Pflege steht auch in Maxhütte-Haidhof in der Kritik – Heimbetreiber wehrt sich

Von Thomas Rieke · 5. April 2025 um 19:00

Pflege, ob ambulant oder stationär, ist ein gesellschaftliches Dauerthema, auch im Städtedreieck. Im Folgenden geht es um einen Fall in Maxhütte-Haidhof, der typisch sein könnte. Zwischen Selbstdarstellung einer Einrichtung und dem, was Angehörige erleben, gibt es eine Diskrepanz.

Es tat weh, ließ sich aber nicht mehr vermeiden: 2018 musste Berta H., deren Name hier bewusst verändert wurde, in ein Pflegeheim. Kurz zuvor hatte die damals 78-Jährige ihren Mann verloren, außerdem litt sie unter mittelschwerer Demenz. Ihre Töchter übernahmen das Ruder und verständigten sich auf eine Einrichtung unweit des bisherigen Wohnorts – das Haus Maxhütte des privaten Trägers Korian. Doch die Erfahrungen sind zumindest in den Augen einer Angehörigen deprimierend.

Auch der Name von Tochter Angelika W. ist hier frei erfunden. Die 59-Jährige besucht ihre Mutter mindestens zwei Mal in der Woche und übernimmt Aufgaben der Grundpflege, wie Esseneingabe, Duschen, Anziehen. Wenn es die Zeit erlaubt, wird abends auch gemeinsam eine bekannte Fernsehserie angeschaut. Das bereitet der Mutter Freude und weckt Erinnerungen an eine entspanntere Zeit.

MZ-Redakteur Thomas Rieke beschäftigt sich mit dem Thema Pflege seit Jahrzehnten. Die gängigen Erklärungen für die Kostensteigerungen reichen ihm nicht aus. Hier lesen Sie seinen Kommentar.

Angelika W. hat gelernt, sich auf die Einschränkungen ihrer Mama, die für eine demenzielle Erkrankung typisch sind, einzustellen: Schweigsamkeit, Vergesslichkeit, Desorientierung in Raum und Zeit. Der Umgang damit erfordert viel Fingerspitzengefühl und Geduld. „Wenn man ungeduldig wird, bewirkt das das Gegenteil von dem, was man möchte“, weiß Angelika W. Wissen das auch die Pfleger und Pflegerinnen im Heim?

Fehlt es dem Personal an der nötigen Geduld?

Angelika W. hat da so ihre Zweifel. Als bei der Mutter Mängel in der Zahnhygiene sichtbar wurden, die Entzündungen zur Folge hatten, wollte sie auch auf Anraten eines Arztes der Ursache auf den Grund gehen. Die Antwort, die sie von den Verantwortlichen im Heim erhalten haben will, machte sie sprachlos: Weil die Bewohnerin „nicht kooperativ“ sei, sei es oft unmöglich, das Zähneputzen so durchzuführen, wie es notwendig wäre. Die Folge: Die Hygiene sei weiter vernachlässigt worden, Zähne fielen aus.

Angelika W. nennt eine Reihe weiterer Beispiele, die aus ihrer Sicht nicht so funktionieren, wie es angebracht wäre. Mindestens zweimal soll ihre Mutter gestürzt und teils stundenlang hilflos am Boden gelegen sein. Erklärungen dazu soll es erst auf Nachfrage gegeben haben.

Hilferufe blieben unerhört

Weil sich die in ihren Augen mangelnde Zuwendung und fehlende Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Mutter negativ auswirkten, hat sich Angelika W. immer wieder an das Personal gewandt und das Gespräch zu Pflegedienstleitung und Heimleitung gesucht. Als das nach ihrem Befinden nichts brachte, kontaktierte sie den Medizinischen Dienst sowie die Heimaufsicht, die beim Landratsamt angesiedelt ist. Wieder ohne Erfolg, sagt sie. Schließlich wuchs die Verzweiflung so stark, dass Angelika W. den Schritt in die Öffentlichkeit suchte.

