Sie ist älter, er deutlich jünger – geht das? Das sagt eine bekannte Soziologin aus Bad Gögging

Liebesbeziehungen, in denen die Frau deutlich älter ist als der Mann. Darum ging es in den Publikationen von Dr. Ursula Richter immer wieder. Jetzt hat sie dazu eine Erzählung vorgelegt, die eine neue Antwort zu dem Thema geben könnte. Das Thema hat auch einen Bezug zu Bad Gögging (Landkreis Kelheim).
In Bad Gögging hat Dr. Ursula Richter ihre Jugend verlebt, in den USA, Japan und China war sie zuhause. Es ging bei den vielen wissenschaftlichen Arbeiten der Soziologin um Themen, die Frauen helfen, neue Perspektiven für ihre Lebensführung zu finden. Mit „Einen jüngeren Mann lieben. Neue Beziehungschancen für Frauen“ machte sie einst die Rechercheergebnisse ihrer Doktorarbeit einem breiten Publikum zugänglich. Ende der Achtziger, Anfang der neunziger Jahre wurde sie damit schnell einem Millionenpublikum bekannt, weil das Thema wunderbar medientauglich war.
Blick auf die Frau
Nach Professuren in Japan und China ist das Leben der 82-Jährigen ruhiger, aber nicht unbedingt weniger arbeitsreich geworden. So hat Dr. Ursula Richter jetzt mit „hin und weg“ ein Buch vorgelegt, das ihr altes Forschungsthema aufgreift – die Liebe zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann. Allerdings, und das macht dieses Buch auch für ein breites Publikum wunderbar lesbar, ist die Darstellung aller soziologischen Fachbegriffe entkleidet. Es ist, für eine Wissenschaftlerin ungewöhnlich genug, eine Erzählung.
In „hin und weg“ nähert sich die Autorin der Angst vorm Älterwerden aus der Perspektive des Protagonisten Gregor. Der kann sich gedanklich nicht von seiner Jugendliebe trennen, muss dann aber doch bei einem zufälligen Wiedersehen feststellen, dass auch diese einst begehrte Frau gealtert ist. Eine Liebesbeziehung mit einer älteren Frau kann er sich nicht vorstellen, auch wenn er ihr sonst durchaus zugetan ist. Sein eigenes Altern blendet Gregor dabei aus.
„Eine Liebe, die keine ist“, heißt die Erzählung im Untertitel und das bringt das Thema dieses Buches auf den Punkt. Ursula Richter rückt die persönliche Ebene ihrer Protagonisten in den Vordergrund, das gesellschaftliche Umfeld („was sagt die Familie zur älteren Frau im Leben von Gregor?“) bleibt zunächst außen vor, gibt der Geschichte aber die entscheidende Wendung. Wichtig ist der Autorin dabei die Frau. „So wie sie mit dem Thema umgeht, ist sie sehr souverän“, sagt Ursula Richter.
Und das macht den Unterschied zu älteren Darstellungen des Themas: Es hat teilweise ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden. Die Leser erleben deshalb in „hin und mit“ eine Frau, die handelt und einen Mann, der in seinen Vorstellungen gefangen ist. „Der Mann ist unsicher, wie die Familie auf die ältere Frau reagiert.“ Das erschwert, jedenfalls in der Erzählung, die Beziehung.
Für Ursula Richter geht es beim Thema Liebe um mehr als um ein Verliebtsein. „Liebe kann ewig sein. Liebe ist auch Leben und sie bedeutet auch Veränderung“, sagt sie. „Wenn man die Veränderung nicht schafft, ist es keine Liebe mehr, die alles mitträgt und Verständnis hat.“
Sie ist unabhängig
Das Buch „hin und weg“ ist auch eine Antwort auf frühere Veröffentlichungen, sagt Ursula Richter. „Liebe ist Nahrung für das Leben“, sagt sie. „Aber anders als früher braucht man als Frau heute nicht mehr den anderen. Insofern ist man unabhängig.“
Das war noch lange vor dem Ersten Weltkrieg, als Betty Hauber, die 1908 mit gerade einmal 24 Jahren das Römerbad in Bad Gögging übernahm, nicht so und auch lange nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Hauber ist deshalb eine der Heldinnen von Ursula Richter. Sie war damals die erste Frau, die einen Kurhausbetrieb in Bad Gögging führte, eine Pionierin, und sie war sicherlich auch eine sehr selbstbewusste Frau.
Man kann sie deshalb wohl als eine Vorreiterin der Emanzipation und möglicherweise auch in einer Reihe mit Frauen sehen, die sich entgegen allen traditionellen Rollenbildern für einen deutlich jüngeren Mann entscheiden.
Wer sich selbst informieren will: Ursula Richter hat Betty Hauber in „Die Geschichte unseres Dorfes“, einem Buch über Bad Gögging, das zum 100-Jährigen des Kurortes erschien, porträtiert.