„Brüllaffen eignen sich hervorragend als Bass“

Von Dominik Schweighofer · 3. April 2025 um 15:00

Für ihr neues Album als „her tree“ reiste Alexandra Cumfe in den Dschungel von Peru und Kolumbien. Die Naturgeräusche geben ihren Songs eine Wärme und Tiefe, die nicht unbedingt typisch für elektronische Musik ist.

Man kann nur hoffen, dass die hiesigen Singvögel jetzt nicht so genau hinhören. Denn Alexandra Cumfe hätte da durchaus eine kleine „Kritik“ vorzubringen. „In Europa geben die Vogelstimmen nicht so viel klare Melodien her“, sagt die Musikerin. „Löbliche“ Ausnahme bei all dem aufgeregten Gezwitscher: der Kuckuck mit seinem charakteristischen „Gu-kuh“-Ruf. Dementsprechend wird der niederbayerische Kuckuck auch auf dem zweiten Album von Cumfes Projekt „her tree“, bei dem sie Elektromusik nur mit den Klängen aus der Natur erschafft, reichlich zu hören sein. Auf der Suche nach neuen Naturklängen und vor allem nach Vögeln, die klare Melodien pfeifen, hat es die Künstlerin aber auch weit weg verschlagen – in den Dschungel von Peru und Kolumbien.

Es passt zu der Geschichte, dass ausgerechnet Kiwi, seines Zeichens Dalmatiner-Bernersennenhund, sein Frauchen auf diese geniale Idee gebracht hat. Kiwi lege sich bei Spaziergängen gerne auf den Boden und lausche, erzählt Alexandra. „Ich habe mich gefragt, was hört sie da eigentlich und angefangen, mit ihr zu lauschen.“

Orte ohne Straßenlärm

Die Musik des Waldes fand Cumfe so schön, dass sie sie mit ihrem alten Handy aufnahm. „Ich wollte keine Musik daraus machen“, erinnert sich die Musikerin, die 2016 als Mundartsängerin mit ihrem Debütalbum „Jetzt“ erste Erfolge gefeiert hatte. Aber beim nochmaligen Anhören waren die Aufnahmen aus den heimischen Wäldern für sie so inspirierend, dass sie am Computer „zum rumdrehen angefangen“ hat. Das Ergebnis: elektronische Popmusik, die zu 100 Prozent aus der Natur stammt. Die unerwartete Medien-Aufmerksamkeit für „her tree“ löste bei ihr nur Freude aus, Druck verspürte sie vor dem zweiten Album nach eigenem Bekunden nicht. Der Anspruch an sich selbst aber ist weiter gestiegen: „Ich versuche, besser zu werden als Naturkennerin. Das ist ein Erfahrungsprozess.“ Also: Wo und wann komme ich noch näher an die Tiere heran, um bessere Aufnahmen zu bekommen? Und: Wo sind die Orte, an denen man den Straßenlärm möglichst nicht hört?

Bei aller Professionalisierung war Cumfe aber bald klar – für die neuen Songs will sie unbedingt in den Dschungel. 2022 schrieb sie eine Primatologin an, ob sie sie auf eine Tour in die Tiefen des tropischen Regenwaldes führen könnte. Im vergangenen Sommer flog sie dann für sechs Wochen nach Peru und Kolumbien. In Peru verbrachte sie mit der Primatologin zehn Tage am Stück im tiefen Urwald. Sie schliefen in kleinen Hütten oder auch einmal in einer Amazonashängematte. In einem Hochstand war die Gruppe 32 Meter über dem Boden. „Über uns in der Baumkrone lebten ,Spider Monkeys‘, die ich sehr gut aufnehmen konnte“, sagt Cumfe zufrieden. „Und die Brüllaffen eignen sich hervorragend als Bass. Manchmal brüllen sie aber einfach auch nur so rum. Die würden eigentlich gut für Heavy Metal passen.“

Mit dem Kajak ging es für Alexandra Cumfe und ihre Begleiter auf Flüsschen und Seen durch den Urwald. Dabei faszinierten sie nicht nur die klaren Melodien der Vögel oder das Gebrüll der Affen, sondern auch die Pflanzenwelt. In Kolumbien war ein Blatt gar so groß wie sie selbst – die Dicke glich der eines Schlagzeugfells. Perfekt, um für satte „Beats by Dschungel“ zu sorgen. „Es hat sich absolut gelohnt.“

Wohltuend schräg

Mit diesen Naturgeräuschen baut Cumfe ihre Musik zusammen. Manchmal gefällt ihr zum Beispiel der Gesang eines Vogels so, dass sie ihn als Sample nutzt und den Song drum herum entstehen lässt. Bei anderen Stücken schreibt sie das Grundgerüst ganz klassisch am Klavier, um die Instrumente dann durch Tier- und Pflanzengeräusche zu ersetzen. Auf ihr Midi-Keyboard kann Cumfe all diese Klänge aufspielen. Das kann das langgestreckte „Kuh“ des Kuckucks sein, das dann 20-mal hintereinander abgespielt wird. Bäume, Blätter, Steine oder Sand ersetzen etwa das Schlagzeug. Es kommt Cumfes englischsprachiger Gesang hinzu, auch Chöre gehören zum Sound von „her tree“. Mit Max Spindler im Studio in Rosenheim wird schließlich final an den Songs gearbeitet.

Das Ergebnis klingt auch auf der bereits erschienen Single „Will You“ beim ersten Hören nach zeitgemäßem urbanem Elektropop. Erst nach und nach hört man die Natur heraus. Das gibt den Songs bei aller Eingängigkeit einen wohltuend schrägen Touch, außerdem eine Wärme und Tiefe, die nicht unbedingt typisch für elektronische Musik ist. „Tierstimmen sind ja nicht gestimmt“, sagt Cumfe. „Wir haben deshalb bei manchen Songs total drauf verzichtet, in einer bestimmten Tonart zu sein. Es entstehen so ganz andere Klangstrukturen.“