Über 100 Kilometer neuer Trails bei Kelheim: Zum Genießen, nicht für „Adrenalin-Fraktion“

Am Anfang stand eine fiese Nagelbrett-Attacke. Ein tückischer Angriff im Mai 2020 schob indirekt das Projekt Mountainbike-Trails für die Region Kelheim an. Fünf Jahre später geht es an den Start. Die „Altmühltal Urtrails“ bieten über 100 Kilometer Gesamtlänge – und zwei knackige Kurzstrecken. Das ist entstanden.
Es war mehr als ein Schreckensmoment. Zwei Biker aus dem Landkreis rollten bei einer Tour am Weltenburger Berg in eine Senke – und kamen mit zerstochenen Reifen wieder raus. Ein bis heute unbekannter Täter hatte in der Strecke unter Laub ein Brett mit Nagelspitzen nach oben vergraben. Es blieb in jener Zeit – im Mai 2020 – nicht der einzige Vorfall.
„Tatsächlich war das der Auslöser, dass wir etwas tun müssen“, sagt Ludwig Döhl (35) aus Ihrlerstein. Der frühere Weltcup-Mountainbiker zählt zu den Machern des MTB-Projekts für die Region. Die gemeine Attacke hatte auch offen gelegt, was manchem seit längerer Zeit ein Dorn im Auge war: zügelloses Biken im Wald. „Kelheims Bürgermeister Christian Schweiger war die treibende Kraft, um es in geordnete Bahnen zu lenken“, erklärt Döhl.
Verschiedene Konzepte wurden erwogen, vom Langstrecken-Netz bis zum Bikepark. „Letzteres sind Zentren mit Liften, wo über Rampen und Holzelemente runter gejagt wird“, erklärt der Fachjournalist (bike-test.com). Das wollten die Initiatoren definitiv nicht. „Unsere Region steht für Naturerlebnis und Genuss. Das sollen auch die Touren abbilden.“ Döhl, der dem RSC Kelheim angehört, wurde früh zum Mitstreiter, als es um die Auswahl von Strecken ging.
Bikender Rentner (71) sucht die passenden Wege aus
Beim Sondieren des Geländes half auch Hans Schicklgruber, Pensionist (71) aus Kelheim. „Ich bin seit über 20 Jahren mit dem E-Bike unterwegs und kenne alle möglichen Wege. Wir schaffen jetzt erstmals Strukturen“, sagt er. Der Name „Urtrails“ sei bewusst gewählt. „Wir wollten schöne Touren, ohne bauliche Elemente wie Sprünge oder steile Anliegerkurven.“ Döhl schiebt hinterher: „Wir stehen nicht für die Adrenalin-Fraktion.“
Zur Entstehungsgeschichte gehört auch die Zusammenarbeit mit Naturschutzbehörden, Jägern, Förstern und selbstredend den Waldeigentümern. Eingebunden wurden zudem neben Kelheim auch die Gemeinden Ihrlerstein, Painten und Riedenburg. „Anfänglich gab es Skepsis. Aber im Lauf der Zeit standen alle hinter dem Projekt“, sagt Döhl. So kam gut an, dass man das Nationale Naturmonument Weltenburger Enge aussparte.
Waldeigentümer ziehen mit
Die Touren – Routen siehe unten stehend – verlaufen überwiegend durch Staatsforsten und Kommunalwald. „Privatbesitzer, deren Wege genutzt werden, zeigten sich sehr entgegen kommend“, betonen Döhl und Schicklgruber. Ein Großteil der Strecken bestand im Übrigen schon, musste nur stellenweise ertüchtigt werden. „Wir haben nichts irgendwo neu in den Wäldern angelegt.“
Mit Ausnahme von zwei speziellen Trails: „Flow Jo“ und „Fakir II“ (in Anlehnung an die Nagelbrett-Attacke). Sie verlaufen über je rund einen Kilometer am Weltenburger Berg. Ausgangspunkt ist für beide der Wanderparkplatz oberhalb des Kelheimer Waldfriedhofs. „Auf den beiden Kurzstrecken gibt es längere Abfahrten, um mal das freie Gefühl des Bikens zu erleben.“ Auch diese Pfade kommen ohne künstliche Zusatzbauten aus.
Trailbau-Tag: Plötzlich standen 30 Helfer da
An einem „Trailbau-Tag“ (Döhl) wurden „Flow Jo“ und „Fakir II“ in den Wald gezogen. Döhl und Schicklgruber staunten, als 30 Helfer vor ihnen standen, „vom Schüler bis zum Rentner“. Der finale Akt in den nächsten Wochen ist das Anbringen von rotweißen Täfelchen zur Beschilderung. „An Kreuzungspunkten fallen sie etwas größer aus.“
Mit vier Touren (zwischen 20 und 40 Kilometer lang) sowie den beiden Kurzstrecken gehen die „Altmühltal Urtrails“ Mitte April an den Start. „Ob es eine offizielle Eröffnung geben wird, steht noch nicht fest. Touristen und Einheimische können jedenfalls in ein paar Wochen das ganze Angebot nutzen und sich fit halten“, sagen die beiden passionierten Biker. Die Touren lassen sich auch verbinden, umgekehrt gibt es auch Abkürzungen.
Strampeln und Kulinarik: Touren sind gespickt mit Gastronomie
Zum Freizeitgenuss soll auch die Gastronomie entlang der Wege beitragen. „Wir haben gemeinsam mit dem Tourismusverband im Landkreis darauf geachtet, dass immer wieder Einkehrmöglichkeiten auf den Routen liegen.“ Der Tourismusverband hat auch die Finanzierung gestemmt. Dank vieler Eigenleistungen beschränken sich die Ausgaben auf ein paar Tausend Euro.
Um mögliche Konflikte, etwa zwischen Wanderern (sie können die Wege auch nutzen) und Bikern, zu minimieren, tun die Initiatoren ihr Möglichstes. „Wir stellen Schilder auf, die auf gegenseitigen Respekt verweisen.“ Döhl und Schicklgruber sehen die Mountainbiker in der Pflicht. „Auf Wanderer fährt man langsam zu“, mahnen sie. „Ein Großteil aller Waldnutzer ist vernünftig und rücksichtsvoll. Einige Unbelehrbare wird es immer geben.“
Die vier Touren der „Altmühltal Urtrails“ im Überblick
Kloster: Mit dem Start am Stadtplatz in Kelheim geht es über Thaldorf zum Kloster Weltenburg. Tipp: Rückkehr per Donauschiff.
Frauenhäusl: Ebenfalls von Kelheims Altstadt aus führt diese Strecke über den Goldberg zum Wirtshaus Frauenhäusl. Tipp: Einkehren.
Naturfreundehaus: Auch diese Tour hat ein schönes Ziel. Sie startet in Kelheim und „kraxelt“ ab Schleuse Gronsdorf hoch. Tipp: Natur genießen.
Burgenblick: Am Stadtplatz in Riedenburg nimmt dieser Rundkurs seinen Ausgang. Über Emmerthal führt die Schleife. Tipp: Burg Prunn.