Domspatzen feiern Jubiläum mit Gala-Konzert im Audimax

Von Andreas Meixner · 30. März 2025 um 16:30

Da war es nun: Der mit Spannung erwartete Höhepunkt des dreitägigen Festivals „Junge Stimmen“, das die Domspatzen anlässlich ihres 1050-jährigen Jubiläums ausgerufen hatten. Und es wurde tatsächlich das internationale Gipfeltreffen führender Jugendchöre, auch wenn man sich der Vollständigkeit halber noch Vertreter der großen anglikanischen Knabenchortradition gewünscht hätte.

Als Gastgeber eröffneten die Domspatzen mit einem launigen, verspielten „Zu Regensburg auf der Kirchtumspitz“ aus der Feder ihres Domkapellmeisters Christian Heiß den Abend, erwiesen mit Palestrinas „Laudate Dominum“ und Mendelssohns „Die Nachtigall“ ihrem Kernrepertoire die Referenz und brachten die Auftragskomposition „Passer invenit“ von Wolfram Buchenberg erstmals zur Aufführung. Das alles in der gewohnten Regensburger Klangkultur, garniert mit einer gehörigen Feierlaune und Sangeslust des sichtlichen stolzen Geburtstagskindes.

Mit dem Dresdner Kreuzchor, dem Windsbacher Knabenchor und den Augsburger Domsingknaben waren die absoluten Schwergewichte der deutschen Knabenchorszene vertreten. Zusammen mit dem Riga Cathedral Boys Choir aus Lettland und den katalanischen Sängern der Escolania di Montserrat präsentierten die Chöre zusammen mit ihren Regensburger Gastgebern alle Facetten ihres typischen Repertoires und ihrer jeweils ganz eigenen Stils des gemeinsamen Gesangs, der Interaktion und Interpretation. Was es heißt, in einer Sängergemeinschaft zusammenzuwirken und zu einem künstlerischen Ausdruck zusammenzufinden, war in den sechs Minikonzerten des über dreistündigen Konzerts deutlich zu hören. Verschiede musikalische Sozialisationen, regionale Traditionen, unterschiedliche Klangideale – all das war auf einem atemberaubend hohen Niveau und in einer Vielfalt zu erleben, wie man es wohl in dieser konzentrierten Form in Regensburg noch nie erlebt hat.

Hohe sängerische Güte

Ein qualitativer Vergleich verbietet sich dabei – nicht aus Anstand oder Gastfreundlichkeit, sondern weil die Genese und Historie der sechs Knabenchöre so verschieden sind, jenseits der sängerischen Güte und hohen Kunstfertigkeit. Im Stil und der klanglichen Konzeption mag es noch am ehesten eine hörbare Nähe zwischen den deutschen Chören aus dem kirchenmusikalischen Umfeld geben. Aber auch hier entwickelt die protestantisch, mitteldeutsch geprägte Gesangskultur einen eigenen Flair, wenn der Dresdner Kreuzchor unter der Leitung von Martin Lehmann in einer äußeren und inneren Disziplin Oskar Wermanns „Vater unser“ in den Raum des Regensburger Audimax stellt. Soli- und Tuttichor sind auch bei Mendelssohn mächtigen Motette „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ präzise und klangschön aufeinander abgestimmt. Da ist nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen.

Auf den ersten Blick wirkt der Windsbacher Knabenchor mit dem Dirigenten Ludwig Böhme hemdsärmeliger im Auftritt, sie blasen die Zuhörer aber mit einer atemberaubenden und dramatisch aufgeladenen Interpretation von Hugo Distlers unglaublich schwer zu singenden „Feuerreiter“ von den Stühlen. Stefan Steinemann und seine Augsburger Domsingknaben huldigen mit erfrischender Schnörkellosigkeit der Musik von Palestrina und Purcell, zeigen mit Georg Grüns Pfingstmotette „Veni Sancte Spiritus“ ihre ganze Souveränität in der zeitgenössischen Vokalmusik.

Als einziger reiner Knabenchor war die Escolania di Montserrat unter Llorenç Castelló i Garriga angetreten und präsentierten sich kompromisslos mit faszinierender Musik ihrer katalanischen Heimat, darunter Francesc Civil‘s lautmalerischer „Song oft the birds“. Ihre Chorgewänder sind stolzer Ausdruck 700-jähriger Tradition mit täglichen liturgischen Verpflichtungen – ein kraftvolles Statement, ebenso der klar gesetzte Gesang.

Der blondschöpfige Solist des Riga Cathedral Boys Choir zog zunächst mit seiner unglaublich schönen Stimme alle Blicke auf sich, Janis Kirsis‘ stimmungsvoller „Moon song“ wurde zu einer ersten Kostprobe des nordischen Chores, der sich unter Führung von Martinš Klišans als eine kleine, wendige Formation erwies, die mit John Rutters Magnificat und dem exakt einminütigen „Bogoroditse Devo“ von Arvo Pärt im weiteren Verlauf zeigte, dass sie alles können.

Hoffnung für Europa

Zum Finale kommen alle sechs Chöre auf die Bühne, singen gemeinsam Bruckners „Locus iste“ und „The Lion sleeps tonight“. Die Strophen des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“ teilen sie untereinander auf, ehe sich alle zum gemeinsamen Schluss vereinen – Gänsehaut pur. Am Ende sind die drei Tage auch ein hoffnungsvolles kulturelles Vermessen des jungen Europas, das gerade von Krisen, politischen Verwerfungen und Identitätsfindung arg geschüttelt ist. Auch das ist der bleibende Verdienst des Festivals und der Domspatzen.

Der Solist des Riga Cathedral Boys Choir beeindruckte.Foto: altrofoto.de
Erfrischend schnörkellos: die Augsburger DomsingknabenFoto: altrofoto.de