Publikum feiert Uraufführung von „Conni scheißt auf alles“

Von Katharina Kellner · 30. März 2025 um 19:30

Eine Kinderbuchheldin schminkt sich ab: Autorin Hannah Haberberger und Regisseurin Rachel Müller spinnen die Story aus den Conni-Bilderbüchern weiter und fragen: Was macht es mit einem Menschen, in einer so unerträglich perfekten Familie aufzuwachsen? Dabei entlarven sie die Mechanismen der Selbstoptimierung.

Apfelsaft, ausgerechnet! Alle blicken bei diesem Wunsch von Anna, die bei Conni zu Besuch ist, drein wie beim Ausbruch der Zombieapokalypse: Entsetzte, verzerrte Gesichter, eine schwer schnaufende Conni kriecht unter der Bühnenleinwand mit strahlend blauem Himmel hervor: Es gibt keinen Apfelsaft im Haus, was für ein unverzeihlicher Makel! Ist doch nicht alles perfekt bei Familie Klawitter?

Es ist eine der herrlich grotesken Szenen aus „Conni scheißt auf alles“, das am Samstag im Theater am Haidplatz seine Uraufführung feierte. Das Stück hält sich nicht mit Connis lauwarmen Abenteuern aus den bekannten Kinder- und Jugendbüchern auf. Autorin Hannah Haberberger und Regisseurin Rachel Müller spinnen die Story weiter und fragen: Was macht es mit einem Menschen, in einer so unerträglich perfekten Familie mit betonfester Rollenverteilung aufzuwachsen?

Lesen Sie hier, wie die Uraufführung von „Conni scheißt auf alles“ zustande kam: Eine Kinderbuchheldin auf der Couch

Aufhänger der Geschichte ist Connis 35. Geburtstag. Auf der Bühne ist sie zu dritt: Johanna Kunze, Katharina Solzbacher und Anna Kiesewetter verkörpern verschiedene Facetten der Buchfigur, die sich inhaltlich kaum voneinander abgrenzen lassen. Doch durch den dramaturgischen Einfall kommt die Figur mit sich selbst ins Gespräch. Das ist nötig: Zum ersten Mal in ihrem Leben laufen die Dinge nicht rund. Keine Menschenseele ist zu ihrer Party erschienen. Sogar für die harmoniesüchtige Conni ist da unübersehbar: „Wir sind hardcore alleine und das hat einen Grund!“

„Du wäscht keine Wäsche, du besteigst den Mount Waschington!“

Dabei war sie stets zu allen so nett und führt buchstäblich ein Leben wie im Bilderbuch? Haberberger interessiert sich für Frauen- und Körperbilder. In mehreren Szenen lässt sie die drei Connis frühere Begegnungen reflektieren. So zeigt sich beim Vater-Mutter-Kind-Spiel mit Kindergartenfreund Paul, wie sehr sie geprägt ist von einem überkommenen Rollenverständnis. Als Connis Mutter hämmert Solzbacher deren Freundin Anna mit betoniertem Lächeln das Mantra ihrer Selbstausbeutung ein: „Du wäscht keine Wäsche, du besteigst den Mount Waschington!“ Die schablonenhaften Geschlechtsstereotype haben komisches Potenzial. Als das Trio das Kennenlernen von Conni und ihrem Mann nachspielt, legt eine der anderen Sprüche in den Mund, die das fortschrittlich eingestellte Publikum innerlich auf die Barrikaden bringen – und ungläubig lachen lassen.

Der rote Faden ist nicht eindeutig auszumachen, die Szenen stehen eher für sich. Und dass das Trio Annas Besuch dreimal durchspielt, bei gesteigertem Tempo, wäre gar nicht nötig. Auch so wird klar: Müller und Haberberger wollen zeigen: Das Perfektions- und „Powerfrau“-Gehabe strengt an. Ihr Fett weg bekommt die Selbstoptimierungs-Industrie: Die in atemlosem Tempo verrichtete „Quick Relax Yoga Routine“ erhöht Connis Stress. Beim Handyscrollen steigert sie sich, verunsichert von den Zuflüsterungen der Beauty-Influencerinnen zwischen Tiegeln, Cremes, Badebomben und wurstfarbenem Gesichtsgurt in das Credo hinein: Je hässlicher die Anwendung, umso besser das Ergebnis.

Grandiose Schauspiel-Leistung

Die psychischen Zustände zeigen sich körperlich: Mit dem Herausrülpsen der Buchtitel biegt Conni ein auf den Pfad schonungsloser Selbsterkenntnis. Die Farbe, die die Connis sich zu Beginn ins Gesicht kleisterten, muss am Ende ab. Eine Befreiung: Wie immer bei Conni war auch das too much. Das furiose Ende, bei dem man eine völlig neue Conni erleben kann, läutet eine Szene ein, die im Gedächtnis bleibt: Mit schmerzverzerrten Gesichtern winden sich die drei Connis einen Furz aus den Gedärmen. Das kann man peinlich finden, hat aber subversive Kraft, weil es in diametralem Kontrast steht zu dem von Industrie und Social Media vermittelten Körperbild, nach dem Frauen Feenwesen ohne natürliche Körpervorgänge sind. „Conni scheißt auf alles“ ist hier wörtlich zu nehmen.

So bringen Haberberger und Müller eine spannende Fortschreibung der Buchfigur auf die Bühne. Sie halten sich nicht mit „Conni-Bashing“ auf. Vielmehr zeigen sie ihre fiktive Figur verletzlich: Deren unerfüllbarer Anspruch an sich selbst erschöpft sie, macht sie einsam. Was die drei Schauspielerinnen an diesem Abend leisten, ist absolut grandios: Jeder Einsatz ist punktgenau, virtuos bespielen sie das auf der Bühne dominierende Klettergerüst (Ausstattung: Larissa Kramarek). Es ist ein großer Spaß, ihnen zuzusehen. Völlig zurecht will der Applaus gar nicht enden.