Ihre Kernbotschaft: Trotz enormer Kosten (der Eigenanteil bei Pflegegrad 5 liegt bei 3300 Euro) laufe in der Pflege zu vieles schief. Am problematischsten sei der permanente Personalwechsel. „Immer wieder treffe ich auf Leute, die ich vorher bei meiner Mutter noch nie gesehen habe“, berichtet Angelika W. Und auch die Kommunikation mit Patienten und ihren Angehörigen lasse sehr zu wünschen übrig.

Laut Homepage ein Spezialist für Menschen mit Demenz

Wirft man einen Blick auf die Homepage der Einrichtung, in der Berta H. untergebracht ist, müsste eigentlich alles in schönster Ordnung sein. Korian, ein Riese unter den Unternehmen in der Branche, wirbt ausdrücklich mit seiner Erfahrung mit Demenzkranken. Man nehme auf sie „größtmögliche Rücksicht“.

Wörtlich heißt es: „Jeder Mensch ist einzigartig und so ist auch seine Demenz einzigartig. Daher haben wir in unseren Einrichtungen verschiedene Ansätze, um unsere Bewohner (...) zu betreuen. Die Basis im Umgang mit Menschen in der Demenzpflege ist jedoch immer der Dreiklang aus Akzeptanz, Respekt und Empathie.“

Die Redaktion hat Heimleiterin Stephanie Sperer mit den Schilderungen von Angelika W. konfrontiert – und auch mit der Frage, wie es zu einem so eklatanten Widerspruch zwischen der Eigendarstellung des Heims und der Wahrnehmung durch Angehörige von Patienten kommen kann.

Leitung betont selbst den Wert von Stammkräften

Sperer antwortete schriftlich und kann manche Vorhaltungen offenbar nicht nachvollziehen. In ihrer mehrseitigen Stellungnahme heißt es unter anderem: „Wir arbeiten nach dem Konzept der Bezugspflege. Hier ist es wichtig, dass jedem Bewohner ein festes Team von Pflegekräften zugeordnet ist. Dadurch können Bewohner und Mitarbeiter eine Beziehung zueinander aufbauen, was Vertrauen schafft, und den Bewohnern hilft, sich bei uns ,zu Hause‘ zu fühlen.“ Aufgrund persönlicher (Schwangerschaften, Weiterbildungen) oder organisatorischer (Verhältnis von Fachkräften zu Hilfskräften) Gründe könne es vorkommen, „dass wir Teams verändern müssen“. Das Stammpersonal bleibe jedoch bestehen.

Zum Stichwort Kommunikation erklärte Sperer: „Wir stehen in kontinuierlichem Austausch mit Bewohnern und Angehörigen. Unsere Tür steht stets für Wünsche und Anregungen offen, die wir sehr ernst nehmen.“ Informationsaustausch sei im Hause Maxhütte essenziell, um auf die individuellen Bedürfnisse reagieren zu können. Deshalb versuche man auch „so transparent wie möglich“ zu agieren.

Zahlenmäßig besser besetzt als vorgeschrieben

Und zum Thema Fachkräftemangel merkte die Leiterin an: „Wir beschäftigen mehr Personal als gesetzlich vorgeschrieben und legen großen Wert darauf, unsere Mitarbeiter weiterzuentwickeln.“ Aktuell bilde man als renommierter Betrieb 14 Nachwuchskräfte aus.

Seitens des Landkreises betonte Behördensprecher Manuel Lischka, die Heimaufsicht überprüfe alle stationären Einrichtungen der Pflege „unangekündigt, mindestens einmal im Jahr“ – also auch das Haus von Korian. Bei Bedarf würden die Einrichtungen zusätzlich anlassbezogen kontrolliert.

Zum konkreten Fall könne man aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Aussagen treffen, so Lischka. Angelika W. bleibe es unbenommen, sich an das zentrale Beschwerdemanagement des Trägers zu wenden, um ein „klärendes Gespräch zu führen“.