage er erst, wie der Betrieb derzeit aufgestellt sei und, ob sein Herz für den Beruf schlage. „Passt beides, würde ich keine Sekunde zögern, ihm die Landwirtschaft zu empfehlen!“
Landwirtschaft im Landkreis
Milchwirtschaft: Im Landkreis Cham liegt der Schwerpunkt der Landwirtschaft auf dem Milchvieh. Hier setzt sich der Strukturwandel fort – eher stärker, als die Zahlen vermuten lassen. 2003 gab es noch 3314 Höfe mit 65 700 landwirtschaftlicher Fläche, davon waren 2492 Kuhhalter mit 46 700 Kühen. 2024 sind es noch 2561 Betriebe mit 63 271 Hektar, davon 934 im Vollerwerb. 881 davon sind Milchkuhhalter, die 38 497 Kühe haben.
Höfe: Die durchschnittliche Betriebsgröße eines Chamer Hofs liegt heute bei 25 Hektar. Nur 15 Prozent bewirtschaften mehr als 50 Hektar. Noch unter zehn Kühen haben 140 Höfe, 150 haben zwischen zehn und 20, 310 zwischen 20 und 50, 250 zwischen 50 und 100, 50 Höfe haben zwischen 100 und 200 und zwei Höfe haben zwischen 200 und 500 Milchkühe. Nur sechs Prozent oder 125 Höfe sind Ökobetriebe, die 3631 Hektar bewirtschaften.
