Kurzfilmwoche zeigt preisgekrönte Doku „Eine einzelne Tat“

Deutschlands uneingelöstes Versprechen: In Celle wird 2020 ein 15-jähriger Jeside getötet. Die Behörden sehen keinen Anhaltspunkt für eine rassistisch motivierte Tat. Filmemacherin Constanze Wolpers zeigt eine andere Perspektive auf.
War es Zufall, ja oder nein? Wurde der 15-Jährige Arkan Hussein Khalaf mit einem Messerstich ins Herz getötet, weil der 29-Jährige deutsche Täter ihn als ethnischen Nichtdeutschen identifizierte? Oder hätte es auch jeden anderen getroffen, der zur falschen Zeit am falschen Ort war? Davon gingen die Ermittler nach der Tat am 7. April 2020 aus.
Filmemacherin Constanze Wolpers geht der Frage in ihrer investigativen Doku „Eine einzelne Tat“ nach. Wie der Titel andeutet, kommt sie zu einem anderen Schluss: Man kann es auch als strukturellen Rassismus werten, dass Ermittler und Gericht ein rassistisches Motiv ausblendeten – bewusst oder unbewusst. Das dokumentiert sie in ihrem filmischen Essay auf gut nachvollziehbare Weise. Dabei richtet Wolpers ihr Interesse nicht auf den Täter, sondern auf die Ermittler, die befragen, rekonstruieren, protokollieren. Und auf das Gericht, das aus Akten ein Urteil destilliert, in dem manches fehlt, anderes hervorgehoben wird. Zudem gibt Wolpers Arkans Familie Gelegenheit, ihre Sicht auf den Tod des Sohnes zu erzählen.
1700 Seiten durchforstet
Sechs Monate nach der Tat fiel das Urteil des Landgerichts Lüneburg: Die Tat wurde als „Totschlag“ eingestuft, der Täter, von Zeitungen Daniel S. genannt, wurde wegen paranoider Schizophrenie auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie eingewiesen. Wolpers sagt am Telefon, sie habe das Geschehen in ihrer Heimatstadt Celle zunächst als politisch interessierter Mensch verfolgt. Eine Ermittlerin habe früh den Ton gesetzt: Bereits einen Tag nach der Tat schloss sie ein politisches Motiv aus, die Presse übernahm den Begriff „Zufallsopfer“. Den Nebenklage-Anwälten, die eine Verurteilung wegen Mordes gefordert hatten, sei bald klar gewesen, dass das Gericht das rassistische Motiv verwerfen würde. So begann Wolpers, 1700 Aktenseiten zu durchforsten. Ihr Befund: Im Urteil wird Arkan, ein im Irak geborener Jeside, als Kurde aus Syrien bezeichnet. Das vom Täter am Tatort gerufene Schimpfwort „Kanaken“, das achtmal in den Ermittlungsakten auftaucht, sei im Urteil nicht erwähnt, dafür die Begriffe „Zufall“ und „kein rassistisches Motiv“. Auf Facebook folgte Daniel S. Seiten mit verschwörungsideologischen und antisemitischen Inhalten. Einmal ritzte er „Jude“ in ein Auto, konstatiert Wolpers. In den Akten fragt ein Kommissar, suggestiv anmutend, den Täter: „Zusammenfassend kann man also sagen: Sie haben nichts gegen...?“ Dieser verneint.
Wolpers bedient sich eines eingängigen dramaturgischen Mittels: Sie spiegelt ihre Untersuchung mit einem emotional besetzten Thema: Fußball. In der Mordnacht guckt ein Redakteur der Celleschen Zeitung beim Bereitschaftsdienst Fußballklassiker: das WM-Finale von 1990. Er sieht Diego Maradona und Jorge Burruchaga anstoßen, fast zeitgleich wird Arkan in der Bahnhofstraße erstochen und stirbt bald darauf. Fußball sei identitätsstiftend und ausschließend zugleich, sagt Wolpers. Der Massensport gebe Spielern und Fans mit ausländischen Wurzeln das Versprechen, dazu zu gehören.
Familie floh vor dem IS
Die Filmemacherin erzählt im Gespräch, Celle habe die größte Diaspora der Jesiden in Europa. Die erste Generation kam ab 1966 als „Gastarbeiter“ für das neue Telefunken-Werk: „Die Türkei erhält Devisen für Menschen, die sie nicht haben will, die Bundesrepublik Farbfernseher“, heißt es im Film. Eine zweite Generation Jesiden – darunter Arkan und seine Familie – flüchtete 2014 vor dem Genozid im Irak nach Celle – die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ richtete damals in der Sinjar-Region rund 5000 Jesiden brutal hin. Die Sicherheit, die sie suchten, fanden sie nicht: Ein „Scheiß Versprechen“, kommentiert Wolpers.
Im Film spricht sie von einer rechten Kameradschaft und sieben Anschlägen auf das jesidische Kulturzentrum der Stadt. Sie kontrastiert dies mit dem Bild Celles aus der Tourismuswerbung: Fachwerk, Pferde, Heide, dazu die Vokabeln „sturmfest und erdverwachsen“. Wolpers kommentiert aus dem Off über Celle, eine Stadt, die von ihren jesidischen Bewohnern wirtschaftlich und kulturell bereichert wurde: „Das niedersächsische Versprechen auf Sicherheit. Zuhause, Arkans und meins. Aber nur für mich löst es sich ein.“
Constanze Wolpers bei der Kurzfilmwoche:
Auszeichnung: Constanze Wolpers betreibt mit Jonas Eisenschmidt in Leipzig die Produktionsfirma Radpaar Films. Zusammen drehten sie „Eine einzelne Tat“, für den sie den Deutschen Kurzfilmpreis 2024 in der Kategorie Dokumentarfilm erhielten.
Jurybegründung: „Eine einzelne Tat“ sei „ein ‚Betroffenheitsfilm‘ im besten Sinne“. Wolpers erzähle „nicht platt, sondern filmisch und künstlerisch, ja sogar intellektuell anspruchsvoll, aber eben nicht billig suggestiv“. Die Jury urteilte: „Besonders wertvoll“..
Kurzfilmwoche: Die Filmemacherin ist bei der Kurzfilmwoche am Dienstag, 25. März, 16 Uhr, im Kulturcafé im W1-Kulturzentrum (Weingasse 1, Regensburg) im Live-Talk zu erleben. An elf Festivaltagen gibt es 252 Filme in über 50 Programmen zu entdecken.
