Ronya Othmann spricht und liest über den Genozid an den Jesiden

Von Katharina Kellner · 27. März 2025 um 17:00

Das Vergangene ist nicht vorbei: Die Autorin hat sich tief hinein gegraben in das Leid der Überlebenden. Sie reiste zu Tatorten, besuchte Gedenkstätten, sprach mit Betroffenen in Flüchtlingscamps – und mit eigenen Verwandten. Daraus destillierte sie einen 500 Seiten-Roman.

Der 3. August 2014 ist ein Schnitt im Leben von Ronya Othmann. Das sagte die Autorin am Mittwochabend bei ihrer Lesung in der Buchhandlung Dombrowsky. So wie Othmann geht es vielen Jesiden. An diesem Tag überfielen Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) die Region Shingal im Nordirak. In den Tagen darauf verübte der IS einen Völkermord, tötete mehr als 5000 Jesiden, verschleppte etwa 7000, vergewaltigte systematisch. Rund 2700 Frauen und Mädchen werden weiter vermisst.

Othmann hat sich tief hinein gegraben in das Leid der Überlebenden. Sie reiste zu Tatorten, besuchte Gedenkstätten, sprach mit Betroffenen in Flüchtlingscamps und mit eigenen Verwandten. Daraus destillierte sie einen 500 Seiten-Roman, den Dombrowsky-Inhaberin Lalena Hoffschildt als „einen literarischen Stream of Consciousness“ in hoher Qualität bezeichnete.

Moderatorin Melissa Mahmoud erwies sich als kongeniale Gesprächspartnerin für die Autorin: Sie hat selbst jesidische Wurzeln, ist tief drin im Stoff und stellte kluge Fragen, sodass der zweistündige intensive Austausch zum großen Gewinn für das Publikum wurde. Am Anfang und am Ende las Othmann Passagen aus ihrem Roman „Vierundsiebzig“. Darin schreibt sie über ihre Reisen nach Syrien und in den Irak: „Ich habe gesehen. Das Ich ist ein Zeuge. Es spricht und doch hat es keine Sprache.“

Was das Schweigen erzählt

Ihre eigene Position verortet Othman im Dazwischen. Sie schreibt über ihren Besuch im Haus von Vian Dakhil, der einzigen jesidischen Abgeordneten im irakischen Parlament: „Ich bin nicht als Journalistin gekommen, sondern als Tochter eines Bekannten ihres Schwagers und habe dann mein Aufnahmegerät angeschaltet.“ Die persönliche Verwicklung der Autorin lässt sie das Geschehene und die aktuelle Situation der Jesiden besonders eindrucksvoll schildern. Sich selbst brachte dieser Umstand in emotionale Ausnahmezustände: Ihre Reisen hätten verändert, „wie man auf Sachen schaut“, erzählt sie. Bei der Rückreise vom Flughafen in einem bayerischen Zug musste sie sich explizit vergewissern: „Hier gibt es keine Sprengfallen, keine Milizen, keine Bombenangriffe.“ Die Kollision mit der deutschen Realität erlebte sie als Schock: „Da wird einem bewusst, wo man gerade noch war.“ Sie beschreibt, wie präsent der Genozid bis heute ist, eingeschrieben in die Landschaft, die Ruinen der Dörfer, die Menschen. Deutlich wird das Grauen oft gerade durch das Schweigen: Othmann erzählt von einer Frau, die kein einziges Wort sprach, seit der IS in ihr Dorf kam. Von Jungen, sieben oder acht Jahre alt, die stumm dasitzen. Eine Journalistin, zurückgekehrt aus IS-Gefangenschaft, sagte: „Ich erzähle, aber nicht alles.“ Später habe sie vor Gericht ausgesagt, habe also ihre Sprache wiedergefunden.

Wie überhaupt soll man das, was geschah, nennen? Verbrechen? Gräueltat? Worte wie diese, das macht Othmann im Roman klar, beschreiben das Geschehene nur unzureichend.

Nachbarn halfen dem IS

Eindringlich warnte Othmann, islamistische Kräfte aller Couleur zu verharmlosen. IS-Täter wie Jennifer W., die ein jesidisches Kind verdursten ließ, hätten sich medial als Opfer stilisiert. Die Autorin sagte, sie unterhalte einen „Fake-Account“, mit dem sie Propaganda auf Social Media anschaue. Bei frauen- oder queerfeindlichen Posts „muss ich aufs Logo schauen, ob das von Islamisten oder Rechtsextremen kommt“.

Mehr als zehn Jahre nach dem Genozid sieht sie die Perspektive für die Jesiden düster. Im Shingal gebe es viele konkurrierende bewaffnete Gruppen. Das Vertrauen zu den sunnitischen Nachbarn sei zerstört: Diese halfen dem IS, ihre Angehörigen zu verschleppen und zu töten – oder sie waren selbst beim IS. In Deutschland wurde der Shingal als sicher erklärt, erst im Februar gab es eine Abschiebung dorthin.

Othmann erzählt über die Sitzung im Deutschen Bundestag, in der die Verbrechen der IS-Terroristen 2023 fraktionsübergreifend als Völkermord anerkannt wurden, die AfD habe die anwesenden Überlebenden missbraucht durch bestellte Claqueure, die sich unter sie mischten.

Eine Zukunft für die Jesiden sei nicht möglich ohne Aufarbeitung, betonte Othmann: Nicht alle Leichen aus den Massengräbern seien identifiziert, Angehörige könnten nicht für tot erklärt werden. Gleichzeitig diskutiere das irakische Parlament über eine Amnestie für die IS-Täter. Othmann berichtete auch über jene Frauen, die Kinder aus IS-Vergewaltigungen haben: Sie müssten entscheiden, bei den Vergewaltigern zu bleiben oder ihre Kinder zurückzulassen. Ihnen zu helfen, sich hier eine Zukunft aufzubauen, scheitere an der momentanen ausländerfeindlichen Stimmung in Deutschland. Was 2014 geschah, das ist Othmanns Botschaft, ist für die Überlebenden noch lange nicht vorbei.

Ronya Othmann und ihre Lesung in Regensburg

Die Autorin ist Tochter einer Deutschen und eines syrisch-kurdisch-jesidischen Vaters. Der Romantitel „Vierundsiebzig“ verweist auf die Zahl der Massaker, deren Opfer die Jesiden in ihrer Geschichte wurden. Othmann erhielt dafür den Düsseldorfer Literaturpreis und den Erich-Loest-Preis und kam auf die Shortlist 2024 des Deutschen Buchpreises.

Ihr Werk nennt Othmann einen dokumentarischen Roman. Zunächst habe sie überlegt, eine Reportage zu schreiben, um an den Genozid zu erinnern. Doch sei Erinnerung ja immer Fiktion, sagt sie – diese entstehe auch dadurch, wie man die einzelnen Textteile montiere. Ihr Text ist Reisebericht, Essay und Reportage mit Interview-Einsprengseln.

Moderatorin Melissa Mahmoud ist an der Uni Regensburg aktiv im Arbeitskreis BIPoC, der nicht-weiße Personen vernetzt und Bildungsarbeit zu Rassismus bietet. Die Lesung war Kooperation von Dombrowsky, Katholischer Erwachsenenbildung und CampusAsyl, zudem ein Beitrag zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus, zu denen es unter dem Motto „Menschenwürde schützen“ bis 4. April 2025 Veranstaltungen in Regensburg gibt.

Ronya Othmann mit Moderatorin Melissa Mahmoud Foto: altrofoto.de